
- Jacob macht Karriere, hält einen Vortrag - Jan Thomas Otte
Seine Augen leuchten durch die Hornbrille, die Stimme latent erregt. Der Student trägt einen Essay vor rund 500 Leuten im Saal vor, ist sichtbar bewegt. Es geht um Werte, persönlich, philosophisch und ökonomisch. Jacobus Cilliers, 23, Student im südafrikanischen Stellenbosch, steigert sich lebhaft in seiner Rolle als Referent. In Schlips und Kragen hören ihm nicht nur Studenten zu – auch die Entscheider, die heute in Politik und Wirtschaft etwas zu sagen haben. Er ist auf dem weltweit größten Symposium, das von einer Uni organisiert wird, einem Renommee, das zum 38. Mal stattfindet.
Studierende aus Afrika, Asien, Amerika
Auf einer Backpacking-Tour durch Südafrika kam er im Herbst auf die Idee, sich zu bewerben. Ein Freund sagte ihm das: „Mensch – mach doch mal“. Er wollte sich diese Chance nicht entgehen lassen. Jacobus bewarb sich fürs jährlich stattfindende Symposium. Dazu schrieb er einen Essay zum Thema “Globaler Kapitalismus – lokale Werte”. Denn Eine Plattform, auf der auf hohem Niveau und möglichst ohne Krämpfe diskutiert wird, was Strategien von Markt und Moral sein können und was nicht.
St. Gallen ist nicht nur ein Eldorado für Wirtschaftskapitäne. Rund 200 von ihnen konnten sich über den „Wings of Excellence Award“ qualifizieren. Die Nachfrage ist groß. Rund 200 Studenten wurden vom internationalen Studentenkomitee der Universität St. Gallen dann eingeladen. Und sie kamen aus über 60 verschieden Ländern weltweit, darunter auch Asien und Südamerika. Nicht nur Studenten der weltweit bekannten Eliteschulen Princeton, Harvard und Yale aus den USA sind mit von der Partie. Dazu kommen die London Business School, Oxford und Cambridge. Aber auch weniger bekannte Unis aus Australien und Neuseeland, Argentinien und Russland. Jacobus von der Stellenbosch University ist nur einer von ihnen.
Vertreter von Top-Unis: Oxford, Cambridge, Princeton
Julian Fink, PhD-Student an der Oxford University, schätzt die Qualität der Vortragenden. „Auch die Internationalität ist einer der Gründe dafür, hierher zu kommen“, sagt der Wiener. Ioanna Boulouta, aus Griechenland, studiert an der Cambridge University: „Der hohe Praxisbezug der Sessions ist eine gute Alternative zum Lernen aus Lehrbüchern.“ Anas Aljumaily steht bei den Diskussionen eher am Rande, trägt Kopftuck und Kleid – wie im Irak eben, wo er herkommt. Der Iraker studiert an der Sophia University. Er ist bewusst hier, um einen, wie er sagt, „muslimischen Standpunkt einzunehmen“ und die westliche Welt besser zu verstehen.
Referate von Studenten haben mehr Impact
Christoph Birkholz, 24, aus Witten, hatte eine kürzere Anreise. Besonders für ihn ist der Kontakt zu Studenten aus aller Welt reizvoll, um aus dem Kuckucksnest des heimeligen Hörsaals mal herauszukommen. Der BWL-Student war beeindruckt von den Beiträgen des Wings of Excellence Awards. Studenten wie Jacobus trauen sich, hier mal über das sonst Gelernte hinauszugehen – um Manager im Dialog zu konfrontieren. So manches herausgekitzelte Statement kommt dabei rum. Doch wenn es um aktuelle Probleme wie der Finanzkrise in den USA und weltweit geht, stockt auch der Bankenmanager im Hörsaal. Karriere eben.
Maßanzüge statt Inhalte sind keine gute Idee
Sonst tun das nur die eher verschlafene Studenten, heute die Herren Manager im Business-Look. Enttäuschend dagegen fanden Jacobus und Christoph den Auftritt bekannter Banker aus der Finanzwelt, darunter Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann: „Wegen der Finanzkrise hätte er sich den Fragen des Auditoriums stellen müssen", sagt der Wittener. Christoph mailt bereits, wenige Tage nach dem Symposium, mit Studenten aus Peru, Indien und Südafrika.
Networking wird groß geschrieben
Wichtig ist es, dieses internationale Netzwerk, das sich Studenten während des Symposiums aufbauen können. „Networking“ ist auch einer der Beweggründe für María Julieta Rodríguez aus Buenos Aires: „Man lernt hier viele verschiedene Menschen kennen, mit denen man oft nachher noch in Kontakt bleibt.“ Die Themen dabei sind dies und das, darunter auch Reisebesuche beim Backpacking oder eben die Vermittlung von interessanten Jobs und Praktika in Übsersee. Christoph Birkholz hat auch einige Wissenschaftskontakte mitnehmen können, zu Wirtschaftsthemen, die ihn interessieren.
Präsidenten von Staaten, CEOs von Konzernen
Die Auswahl der Referenten auf dem Symposium kann sich sehen lassen: Die Präsidenten Pascal Couchepin, Schweiz und Heinz Fischer, Österreich aus der Politik. Aber auch die Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche, Daimler, Josef Ackermann, Deutsche Bank und Rob Routs, Royal Dutch Shell. Es sind jedes Jahr auch führende Journalisten der Fernsehsender BBC und Al Jazeera, die kritisch mit den Managern diskutierten. Viele Journalisten und Unternehmer sind auch 2010 wieder dabei, denn es macht sich eben gut, hier zu sein - und wer kann, dass auch vorne auf dem Podium zu tun. Man braucht nur die Einladung dazu. Und die Studenten müssen sich bewerben. Immerhin 200 von rund 1000 Bewerbungen bekommen den begehrten Zuschlag inklusive Flug und Logis. Übernachtet wird in Studenten-WG's der Uni.
Fleißige Studenten im Hintergrund
Marisa Tanassararout, 21, hat zusammen mit rund 60 Studenten das Symposium organisiert. Sie ist noch sehr jung, aber schon bestens eingebunden in das große Programm. Jedes Jahr wollen junge Studenten wie Marisa eine Atmosphäre schaffen, die den Dialog anregt, möglichst über das hinaus, was in wissenschaftlichen Büchern und abgeklärten TV-Nachrichten zu sehen ist. Der Großteil der Studenten und Manager sei mit allem bestens zufrieden. Hinter den Kulissen kommt die studentische Support-Mannschaft doch an ihre Grenzen, wenn es an den „3 Tagen im Mai“ hoch hergeht, auf dem Mini-Weltwirtschaftsforum. Mit Koepfchen.
Logistische Meisterleistung
Transportwagen sind nicht zur Zeit am rechten Ort, beim Zelt für den Empfang fehlen noch die Stangen, der rote Teppich ist noch nicht ausgerollt und die Würstchen sind nicht warm genug. Es gibt eben immer etwas, dass nicht so gut läuft – auch auf dem St. Gallen Symposium. Im vergleich zur globalen Kapitalismus-Debatte sehen die Teilnehmer großzügig darüber hinweg. „Es gibt wenige Möglichkeiten, so viele hochkarätige Opinion Leader zu treffen“, sind Christoph und Jacobus einer Meinung. Die Atmosphäre ist angenehm, „ermöglicht einen zwanglosen Austausch“, betonen die Veranstalter immer wieder. Und hoffen auf einen ähnlichen Erfolg 2010.
