Fast anderthalb Stunden dauert die Autofahrt von der quirligen Inselmetropole Fort de France hinauf in den Norden nach St. Pierre. Die Diskrepanz könnte kaum größer sein: hier das pulsierende Zentrum von Martinique, in dem sich rund 100.000 Menschen drängen, dort das malerische und etwas verschlafene St. Pierre, das gerade mal knapp 5.000 Bewohner zählt. Vor etwas mehr als hundert Jahren stellte sich das jedoch ganz anders dar. Damals bildete St. Pierre den Mittelpunkt des karibischen Handels, die Stadt verfügte über die einzige Börse der Region, es gab ein Theater mit 800 Plätzen und – die absolute Attraktion – elektrische Straßenbeleuchtung. Und es gab Wissenschaftler, die im April des Jahres 1902 auf den Mt. Pelé stiegen, einen 1.400 Meter hohen Vulkan, an dessen Fuß St. Pierre liegt. In den Wochen zuvor hatte es leichte Erdstöße gegeben, auch lag Schwefelgeruch in der Luft, doch als am 27. April erstmals Asche auf die Stadt regnete, schickten die Behörden Experten auf den Berg. Die stellten zwar fest, dass der Vulkan rumorte, von einer echten Gefahr für die Bevölkerung wollte sie dagegen nichts wissen.
Vor dem Ausbruch kamen die Schlangen
Doch die Anzeichen wurden immer bedrohlicher. Im Vorfeld des eigentlichen Ausbruchs starben bereits Hunderte von Menschen. So wurde eine Zuckerfabrik von einer Schlammlawine begraben. In St. Pierre selbst starben binnen weniger Tage etwa 50 Menschen durch Schlangenbisse, weil plötzlich zahllose Grubenottern in der Stadt auftauchten, die eigentlich an den Hängen des Vulkans lebten.
Doch eine Evakuierung wurde nicht in Betracht gezogen, ja die Behörden verboten sogar, die Stadt zu verlassen. Am 11. Mai standen Wahlen an und der Bürgermeister fürchtete, dass eine Evakuierung den Urnengang unmöglich machen würde. 40 Schiffe lagen in der Bucht von St. Pierre vor Anker. Auch sie durften nicht auslaufen. Der italienische Kapitän der „Orsolina“ stammte aus Neapel und meinte: „Wenn der Vesuv so aussehen würde, wie dieser Berg, würde ich sofort das Weite suchen.“ Er ließ den Ladevorgang abbrechen und machte Anstalten auszulaufen. Der örtliche Zollinspektor versuchte ihn daran zu hindern, drohte ihm Gefängnis und den Entzug seines Kapitänspatentes an. Doch er erntete bei dem Kapitän nur höhnisches Gelächter. „Wer sollte die Strafe vollstrecken? Morgen seid ihr alle tot!“ Mit diesen Worten lief er aus.
Der Pyroklastische Strom vernichtet St. Pierre
Der Kapitän schien sich getäuscht zu haben. Zwar gab es weiter Ascheregen und kleinere Beben, doch als auf dem benachbarten St. Vincent der Soufrière ausbrach, waren sich die Experten einig: Jetzt konnte St. Pierre nichts mehr passieren.
Am 8. Mai 1902 um 7.52 Uhr brachen die Telegrafenverbindungen nach Fort de France ab. Eine gewaltige Explosion erschütterte den Berg. Sie war noch in 600 Kilometern Entfernung zu hören. Ein pyroklastischer Strom, 670 Stundenkilometer schnell und im Inneren 1.000° Celsius heiß, raste auf die Stadt zu, erreichte sie innerhalb von einer Minute und tötete fast alles Leben. Die 40 Schiffe, die auf der Reede lagen, sanken oder verbrannten. Einige der Wracks sind heute noch zu betauchen.
Innerhalb von Minuten hatte der Ausbruch die blühende wirtschaftliche und kulturelle Metropole der Kleinen Antillen in eine rauchende Trümmerlandschaft verwandelt. Wie viele Menschen zu Tode kamen, wird sich nie mit Sicherheit sagen lassen. In der Stadt lebten damals rund 30.000 Menschen. 2.000 hatten sich über die Anordnung des Bürgermeisters hinweggesetzt und waren in den Süden geflohen. Doch wesentlich mehr waren aus den umliegenden Dörfern nach St. Pierre gekommen und hatten in der vermeintlich sicheren Stadt Schutz gesucht.
Der Gefangene von Martinique
Überlebende? Tatsächlich gab es wohl drei, einen Schuhmacher, ein junges Mädchen, das in einer Grotte Schutz gefunden hatte und schließlich „den Gefangenen von Martinque“ - Louis-Auguste Cyparis. Randalierend und sturzbetrunken war er wenige Tage vor dem Ausbruch ins Gefängnis neben dem großen Theater gesperrt worden. Die dicken Mauern retteten ihm wohl das Leben. Vier Tage nach dem Ausbruch wurde er gefunden, mehr tot als lebendig, mit schweren Verbrennungen, halb verdurstet und halb verhungert. Cyparis machte seine Erlebnisse zu Geld. Er zog mit dem amerikanischen Zirkus Barnum durch die Welt, erzählte seine unglaubliche Geschichte und zeigte seine Brandnarben.
Die Geburtsstunde der Vulkanologie
In der Folge wurde der Vulkan als erster genau untersucht. Die Beobachtungen der nächsten drei Jahre bildeten die Grundlage der modernen Vulkanologie. Erstmals wurde das Phänomen des pyroklastischen Stroms, das schon von Plinius dem Jüngeren beim Vesuvausbruch 79 n.Ch. beschrieben worden war, genauer untersucht. Ein Museum in St. Pierre informiert darüber sehr detailliert.
Es dauerte Jahrzehnte, bis St. Pierre wieder besiedelt wurde. 1929 brach der Mt. Pelé noch einmal aus. Diesmal wurde die Bevölkerung rechtzeitig informiert. Seit 1932 schläft der Vulkan wieder.
