
- Brandenburgs einziges Staatstheater - François Maher Presley
Man ist leicht irritiert, wenn man in Cottbus am Schillerplatz auf das baulich alles in der Umgebung dominierende Staatstheater stößt, wäre es sicherlich in dieser Größenordnung in der brandenburgischen Provinz so nicht zu erwarten gewesen, Cottbus, zwischen den kulturellen Metropolen Berlin und Dresden gen Osten abgeschlagen liegend, unterhält jedoch seit 1908 und heute das einzige staatliche Theater Brandenburgs, eine Mehrsparten-Bühne und zudem eines der besterhaltene und größten im Jugendstil erbautes und noch mit allen Gattungen bespieltes Theater Europas. Aber immerhin handelt es sich bei Cottbus um die zweitgrößte Stadt Brandenburgs nach Potsdamm und seine Siedlungsgeschichte kann fast 2.000 Jahre zurückverfolgt werden, aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Das Bürgertum erwacht
Mit dem Wohlstand durch die florierende Textilindustrie im Auslaufenden 19. Jahrhundert, kam nach und nach auch das Bedürfnis des Cottbusser Bürgertums nach mehr Kultur und seinem damaligen Selbstbewusstsein entsprechend, einem repräsentativen Theaters. Ohnehin bot die Stadt schon damals verschiedene Kultur- und Sozialbauten, eine funktionierende Infrastruktur und war zudem auch nach dem Bau der Eisenbahnen ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt. Das alles ist heute anders, die Einwohnerzahl nimmt stetig ab, wenngleich die Stadt in manchen Teilen in einem herrlich restaurierten Glanz erscheint, bietet sie für junge Menschen jedoch nicht genügend Arbeitsplätze, keine wirtschaftliche Zukunft, die Industrialisierung des vorletztes Jahrhunderts ist Geschichte. So, damals, als es noch alles anders war, ging der ausgerufene Architekturwettbewerb zum Bau eines Theaters an Bernhard Sehring, der bereits 1896 mit dem „Theater des Westens“ für Aufsehen sorgte. Heute sieht man in dem Theater in Cottbus Sehrings beste Leistung des sezessionistischen Jugendstils, in dem er Architektur, Kunsthandwerk, die Malerei und Plastik geschickt miteinander zu verbinden wusste. Nach nur 16monatiger Bauzeit wurde es im Oktober 1908 dann mit dem Schauspiel „Minna von Barnhelm“ eröffnet.
Eine vielseitige Bühne
Und tatsächlich geht die bauliche Größe einher mit den Möglichkeiten des Theaters. Das Große Haus am Schillerplatz fasst bis zu 598 Plätze. Neben dieser Spielstätte werden allerdings auch die Kammerbühne mit bis zu 130 Plätzen, die Theaterscheune im Stadtteil Ströbitz, ebenso mit bis zu 130 Plätzen und der Kammermusiksaal im Probenzentrum an der Lausitzer Straße mit bis zu 100 Plätzen bespielt. In der Spielzeit 2008/2009 zählte man über 131.000 Besucher, damit immerhin eine Auslastung von knapp 79 Prozent, die neben 17 bis 18 Premieren der Sparten Schauspiel, Oper und Ballett je Spielzeit, daneben 8 Philharmonische Konzerte, etwa 12 Sonderkonzerte sowie verschiedene Familien-, Schul- und Kammerkonzerte besuchten. Mit etwa der Hälfte der Besucher rangiert das Schauspiel an erster Stelle, gefolgt von Oper und Ballett mit ca. 30 Prozent. Die Konzerte erreichen eine Besucherzahl von 14 Prozent.
Gegenseitige Befruchtung
Früher war das einmal anders. Die Operette gewann schnell das Interesse und die Herzen der Cottbusser. Das Theater dagegen hatte es schwer. Das änderte sich grundlegend mit der Intendanz von Christoph Schroth, der von 1992 bis 2003 die Geschicke des Theaters leitete und sich nach nur zwei Jahren vom Berliner Ensenble durch den Ruf in die Provinz Cottbus in seine Welt zurück retten ließ. Christoph Schroth ging schon früh als Schauspieldirektor am Mecklenburgischen Staatstheater (1974 bis 1989) mit seiner Inszenierung von Faust I und Faust II (beide Teile zusammen) oder Romeo und Julia in die Theatergeschichte ein. Vor und nach der Wende war und blieb es seine Vision, den Sozialismus mit seinen Möglichkeiten und den sich durch den Fall der Mauer neu ergebenden, weiterzuentwickeln. Diese sich nicht mehr wirklich an der Realität orientierende Sichtweise der Dinge wurde durch den kapitalistischen Realismus in dem neuen vereinten Deutschland, in Berlin, gar unter den progressiven und international anerkannten Kollegen des Berliner Ensenbles mit der selben Unerbittlichkeit gebremst, wie der Sozialismus früher einmal selbst unmissverständlich unerbittlich war. Diese Welten passten nicht. Da war die Provinz nicht nur eine Ehrenrettung, sondern auch ein für beide Seiten guter, aber eben auch ein leiser Abschied von seinem Lebenswerk. Sein Verdienst war es, dass das Cottbusser Kulturleben überregional Beachtung fand, die mit ihm kam, dann allerdings auch nach seinem Weggang wegblieb.
Quellen:
- Pressestelle Staatstheater Cottbus
- Stadt Cottbus
- Land Brandenburg
- Staatstheater Cottbus
