Stadtmythos in russischem Symbolismus und Moderne

Mythische Stadt - St. Petersburg - Sonja Pähl
Mythische Stadt - St. Petersburg - Sonja Pähl
Der Stadt- und Erbauermythos spielt in der Literatur eine wichtige Rolle. Der russische Symbolist V. Brjusov entwickelte aus ihm seine Kunsttheorie.

Der Stadtmythos als beliebtes Motiv in der Literatur beinhaltet Idealvorstellungen, Visionen und auch Schreckensbilder. Objekte können sowohl durch positive als auch durch negative Assoziationen zu Mythen werden. Erstrebenswerte Aspekte sind Technik, Industrie, Verkehr, und Fortschritt. Demgegenüber stehen die negativen Aspekte wie Ängste, Gefahren, Katastrophenbewusstsein und das Leiden. Diese Dichotomie gehört zum künstlerischen Selbstverständnis der Symbolisten.

Der Stadtmythos bei Valerij Brjusov

Brjusov zeigte anfangs große Begeisterung für die Großstadt mit ihrer Industrie und Technik, mit ihren Mysterien und Geheimnissen. Unter dem Einfluss französischer Vorbilder beschreibt er die Häuser, die Straßen, den Trubel und preist die Stadt.

Später dann kommt der Blick für ein objektivierteres Wirklichkeitsverhältnis. Es schwingen dunkle Töne mit, was man als Angst des Dichters deuten kann, die Welt könne aus den Fugen geraten, sich ohne Steuerung verselbständigen oder sogar untergehen.

Kunsttheorie Brjusovs

Man kann gedanklich die Welt in ihre Einzelteile zerlegen, diese Elemente wieder neu zusammenfügen und erhält als Ergebnis neue, künstlich geschaffene Welt. Diese kann eine perfekte Idealwelt darstellen oder aber auch den absoluten Verfall beschreiben. In jedem Fall ist diese neu erschaffene Welt ein Kunstwerk – die dahinterstehende Theorie des Auseinandernehmens und Wiederzusammensetzens die Kunsttheorie.

Die Herkunft aus der hermetischen Stadt

Die hermetische Lehre ist die Lehre von übergeordneten Naturgesetzen, der Kausalität und der Analogie. Sie dient als Erklärungsmodell für die Beziehung der Dinge untereinander. Sie geht von dem Weltbild der Ganzheitlichkeit aus, d.h. es wird angenommen, dass die Realität aus mehr bestehen kann, als man mit fünf Sinnen wahrnehmen kann.

Die Hermetik beschreibt den Kosmos mit Hilfe von Prinzipien:

Prinzip der Polarität, der Geistigkeit, der Entsprechung, der Schwingung, des Rhythmus, des Geschlechts und das Prinzip von Ursache und Wirkung

Stadt- und Erbauermythos und der Fausttext der Symbolisten

Mythen entstehen um Städte genauso, wie um die Personen, die diese Städte bauen. Petersburg wurde z.B. lange als Mythos angesehen, weil seine Entstehungsgeschichte ein Mysterium war. Demzufolge ranken sich um Peter als Erbauer dieser Stadt ebenfalls Mythen. Er wurde als dämonische Gestalt angesehen, weil es ihm gelang, das scheinbar Unmögliche zu vollbringen: Nämlich, die Stadt Petersburg auf fast unbebaubarem Boden zu errichten und das auch noch innerhalb kürzester Zeit.

Der Mythos und die von ihm ausgehende Faszination verstärkt sich umso mehr, wenn man bedenkt, dass er einerseits im Verdacht stand, mit dunklen Kräften im Bunde zu sein, auf der anderen Seite aber als Vertreter Gottes auf Erden agierte.

Hier zeigt sich der klassische Faustmythos, eine Person steht zwischen zwei Polen: dem Guten und dem Bösen.

Quellen

Düwel, Wolf: Geschichte der russischen Literatur bis 1917, 1986

Stender-Petersen, Adolf: Geschichte der russischen Literatur, München 1978

Schmidt, Alexander: Valerij Brjusovs Beitrag zur Literaturtheorie, München 1963

Siwczyk-Lammers, Sabina: Brjusov und die Zeitgeschichte. Eine Studie zur politischen Lyrik im russischen Symbolismus, Wiesbaden 2002

Sonja Pähl, Foto Brinke

Sonja Pähl - Kontakt: sonja.paehl(at)web.de

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