
- Hans Eppendorfer - Archiv: Kultur in Hamburg
"Ich war ein pflegeleichtes Bleyle-Kind. Bleyle ist ein Stoff, der überhaupt nicht kaputtgeht. Ich war gut erzogen ... Ich hatte Schwierigkeiten, irgendwo nein zu sagen. Im Internat kam ich in die gleiche vorgegebene, sterile Choreographie, und mit siebzehn ist es dann ja auch schon passiert. Da habe ich eine Frau umgebracht ..." (Hans Eppendorfer, Jahrgang 1942)
Mord und Zuchthaus
Und tatsächlich war es so. Hans Eppendorfer, mit bürgerlichem Namen Hans Peter Reichelt, brachte eine Frau um, es gab viel Blut und ein weiteres Vergehen an der Leiche, ob aus psychologischen Gründen – seine Mutter gab ihn als Kind weg, es schien, als hasste er Frauen, würde er mit diesem Mord die Mutter töten, was eigentlich nie genau untersucht wurde – oder ob es nun wirklich Raubmord gewesen war, für den die Umstände nach heutigem Stand der Rechtsprechung sicher nicht ausgereicht hätten, ist unklar. Eppendorfer wurde verurteilt, für einen Minderjährigen mit der damaligen Höchststrafe: Zehn Jahre Zuchthaus.
Das Zuchthaus resozialisierte den späteren Schriftsteller Hans Eppendorfer nicht. Die dortigen Lebens- und Überlebensumstände machten ihn zum Kämpfer, machten den tatsächlichen Mörder zur verbalen Tötungsmaschine ("Er ist kein poète maudit, er verruft."; Hubert Fichte), äußerlich grob und brutal, innen ein Kind, bis hin zu seinem Tod ein verspieltes, liebenswertes, manchmal albernes, manchmal ernsthaftes Kind, Geschichten erzählend, mit lebendigen Augen alles sehen wollend, mit einer unglaublichen Gier, alles probierend und kompensierend.
Rühmkorf, Ulrike Meinhof und die Chance auf ein zweites Leben
Eppendorfer begann das Schreiben im Knast, Rühmkorf förderte diesen Versuch der Freiheitserlangung ebenso wie die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Hans Eppendorfer schrieb, und mit dem Schreiben begann auch sein neues Leben, eine völlig neue Existenz, die nichts entschuldigte, die nichts ungeschehen machte, die aber dem Mitte 20-Jährigen eine neue Lebenschance gab. Diese Chance nahm der hoch gewachsene, gut aussehende und später immer korpulenter werdende Vielesser und Vielkompensierer an, der im März 1999 völlig abgemagert im Alter von 56 Jahren einem Tumorleiden erlag.
Hans Peter Reichelt, der Weltbürger
Seine Reisen führten ihn durch die ganze Welt (Japan, Amerika, Naher Osten, insbesondere Ägypten und Libanon), sexuelle Exzesse, fast unvorstellbare seelische Abgründe, unendliche Massen an Menschen, Erlebnissen, seine Heirat 1971 in Rom mit Prof. Margret Hildebrand, einer Fastmutter und namhaften Künstlerin. Kunsthandwerksobjekte und Kunst gehören zum Nachlass des ehemaligen Stadtteilschreibers, des Ich-Erzählers, des Egozentrikers, der kein Egoist war, der alles genommen hat. Und es wurde ihm viel gegeben, waren auch die Medien ihm und seiner Schreibe, seiner Art, sich auszudrücken doch immer wohl gesonnen ("Die nachtmahrischen Phantasien eines neuen Genet?", fragte etwa Der Spiegel).
Der Vielschreiber, der Egozentriker, der Förderer
Doch Eppendorfer gab auch zurück. In ungezählten Beiträgen für Zeitungen und Magazine, in zahllosen Interviews und Talkshows, Eppendorfer verbreitete sich und sein Weltbild, klagte an, setzte sich ein, ob für junge Autoren, Schauspieler, Künstler, Fotografen oder spätere Europa-Parlamentarierinnen, schon sehr früh für Homosexuelle zusammen mit Helga Schuchardt, ehemalige Kultursenatorin Hamburgs und Ministerin in Niedersachen. Und er schrieb. Er schrieb mehr als 15 Bücher (unter anderem "Der Ledermann spricht mit Hubert Fichte", "Barmbeker Kuss", "Szenen aus St. Pauli", "Der Magnolienkaiser – Nachdenken über Yukio Mishima"), 100 Anthologie-Beteiligungen, wurde in sechs Sprachen übersetzt oder mit seinen Stücken auf zahlreichen Bühnen in Paris, Berlin, Hamburg, Zürich, Kopenhagen oder Düsseldorf aufgeführt.
"... eine der ungewöhnlichsten Stimmen der deutschen Literaturszene", so die Berliner Morgenpost, hatte viele Freunde und Feinde, Menschen, die ihn liebten oder hassten, es gab kein Dazwischen, dazu ließ er dem Gegenüber keinen Raum. Eppendorfer nahm mit seiner exzentrischen Persönlichkeit ein oder verdarb sich das Wohlwollen durch seine Ungezügeltheit, seine Intensität, seine Wutausbrüche oder seiner Wahrheit über Sex, seinen Sex, homosexuell, sadomasochistisch, Gewalt gefolgt von Zärtlichkeit, Schmerzen, Blut, Körperflüssigkeiten, Leben und dabei den Tod sterben, der auch beweisen soll, dass der Mörder einen annimmt, des Jungen annimmt, dem man auch Grauenvolles angetan hat, dem in der Kindheit vorenthalten wurde, dem Hochbegabten, was damals keiner erkennen wollte, dem, der sich nicht begnadigen lassen wollte und im Knast blieb.
Eppendorfer: alles, sofort, intensiv, ohne Grenzen
Einem seiner Verleger schrieb er einmal: "Dem Verleger, Schornstein, Nervensäge und was noch?" ... Ein Fan. Hans Eppendorfers, der viele Jahre seine Art des Lebens gezeigt und geteilt hat, mit dem man die Reeperbahn kennen lernte, die Kaschemmen und Bordelle, die Stricherlokale, Nutten und Zuhälter, Handwerker und Kleinkriminelle, Händler und Bettler, Politiker und Rauschgiftsüchtige, Journalisten, Schauspieler, Verleger und einfach Menschen, für die der Kinderbuchautor Hans Eppendorfer viel übrig hatte. Einem Fan, mit dem er nach Berlin reiste, jetzt sofort, im Schlafanzug und Mantel, keine Zeit zur Vorbereitung, eine Ausstellung mit Bildern von Arno Breker wartete, in Frankfurt ein berühmter französischer Verleger, im Freihafen eine Sendung mit Kaviar, eine Lesung in Holstein, ein Essen im Stammlokal "Domizil" in St. Georg, Buchpräsentationen, Theateraufführungen und manchmal auch nur der Geruch der Nacht, Neues entdecken, berühren, schmecken, so wie man es zuvor niemals erlebt hatte, in Hamburg, Berlin, Frankfurt oder St. Petersburg.
