
- Bremen - Stefan Heimann
Die klassische Stadtrundfahrt mit Kaffeekränzchen ist heute aus der Mode gekommen. Wie aber kann eine zeitgemäße Städtetour im Zeitalter der multimedialen Reizüberflutung und des Coffee-to-go aussehen? Sie muss individuell, kurz und kompakt sein. Wenn man sich alle Highlights einer City in drei bis vier Stunden selbst erläuft, dann wird einem garantiert nicht langweilig. Bei einer solchen konzentrierten Kompakttour bekommt man dann auch einen guten ersten Eindruck von den Städten und ihren jeweiligen Besonderheiten. Und erste Eindrücke sind entscheidend, das ist psychologisch erwiesen. Nicht nur für Menschen, sondern auch für Städte sind erste Eindrücke wichtig, da Städte heute alle ein möglichst scharfes und attraktives Profil haben möchten. Denn mit einem starken Charakter kann die Identifikation der Einwohner mit ihrer Stadt verbessert werden und können Investoren und Gäste angelockt werden.
Was für erste Eindrücke machen unsere Städte in Deutschland also? Suite101-Autor Stefan Heimann hat es ausprobiert und 10 deutsche Großstädte bereist. Keine Stadttour hat länger als 4 Stunden gedauert. Auch waren alle Besuche Blind Dates, ein Vorbereiten auf die Städte hätte schließlich den ersten Eindruck verfälscht. Und hinterher gab es dann eine Erster-Eindruck-Note für jede Stadt.
Braunschweig (Niedersachsen, 246.000 EW) – Die einstige Löwenstadt
Es ist morgens, die Stadt erwacht gerade. Die Tour beginnt mit einem Spaziergang über den morgendlichen Kohlmarkt. Vorbei an vielen alten Fachwerkhäuser geht es zum gotischen Altstadtrathaus und dann zum Braunschweiger Löwen, dem Wappentier der Stadt. Leider sind diese alten Straßenzüge nur sogenannte „Traditionsinseln“ in einer sonst eher unansehnlichen, autogerechten Nachkriegsstadt. Schließlich gelangt man zum Schloss. Zum Schloss? Nach vollständiger Kriegszerstörung wurde die Schlossfassade wieder aufgebaut und dient nun als Werbefläche für das dahinter gelegene Einkaufszentrum. Schade!
Unbedingt mitnehmen: Altstadtrathaus, Aegidienkirche, Löwenstatur, Schlossarkaden.
Erster Eindruck: Befriedigend.
Bremen (Bremen, 548.000 EW) – Alte und lebendige Hansestadt
Es ist schon wirklich schön hier, das muss man sagen. Wenn es nur nicht so windig wäre. Zwar hat der Krieg auch in Bremen seine Spuren hinterlassen, aber die Altstadt konnte ihren mittelalterlichen Charme erhalten. Darüber hinaus ist Bremen aber auch eine sehr moderne und lebendige Großstadt. Einfach um den Marktplatz herum bummeln und genießen!
Unbedingt mitnehmen: Marktplatz mit Rathaus und Dom, Böttcherstraße, Schnoorviertel.
Erster Eindruck: Sehr gut!
Cottbus (Brandenburg, 102.000 EW) – Tief im Osten
Cottbus’ erster Eindruck profitiert vom Ruf der Stadt: Wenn man ein hässliches Entlein inmitten einer Braunkohletagebauwüste erwartet, wird man positiv überrascht. Und eigentlich ist’s hier ganz nett: Die Spremberger Straße flaniert durch die Altstadt zum wunderschönen Altmarkt. Hier sollte man für einen Kaffee innehalten und sich dann die Oberkirche ansehen. An den Kirchplatz schieben sich dann aber auch schon unansehnliche Plattenbauten und erinnern daran, dass man hier ganz tief im Osten ist. Ein Spaziergang am Spreeufer entlang entschädigt einen aber etwas.
Unbedingt mitnehmen: Altmarkt, Staatstheater, Spreeufer, Universitätsbibliothek.
Erster Eindruck: Befriedigend.
Duisburg (NRW, 494.000 EW) – Industriecharme an Rhein und Ruhr
Auch von der Ruhrgebietsstadt Duisburg mag man zunächst vielleicht nicht viel erwarten. Und auch hier kann man überrascht werden beispielsweise von der alten Stadtbefestigung, die noch zu einem großen Teil erhalten ist und vom Innenhafen, der heute wunderschön gestaltet ist mit modernen Gebäuden und historischen Industrieanlagen. Weiterhin lohnen sich Ausflüge zu den Industriekulissen im Landschaftspark Nord und zum Rheinhafen – immerhin der größte Binnenhafen der Welt.
Unbedingt mitnehmen: Innenhafen, Museum Küppersmühle, Landschaftspark Nord, Rheinhafen.
Erster Eindruck: Gut.
Erfurt (Thüringen, 202.000 EW) – Alte Stadt herausgeputzt
Thüringens Landeshauptstadt Erfurt hat einen entscheidenden Nachteil: Der staunende Besucher kann sich einfach nicht geradlinig durch diese Stadt bewegen. Überall bringen ihn putzige Gässchen, schöne Plätze und uralte Gebäude vom rechten Weg ab. Mit seinem mittelalterlichen und topsanierten Erscheinungsbild ist Erfurt wirklich eine beeindruckend schöne Stadt, deren Einwohner den seltsamen Spitznamen „Puffbohnen“ haben.
Unbedingt mitnehmen: Mariendom, Zitadelle Petersberg, Rathaus und einen ausgiebigen Spaziergang durch die Altstadt.
Erster Eindruck: Sehr gut!
Göttingen (Niedersachsen, 121.000 EW) – Verträumte Fachwerkstadt
In der alten Universitätsstadt Göttingen ist es wirklich nett und entspannt. Die Stadt ist weitgehend vom Krieg verschont geblieben, weshalb man hier eine Fachwerkpracht genießen kann, von der Städte wie Braunschweig nur träumen können. Hier ist einfach bummeln angesagt. Auch ist ein Aufstieg auf den Turm der Jacobikirche empfehlenswert.
Unbedingt mitnehmen: Flanieren in der Altstadt, Marktplatz mit altem Rathaus, Jacobikirche, Synagogendenkmal.
Erster Eindruck: gut.
Leipzig (Sachsen, 515.000 EW) – Harmonie zwischen Historischem und Modernem
In vielen deutschen Großstädten bekommt man den Eindruck: Vor dem Krieg war’s wohl mal schön hier, schade. In der quirligen und lebenden City von Leipzig findet man hingegen eine gesunde Mischung aus historischen und modernen Gebäuden, die ein geschlossenes und harmonisches Stadtbild ergeben. Insbesondere spannend ist hier die Paulinerkirche – eine vollständig zerstörte gotische Kapelle, die gerade modern mit Beton und Glas wieder aufgebaut wird.
Unbedingt mitnehmen: Nikolaikirche, Marktplatz, Paulinerkirche, Völkerschlachtdenkmal, Messezentrum.
Erster Eindruck: Sehr gut!
Magdeburg (Sachsen-Anhalt, 230.000 EW) – Stadt am Fluss
Sachsen-Anhalts Hauptstadt Magdeburg ist so eine Stadt, die einmal sehr schön gewesen sein muss. Im Krieg zerstört und durch die Stadtentwicklung der DDR entvölkert, macht die Altstadt heute einen menschenleeren, autogerechten und damit eher traurigen Eindruck. Eine Entschädigung bieten die schöne Lage an der Elbe und der großartige Dom. Auch ist das historische Erbe von Otto dem Großen, dem ersten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, durchaus sehenswert.
Unbedingt mitnehmen: Dom, Elbuferpromenade, Markt mit Rathaus.
Erster Eindruck: Befriedigend.
Mannheim (BaWü, 311.000 EW) – Rundum eckig
Um es vorweg zu sagen: Der Spaziergang durch Mannheim war ziemlich ernüchternd. Das mag am schlechten Wetter gelegen haben aber sicherlich auch an einer Besonderheit der City: Sie hat einen strengen Schachbrettgrundriss, weshalb sie sich monoton und zugig anfühlt. Auch ignoriert sie ihre sehr schöne Lage direkt an Rhein und Nekar, indem sie beide Ufer mit Hauptstraßen verbaut hat. Einen nur schwachen Trost bieten Wasserturm, Schloss und Marktplatz.
Unbedingt mitnehmen: Wasserturm, Schloss und Marktplatz.
Erster Eindruck: Ausreichend.
Nürnberg (Bayern, 503.000 EW) – Mittelalterliche Idylle
Nürnberg ist sicherlich eine der touristischsten deutschen Großstädte. Aber dies scheint die Stadt auch in einen Dornröschenschlaf versetzt zu haben: Man bekommt hier nicht den Eindruck, als ob heute zwischen all den alten Häusern noch viel Aufregendes passiert. Eine Ausnahme ist da vielleicht das Neue Museum für Kunst und Design – ein wirklich spektakuläres modernes Gebäude. Nett anzusehen ist die Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern und verwinkelten Gassen aber auf jeden Fall.
Unbedingt mitnehmen: Kaiserburg, Hauptmarkt, Lorenzkirche, Neue Museum.
Erster Eindruck: gut minus.
