
- Arbeiter Illustrierte Zeitung 29.7.1936 - J. Heartfield
Österreichs Erste Republik musste von Beginn an um ihre innere Stabilität kämpfen. Im Vertrag von Saint- Germain wurde 1919 die Auflösung der Habsburgermonarchie völkerrechtlich abgesegnet. Das kleinstaatliche Restösterreich erschien den Zeitgenossen als politisch und wirtschaftlich nicht überlebensfähig, weshalb der Ruf nach einer engen Anlehnung an das Deutsche Reich quer durch alle politischen Lager viele Anhänger fand. Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise, die Österreich 1933 über 500.000 Arbeitslose bescherte, regten sich in den bürgerlichen Parteien Ängste vor revolutionären Unruhen. Vor allem die Christlich- Sozialen strebten eine autoritäre Revision der demokratischen Verfassung, vergleichbar mit den Präsidialkabinetten in Deutschland, an.
Etablierung des Ständestaates
Um den drohenden Verlust der Mehrheit im Nationalrat abzuwenden, schloss die christlich- soziale Regierung von Engelbert Dollfuß im März 1933 Parlament und Parteien von der politischen Mitwirkung aus. Die radikalen Flügelparteien KPD und NSDAP wurden verboten. Maßgebende politische Kraft wurde nunmehr die Vaterländische Front, in der sich Christlichsoziale, Landbund und Heimwehren zusammengeschlossen hatten. Den Schein der Legalität verschaffte sich die Regierung mit einem Ermächtigungsgesetz aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Im so genannten Februaraufstand kam es zu Streiks und Unruhen, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Mit dem Verbot der Sozialdemokraten hatte die Regierung Dollfuß die Machtprobe mit der Arbeiterbewegung überstanden und konnte sich nun um eine Zementierung ihres autoritären Regimes bemühen. Die Maiverfassung erklärte Österreich zum „christlich- deutschen Ständestaat“, bei dem die Staatsgewalt von berufsständischen Kammern ausgehen sollte. Die Staatsbezeichnung wurde von „Republik“ in „Bundesstaat“ geändert. Faktisch übte jedoch die Vaterländische Front eine auf Polizei, Militär und paramilitärische Verbände (Heimwehren) gestützte Ein-Parteien-Herrschaft aus. Zwischen 1934 und 1938 ließ die ständestaatliche Regierung 16.000 politische Gegner, vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberale und Nationalsozialisten, in „Anhaltelagern“ festsetzen. Außenpolitisch stützte sich das Regime auf das faschistische Italien, das in vielen Aspekten als vorbildliches Modell angesehen wurde.
Fehlende Massenbasis
Trotz aller Propaganda, besonders populär war der Ständestaat bei seinen Bürgern nicht. Den Arbeitern war bewusst, dass sich die paramilitärischen und polizeilichen Säuberungsaktionen in erster Linie gegen ihre Parteien und Organisationen richteten. Für das großdeutsche Bürgertum bedeutete der Austrofaschismus ein Abrücken von Deutschland und die Zementierung der ungeliebten kleinstaatlichen Existenz. Lediglich die katholische Kirche erwies sich als zuverlässige Stütze der neuen Ordnung, weil der Ständestaat in Bildung und Kultur eine umfassende Rekatholisierungspolitik einleitete. Somit befürwortete nur eines der drei politisch- sozialen Milieus Österreichs den Ständestaat weitgehend. Angesichts der bedrohlichen Nachbarschaft des Dritten Reiches erwies sich das als schwere Hypothek.
Der Austrofaschismus und das Dritte Reich
Ermutigt durch Machtergreifung und Gleichschaltung in Deutschland putschten im Juli 1934 österreichische Nationalsozialisten in Wien. Engelbert Dollfuß wurde in seinem Amtssitz ermordet, doch der Putschversuch scheiterte. Unter der Kanzlerschaft von Kurt Schuschnigg blieb der Ständestaat bestehen. Was durch Putsch von Innen zunächst fehlschlug, versuchten die Nationalsozialisten in der Folgezeit durch Druck von Außen zu erreichen. Hitlers Erpressungspolitik zeigte im Juliabkommen von 1936 Wirkung. Als Gegenleistung für die Anerkennung Österreichs durch das Dritte Reich wurden die österreichischen Nationalsozialisten amnestiert und legalisiert und zudem noch an der Regierung beteiligt. Mit treffendem Spott kommentierte die Arbeiter Illustrierte Zeitung (29.7.1936), das ständestaatliche Krukenkreuz werde nun von österreichischen Nationalsozialisten zum Hakenkreuz zureckt gesägt. (siehe Abbildung) In der Tat wurde der Einfluss des Dritten Reiches auf die österreichische Politik immer drückender. Nicht nur in Form militärischer Bedrohung; auch wirtschaftliche Sanktionen, die z.B. den Alpentourismus schwer schädigten, ließen die Überlebenschancen des Ständestaats schwinden. Die Hoffung auf das faschistische Italien als Garantiemacht musste aufgegeben werden, denn Mussolini war die Achse Berlin-Rom wichtiger als das kleine Alpenland. Als Hitler 1938 weitere Zugeständnisse verlangte, unternahm Schuschnigg den Versuch, die Unabhängigkeit Österreichs mit einer Volksabstimmung zu sichern. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Schuschnigg dankte zugunsten von Hitlers verlängertem Arm Arthur Seyß-Inquart ab. Kurz darauf erfolgten der Einmarsch deutscher Truppen und der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Die sehr große Befürwortung des Anschlusses in Österreich war, von den Großdeutschen und den Nationalsozialisten selbst abgesehen, nicht allein auf die Sympathie für Hitler und das Dritte Reich zurück zu führen. Weder der Ersten Republik noch dem Ständestaat war es gelungen, ein österreichisches Nationalbewusstsein zu entwickeln, das den Verlust des habsburgischen Großmachtstatus hätte kompensieren können. So erschien vielen Zeitgenossen eine großdeutsche Lösung zwingend, ganz gleich wer in Deutschland regierte.
Geschichtspolitische Deutungen
Die Bewertung der „Diktatur vor der Diktatur“ ist in Österreich bis heute umstritten. Konservative Politiker und Historiker betrachten den Ständestaat primär als Versuch der Abwehr totalitärer Bedrohungen von links und rechts. Engelbert Dollfuß erfreute sich lange Zeit einer unkritischen Verehrung durch die ÖVP, die ihn als Martyrer österreichischer Selbstbehauptung gegenüber dem Dritten Reich feierte. Dieses Geschichtsbild hält jedoch für die Zeit nach Dollfuß nicht stand. Als deutlich wurde, dass Mussolini nicht für Österreichs Unabhängigkeit einstehen würde, schwand die Resistenz gegenüber dem Nationalsozialismus. Schon vor 1938 zeigte sich die Vaterländische Front offen für nationalsozialistische Einflussnahme in den eigenen Reihen.
Während die konservative Geschichtsdeutung den Faschismusbegriff grundsätzlich vermeidet, ist seine Anwendbarkeit auf die österreichische Diktatur in der historischen Forschung umstritten. Viele Historiker ordnen den Austrofaschismus typologisch ähnlichen Regimen in Portugal, Spanien und vor allem Italien zu. Andere sprechen aufgrund der bedeutenden Rolle der katholischen Kirche von einem „Klerikalfaschismus“. In den letzten Jahren ist die Skepsis gegenüber der Anwendbarkeit des Faschismusbegriffs wieder gewachsen. Ernst Hanisch und Kurt Bauer haben beispielsweise darauf verwiesen, dass dem Ständestaat Hauptmerkmale faschistischer Herrschaftsausübung fehlten. So vor allem die Mobilisierung einer Massenbasis, ein charismatisches Führertum und eine expansive Außenpolitik. Der Ständestaat lässt sich aus dieser Perspektive eher als autoritäre Ein-Parteien-Herrschaft interpretieren, die den zeitgenössischen Faschismus allenfalls kulturell imitierte.
Literatur
Meysels, Lucian O., Der Austrofaschismus. Das Ende der ersten Republik und ihr letzter Kanzler, Wien/München 1992.
Scheuch, Manfred, Der Weg zum Heldenplatz. Eine Geschichte der österreichischen Diktatur 1933–1938, Wien 2005.
Tálos, Emmerich/ Neugebauer, Wolfgang (Hg.), Austrofaschismus. Politik, Ökonomie, Kultur 1933–1938, Münster (5.Aufl.) 2005.
