Stalin - ein Mythos

20 Millionen Menschen fielen Stalins Säuberungs- und Deputationspolitik zum Opfer. Doch bis heute ist der "Stählerne" in Russland sehr beliebt. Warum?

Bis heute zählt Josef Stalin unter der russischen Bevölkerung zu den beliebtesten Persönlichkeiten der russischen Geschichten. Eine Umfrage des russischen Staatsfernsehens aus dem Jahr 2008 kam zu dem Ergebnis, dass Stalin hinter Alexander Newski und Pjotr Stolypin die drittbeliebteste russische Persönlichkeit aller Zeiten ist. Doch wie kann ein Mann, der 20 Millionen Menschen ermorden oder in Arbeitslagern zu Grunde gehen ließ, so beliebt sein, zumal die meisten Russen direkt Angehörige oder Bekannte im stalinistischen Terror verloren. Die Gründe sind folgende:

Stalins wirtschaftlichen, politischen und militärischen Erfolge

Unter Stalin ging es nach Jahrzehnten miserabler Wirtschaft endlich mit dem russischen Staat bergauf. Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln wurde sichergestellt und bis auf zwei Hungersnöte in den frühen 30er Jahren war der Hunger in Russland überwunden. Auch war es Stalin, der die damalige Sowjetunion zur Weltmacht führte, in dem er das Land einte und industrialisierte, wenngleich dies mit hunderttausenden Toten bezahlt wurde. Dennoch konnte man als Russe nach und nach wieder Stolz auf sein Land sein und dies war in den Augen der russischen Bevölkerung Stalin zu verdanken. Hinzu kam die ideologische Auseinandersetzung zwischen dem faschistischen Deutschland unter Adolf Hitler und der kommunistischen UdSSR Stalins. Es galt, wer sich gegen Hitler wandte war für Stalin, und umgekehrt. Nun war es Stalin, der Hitler standhielt und am Ende mitbesiegte. Als Hitler nach und nach Europa eroberte, hieß es, dass nur Stalin ihn aufhalten könne, was so letztendlich geschah.

Zusammengefasst also: Stalin besiegte den Hunger, modernisierte die russische Wirtschaft und Gesellschaft und schlug letztendlich seinen größten Widersacher, nämlich Hitler. Für viele Russen, insbesondere bei der älteren Generation, bis heute ein Grund, diesem Stalin dankbar zu sein und ihn zu verehren. Auf der einen Seite sind es also Stalins Erfolge, die ihn bis heute so beliebt machen.

Wirksame Inszenierungen Stalins in der Öffentlichkeit

Doch es gibt noch einen Grund, der entscheidend bei der Verehrung Stalins ist, nämlich seine Selbstinszenierung. Er sorgte dafür, dass ein gewisses Bild von ihm in die Öffentlichkeit getragen wurde. Stets kräftig und entschlossen ließ sich Stalin abbilden, sowohl auf Bildern und Fotografien, als auch auf Staturen. Es wurde eine riesige Propagandamaschine in Gang gesetzt, um Stalin und seine Verdienste für das russische Volk herauszustellen. Dabei demonstrierte Stalin Entschlossenheit und Führungswillen. Jeder Russe sollte Stalin als Retter und Führer der Nation empfinden. Die zahlreichen Stalin-Bilder in den Häusern der Russen beweisen noch im Nachhinein, dass die künstlich herbeigeführte Verehrung funktionierte.

Des Weiteren gab Stalin sich bei seinen Reden und Auftritten volksnah, sprach ruhig und gewählt, transportierte die Botschaft: Ich bin einer von euch. Dieses Auftreten machte ihn zusätzlich beliebt. Dass er selbst aus einfachen Verhältnissen stammte, machte ihn zudem in dieser Art überzeugend. Was Stalin da tat, war eine enorme Selbstinszenierung, die er geschickt mit seinen wirtschaftlichen und militärischen Erfolgen kombinierte. Die Russen mussten ihn zwangsläugig als Retter, nicht etwa als einen Mörder wahrnehmen. Und einen Retter liebt und verehrt man halt.

Nachhaltige Entstalinisierung blieb in der UdSSR aus

Dass Stalin aber heute immer noch so beliebt ist, hat noch einen gänzlich anderen Grund. Bis heute hat keine wirkliche Entstalinisierung statt gefunden. Zwar versuchte Nikita Chrutschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 mit Stalin abzurechnen, doch vermochte auch er keineswegs den längst enstandenen Mythos Stalin zu entzaubern. Auch später gab es nur wenige Versuche, die Verehrung Stalins zu brechen. So wundert es nicht, dass für über 10% der Russen, Stalin die bedeutendste Persönlichkeit der russischen Geschichte ist. Der Mythos Stalin bleibt ungebrochen, auch fast 50 Jahre nach Stalins Tod.

Quellen:

Dokumentationen auf Phoenix - Sonntag, 13.02.2011: 14.00 - 14.45 Uhr "Abrechnung mit Stalin - 1956? Aufbruch im Osten"; 14.45 - 15.30 Uhr "Stalin: Der Mythos - Verbrechen am eigenen Volk"; 15.30 - 16.15 Uhr " Stalin: Der Tyrann - Verbrechen am eigenen Volk"