Starke Kirche: Heilig Kreuz in Bottrop ist Kulturtankstelle

Heilig-Kreuz-Kirche in Bottrop - Vera Kriebel
Heilig-Kreuz-Kirche in Bottrop - Vera Kriebel
Eine katholische Kirche im Ruhrgebiet zeigt interessante sakrale Nachkriegsarchitektur und Glasmalerei und bietet Angebote, spirituell aufzutanken

Die Heilig-Kreuz-Kirche im Zentrum Bottrops wurde vom Architekten Rudolf Schwarz und dem Maler Georg Meistermann konzipiert und gestaltet.

Rheinische Katholiken schufen Hl. Kreuz

Beide waren zutiefst religiös und im rheinischen Katholizismus verwurzelt. Schwarz wurde der rheinische Mystiker genannt. Der Maler Georg Meistermann hat große Bedeutung für die Glasmalerei. Auch seine Kunst lebt in seiner tief religiösen, christlichen Überzeugung. "Das Leben des Menschen ist eingehüllt in Farbe." Das Licht hingegen ist göttlichen Ursprungs. Das Leuchten der Farben verweist damit auf den Dialog von Gott und Mensch.

Religiöse Kunst und Architektur in Bottroper Kirche

Die Bottroper Kirche repräsentiert sicherlich eine ganz besondere Nachkriegsarchitektur: Errichtet 1955-57 ist ihr außen und innen auffälliger Um- und Grundriss eine symmetrische Parabel mit einer weit nach hinten ausladenden, geschwungenen Apsis. Der Chor- und "Altarraum" wirkt wie eine Bucht. Rudolf Schwarz entwarf auch das kirchliche Inventar: den Altar, ein einfacher, schwerer Opfertisch, den Ambo (die "Bühne") und den Taufstein.

Die hohe auch innen unverputzte Backsteinwand soll "wie ein bergender Mantel die versammelte Gemeinde" (Bistum Essen) umgeben.

Glasmalerei: Sonnenspirale

Um die Parabelform konzeptionell offen zu halten, wurde zwischen die Schenkel der Parabel an der Kirchen-Frontseite eine rund 300 qm große Glaswand eingefügt: Sie soll schützen und zugleich laut Kirche vor Ort "die Offenheit zur Welt" wahren.

Das dem Altar gegenüberliegenden Hauptfenster von Georg Meistermann wird durch das dekorative Betonstreben-Skelett unterbrochen, das sich den Anschein eines Stahl-Skelett gibt. Die Glasmalerei stellt in Anlehnung an die gotischen Rosetten eine Sonnenspirale dar, die sich vom Mittelpunkt des Fensters aus nach allen Seiten öffnet.

Parabel und Spirale Symbole für Offenheit und das Unendliche

An dieser Stelle wollte Schwarz "ein Zeichen der Sonne erstrahlen" lassen. Das Fenster aus "Glas soll den Raum für die Messfeier schließen, aber nicht das Bestreben der Wände, sich der Welt hin zu öffnen, versperren." (Georg Meistermann, zitiert nach Kirche vor Ort). Die Sonne wird hier als überall hin erstrahlendes Lichts Gottes verstanden, die "ebenso wie der Grundriss der Kirche das Unendliche der Schöpfungskraft" darstellt.

Die rotierende Bewegung weist nach Meistermann dabei auf die Aussendung des Lichtes hin.

Für Schwarz war die Parabel "eine Form, die sich im Unendlichen nirgends schließt, sie strebt immer weiter auseinander" - so wie eine Spirale, die von innen nach außen ins Unendliche und - umgekehrt gesehen - von außen nach innen wieder zurücklaufe. Kirchenform und Motiv der Glasmalerei drücken damit Ähnliches aus.

Als weitere Kunstwerke sind Vortragekreuz, Bettlerfigur und der Hahn auf dem Turm von Ewald Mataré zu erwähnen.

Kulturtankstellen im Ruhrgebiet

Die Heilig Kreuz Kirche in Bottrop ist eine der 52 Kulturtankstellen des katholischen Bistums Essen.

Die Kulturtankstellen sind der Beitrag des Bistums zur Kulturhauptstadt 2010: "Kultur ist das gemeinschaftliche Gedächtnis einer Gesellschaft. Es sind die so genannten großen Fragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Eine Antwort auf all diese Fragen ist ohne das kollektive Gedächtnis Kultur nicht denkbar."

Im Bistum Essen soll das Netz von 52 spirituellen Kulturtankstellen als Teil der europäischen Kulturhauptstadt Ruhrgebiet Gästen einen Raum eröffnen, diese Region in ihrer geistlichen Dimension kennen zu lernen. "Es gilt, spirituelle Schätze zu heben, um geistig-geistlich aufzutanken!" Zum Beispiel finden ein Rockoratorium, Lesungen oder Kunstausstellungen in den Kirchen statt.

Kirche als starker Ort der Industriekultur?

Doch neben den religiösen Deutungen drängt sich dem heutigen Besucher der Heilig Kreuz Kirche auch die Verbundenheit ihrer künstlerischen Gestaltung zur Industriekultur auf. Da ist zum einen der Verweis auf Jugendstil, Expressionismus und Bauhaus, deren Stile beide Künstler, Schwarz und Meistermann, offensichtlich geprägt haben. Insbesondere das Bauhaus markiert den Übergang zur industriellen, kunsthandwerklichen, massentauglichen Kunst, zum Industriedesign, zu industriell gefertigten Deko-Produkten.

Zum anderen ist dies aber offensichtlich Nachkriegs-Architektur und -Gestaltung, die das Aussehen des völlig zerstörten Ruhrgebiets - meist allerdings negativ - geprägt hat. Es war die Zeit, in der schnell hässliche, funktionale Bauten für die Massen von Flüchtlingen und Ausgebombten sowie für ihre hochmodernen Industrie-Arbeitsplätze in den 60er Jahren hochgezogen wurden.

Zugleich ist diese Generation Kirchen erst einmal die letzte der sakralen Neubauten - und damit ähnlich wie die im Ruhrgebiet geradezu zelebrierte Industriekultur museale, "ausgestorbene" Kultur. Zumindest, was die traditionellen "großen" Kirchen in Deutschland betrifft, wird es in den nächsten Jahrzehnten wohl wegen des Mitgliederschwunds keine neuen Kirchenbauten geben.

So ist die Bottroper Kirche Hl. Kreuz folgerichtig wie auch der dortige Malakow-Turm einer der "Starken Orte" des gleichnamigen Kulturhauptstadtprojekts von Ruhr.2010, in denen zeitgenössische Revierkunst ausgestellt wird.

Heilig Kreuz Kirche: Katholisches Pfarramt, Scharnhölzstraße 37, 46236 Bottrop.

Vera Kriebel, Vera Kriebel

Vera Kriebel - Themen: u.a. Wirtschaft, Technik, Literatur, Reisen, IuK, Politik, Kultur, Geistes- und Sozialwissenschaften Texte, Recherchen, ...

rss