
- Weihnachten Berlin - Katrin Asmuss
Der gemeine Berliner gilt als pragmatische Type mit Herz und Schnauze. Doch auch dieser Menschenschlag gerät mal an seine Grenzen. Allerdings kündigt sich bereits seit August die Weihnachtszeit in den Supermärkten an und da kann wohl niemand behaupten, er sei nicht gewarnt worden. Die Vorweihnachtszeit wird außerdem seit einigen Jahren geprägt von der Berichterstattung über horrende Preise für gepanschten Glühwein und Weihnachtsmärkte, für die man zudem Eintritt bezahlen soll. Kein Wunder, dass viele daheim bleiben oder sich vor dem wegen der Kinder obligatorischen Weihnachtsmarktbesuch den Magen vollschlagen, damit das Haushaltsgeld für die Bescherung ausreicht.
Wer im Internet recherchiert, bekommt einfach nur noch Angst
Mittlerweile darf in keinem Einkaufszentrum (oder neudeutsch „Mall“) die saisonbedingte Dekoration fehlen, die meist von entsprechenden Buden vervollständigt wird: Weihnachtsmärkte über Weihnachtsmärkte. Und wer im Internet die entsprechenden Angebote allein für Berlin recherchiert, bekommt den Rest und möchte lieber ganz weit weg. Den Berlinern geht es woanders ebenso wie den Touristen, die in die Hauptstadt kommen: In anderen Städten ist man im Urlaub, schaut nicht auf den Euro und zahlt ohne Murren Eintritts- und Wucherpreise. Gründliche Recherche ist allerdings auch bei Weihnachtsmärkten das A und O, um sich nicht über den Tisch ziehen zu lassen.
Einige Ausnahmen von der Regel gibt es, Beispiel: der Lucia Weihnachtsmarkt
Im Zeitalter des Eventwahnsinns veranstalten unter anderem namhafte Firmen, Warenhäuser, Stadtbezirke und sogar jeder Kiez ihre eigenen Märkte. Manche lassen sich noch etwas Neues einfallen und können sich in diesen Nischen fest etablieren. Trotz sowieso schon renommierter Lage zählt die Kulturbrauerei dazu: Der Lucia Weihnachtsmarkt ist den nordisch-skandinavischen Ländern gewidmet. Lucia heißt die Lichtbringerin, die am 13. Dezember gefeiert wird und passt natürlich hervorragend in das historische Bauensemble mitten in der Großstadt. Die Kinder stehen im Mittelpunkt. So verteilt dort – neben vielen anderen Attraktionen – der Weihnachtsmann täglich von 17 bis 18 Uhr gratis Naschereien – und das vom 21. November bis 22. Dezember 2011, der Eintritt ist sogar frei.
Ein Blick über den Tellerrand lohnt immer
In Mitte noch Geheimtipp, aber für viele Menschen in Treptow-Köpenick schon eine feste Größe ist der Weihnachtsmarkt in den Späth'schen Baumschulen in – wen wundert´s? – Baumschulenweg. Ursprünglich soll es mal darum gegangen sein, Werbung zu machen, damit die Leute während eines Bummels durch die Baumschule gleich ihre Weihnachtsbäume kaufen. Daraus ist ein sozusagen familiäres Großereignis geworden, mit Kerzenziehen, Theater, Märchenfee und vielem anderen mehr: Insgesamt sind mehr als 60 Kunsthandwerker aus der Region vor Ort. Am 9.12. ist von 16 bis 21 Uhr geöffnet, bei freiem Eintritt. Am Samstag (10.12.) und Sonntag (11.12). kostet der Eintritt 3 Euro, doch das wiederum inklusive Weihnachtsbaumrabatt. Kinder bis 16 Jahre haben freien Eintritt.
Im gesamten Stadtgebiet gibt es Alternativen zum üblichen Jahrmarktsrummel
Der Umwelt- und Weihnachtsmarkt in der Sophienstraße in Mitte wirbt mit namhaften Umweltorganisationen, bietet vegetarische Köstlichkeiten an und pflanzt mit einem Teil des Erlöses Bäume in Nepal. Produkte aus fairem Handel verstehen sich von selbst, und auf ein Überangebot an Fressbuden wird verzichtet.
Der Alternative Weihnachtsmarkt am Bahnhof in Friedrichshagen ist die „…Antwort auf schrilles Frohlocken und berechnende Innigkeit“ in Form eines Trödelmarktes. Von altertümlichem Weihnachtsbaumschmuck bis hin zu Live-Auftritten von Pantomimen und vielen anderen Künstlern ist alles dabei.
Weihnachtsmarktbesuch gepaart mit historischem Hintergrund
Gegenüber vom Köpenicker Schloss und in direkter Nähe zum berühmt-berüchtigten Rathaus und dem davor stehenden Denkmal des ebenso bekannten Hauptmanns gibt es natürlich auch in diesem Jahr wieder einen Weihnachtsmarkt. Eigentlich gleicht dieser den meisten anderen seiner Art, doch hier kann man einen Spaziergang durch die Altstadt, am Wasser und durch den Schlosspark genießen, ohne auf den Weihnachtstrubel verzichten zu müssen. Sogar an der kleinsten Brauerei Deutschlands kommt man bei der Gelegenheit vorbei.
Geschichte können die Besucher vom Mittelalterlichen Weihnachtsmarkt in Karlshorst ebenfalls einbinden. In diesem Stadtteil von Lichtenberg wurde 1945 im Hauptquartier der Roten Armee aus protokollarischen Gründen zum zweiten Mal die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unterschrieben – ein Museumsbesuch lohnt sich in jedem Falle.
Ob es nun „Holy Shit Shopping“, „Sozialmarkt“ oder „Nostalgischer Weihnachtsmarkt“ heißt – hier sitzen Berliner und Touristen in einem Boot, passender: Sie quetschen sich an den Adventswochenenden in die viel zu engen S-Bahnen, denn sie haben definitiv eine zusätzliche Qual der Wahl statt Besinnlichkeit.
