Stefan Kreutzberger/Valentin Thurn – Die Essensvernichter

Kreutzberger/Thurn - Die Essensvernichter Buchcove - Kiepenheuer & Witsch
Kreutzberger/Thurn - Die Essensvernichter Buchcove - Kiepenheuer & Witsch
Fast die Hälfte unserer Lebensmittel landet im Müll. Das Sachbuch nennt Gründe, Zusammenhänge und Alternativen.

„Mehr als die Hälfte unserer Lebensmittel landet im Müll. Allein in Deutschland werden jährlich 20 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen – das sind 500.000 Lastwagen voll. Das Essen, das wir in Europa wegwerfen, würde zweimal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren.“

Die Veröffentlichung des Buches “Die Essensvernichter“ im Sommer 2011 sorgte für ein mächtiges Medienecho. Die beiden Journalisten brachten ein Thema zur Sprache, dass in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt war. Teilaspekte (Überproduktion, industrialisierte Agrarwirtschaft, Überfischung etc.) waren zwar schon Gegenstand von Veröffentlichungen, aber „Die Essensvernichter“ zeigt das Gesamtbild und legt erstmals Fakten auf den Tisch.

Die Essensvernichter: Sachbuch und Drehbericht zum Film „Taste the Waste“

Mit dem Dokumentarfilm „Taste the Waste“ fing alles an. Die Recherchen dazu brachten so erschütternde Fakten zu Tage, dass Journalist Valentin Thurn beschloss, eine Aufklärungskampagne ins Leben zu rufen. Gemeinsam mit dem Journalisten Stefan Kreutzberger entstand das Buch „Die Essensvernichter“. Das Sachbuch bedient sich einer ungewöhnlichen, aber effektiven Struktur. Valentin Thun berichtet von seinen Dreharbeiten und Gefühlen dazu, dann folgen von Stefan Kreutzberger die entsprechenden Zahlen und Fakten. Sie schauen sich die Bereiche Konsumverhalten, Fleischverbrauch, Überproduktion, Klimawandel, Hunger, industrielle Agrarwirtschaft und Wirtschaftspolitik an und machen deutlich, wie alles miteinander zusammenhängt. Was in der ersten Welt passiert, hat auch Auswirkungen auf die dritte Welt, privates Verhalten hat gesellschaftliche Auswirkungen.

Die Essensvernichter: Handel, Politik und Konsumenten tragen Verantwortung

„Die Essensvernichter“ zeigen nicht nur mit dem Finger anklagend auf Politik und Wirtschaft, sie ziehen auch den Leser zu Verantwortung. Jeder von uns ist Konsument, unser Verhalten hat Einfluss auf den Handel. Wie kann ein Brathähnchen nur 1,99 € kosten, wenn davon Haltung, Löhne, Transport und Verarbeitung gezahlt werden müssen? Was passiert mit dem Obst und Gemüse, dass nicht EU normengerecht wächst? Wo bleiben die Brote, die am Abend nicht verkauft wurden, wenn am nächsten Tag nur frische in den Regalen liegen? Wer kauft einen angeschlagenen Apfel, wenn ein makelloser daneben liegt? Thun und Kreutzberger haben diese Fragen gestellt und geben schockierende Antworten. 40 Prozent der Feldfrüchte kommt erst gar nicht in den Handel, weil sie optisch nicht der Norm entsprechen. Jedes fünfte Brot wird entsorgt, im besten Fall verfüttert oder sogar verheizt. Wenn während der Lieferung ein Produkt beschädigt ist, wird die ganze Palette vernichtet, weil Aussortieren zu viel Zeit und Geld kostet. Überproduktion und Entsorgung werden auf die Verkaufspreise umgeschlagen – das zahlt letzten Endes der Verbraucher, der mit seinem Wunsch nach Vielfalt, Frische und schönem Aussehenden den Kreislauf unterstützt.

Die Essensvernichter: Globalisierung, Hunger und Spekulation hängen zusammen

Die Autoren machen auch die globalen Zusammenhänge deutlich. Bananen, Kaffee, Reis –zu jeder Jahreszeit soll alles da sein und möglichst billig. Dafür wird in armen Ländern umweltschädlich und unterbezahlt gearbeitet. Exporte, Importe und Lebensmittelspekulationen verursachen Hungerkatastrophen. Während hierzulande Mülltaucher umsonst von den Lebensmitteln leben können, die jeden Abend heimlich von Supermärkten in die Mülltonne geworfen werden, verhungern woanders Menschen, die 60-80 Prozent ihres Einkommens (in Deutschland 12%) für Lebensmittel aufwenden müssen.

Die Essensvernichter: Neben Kritik auch praktische Alternativen und Lösungsvorschläge

Was Thun und Kreutzberger in „Die Essenvernichter“ aufdecken, ist ein Skandal. Aber sie begnügen sich nicht, wie viele ähnlich investigative Bücher, mit der Aufdeckung, sie bieten auch konkrete Beispiele, wie man es besser machen kann. Der dritte Teil ihres Buches berichtet von Alternativen und bietet Lösungsansätze. Die Autoren haben das Verbraucherministerium dazu gebracht, eine Studie zur Lebensmittelverschwendung in Auftrag zu gegeben. Aber sie appellieren auch an die Verantwortung des Einzelnen. Es gibt viele Beispiele, wie man bewusster konsumieren kann, wo man Produkte und Initiativen findet, die der Umwelt nicht schaden. Und sie fordern den Leser auf, nicht nur betroffen zu sein, sondern auch zu handeln, einzeln und in der Gruppe. Dazu gibt es eine umfangreiche Linkliste am Ende des Buches.

Die Essensvernichter: Leidenschaftliches Plädoyer zu Veränderung und Engagement

Das gut recherchierte Buch ist mit Leidenschaft geschrieben und will etwas bewirken. Die Empörung und Fassungslosigkeit über die gegenwärtigen Zustände klingen im Text wider und bewegen auch den Leser. „Die Essensvernichter“ zeigt Zusammenhänge auf und die globalen Auswirkungen. Die Autoren machen deutlich, dass jeder Einzelne etwas dagegen tun kann und sie zeigen Alternativen auf. Bleibt zu hoffen, dass viele Menschen das Buch nicht nur lesen, sondern daraus auch Konsequenzen ziehen – alleine und gemeinsam.

Stefan Kreutzberger/Valentin Thurn – Die Essensvernichter. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist. Kiepenheuer & Witsch. August 2011. 336 Seiten, Broschur, 16,99 €

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

rss