
- Schultafel - Dieter Schütz / www.pixelio.de
Man mag es nicht wahrhaben wollen. Den Untergang prophezeit man Marzahn-Hellersdorf, auch dem Wedding und Neukölln, aber doch nicht einem Gymnasium (!) in Berlin-Mitte. Doch in Stephan Serins Buch "Föhn mich nicht zu" überzeugt die fehlende Sprachkompetenz eines Schülerdialogs weit vor dem ersten Kapitel vom Gegenteil:
"Hast du U-Bahn?"
"Hab Bus."
"Binisch auch Bus."
Sprache auf hohem Niveau
Kaum blättert man die Titelseite um, werden die Leser von jener Lautuntermalung auf Seite eins begrüßt. Stephan Serins erste Buchveröffentlichung, "Föhn mich nicht zu. Aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer", klingt nach Revanche an Schülern und Lehrerkollegen. Wenngleich auch eine ungemein amüsante Abhandlung des Alltags eines Berliner Gymnasiums mit hohem Migrationsanteil dahinter steckt.
Was zu Anfang belustigend erscheint, entblößt sich jedoch als blanker Ernst. Unterrichtende Lehrer flüchten bei Morddrohungen der Achtklässler gegen das Kollegium lieber in ihr behagliches Lehrerzimmer, Tadel und Schulverweise wurden sowieso schon auf Grund mangelnder Wirkung eingestellt. Im Gegenteil, versucht doch eine Gruppe arabischer Jugendlicher freiwillig das Schulgelände zu betreten, um eine offene Rechnung mit einem Russen zu begleichen. Völlig außer Kontrolle erscheint Außenstehenden die Situation an der Schule.
Ernst der Lage
So kämpft sich Referendar Serin mit Mut, Körpereinsatz und viel Ironie durch zwei Jahre Lehrer auf Probe-Dasein an der Werner-Heisenberg-Schule. Man leidet jedoch nicht nur mit Referendar-Kollegen, die von den verbeamteten Lehrern nicht ernst genommen werden. Vor allem die Perspektivenlosigkeit der Schüler, die ihrerseits die Hoffnung in die zuständigen Pädagogen komplett an den Nagel gehangen haben, scheint traurige Realität zu sein. Wie sollte es auch anders sein, verurteilt man sie doch schon wegen ihrer türkischen, arabischen, russischen, polnischen, libanesischen oder sonstigen nicht-deutschen Herkunft. Abgeschrieben als lernfaul und dumm, wartet auf sie Hartz IV oder eine Anstellung als Putzhilfe in Schwarzarbeit, so die verbreitete Meinung am Heisenberg-Gymnasium.
Solange Lehrer die Einstellung vertreten, das Abitur könne man "einzig mit Ankreuzaufgaben bestehen. Denn um in ganzen Sätzen schreiben zu lernen, dafür gibt es schließlich die Uni". Denn "andere verlangten von Ihren Schülern nicht einmal mehr Deutsch zu sprechen, solange sie überhaupt irgendeine Sprache benutzten – auch wenn sie als Lehrer diese gar nicht verstanden", kann man leicht die Desillusionierung der Schüler nachvollziehen, die jedweden Unterrichtsversuch boykottieren. Nicht ernst genommen, haben sie die Hoffnung auf eine Bildungskarriere, falls sie diese jemals hatten, längst begraben. Versetzt in die jeweils nächste Stufe werden sie allemal. Bei schlechten Noten gibt es Prügel und Drohungen für die Lehrer. Auch die drohende Abschiebung ins Heimatland wirkt bei manchen Lehrern Wunder, die den armen Schülern plötzlich viel bessere Noten versprechen.
Rauher Umgangston und mangenlde Sozialkompetenz
Nachdem Stephan Serin zunächst einen Anfängerfehler nach dem nächsten macht, gewöhnt er sich langsam an die schwierigen Umstände an seiner Schule und dessen Schüler. Wenn der Unterricht mal wieder gar nicht anläuft, wird kurzerhand die Zeitung rausgeholt und die Schüler werden nicht weiter beachtet. Auch die Peinlichkeiten mancher "alter Hasen" werden der Reihe nach observiert. Katastrophal führt Serin an, wie wenig Taktgefühl ein Pädagoge besitzt, eine an Neurodermitis erkrankte Schülerin vor versammelter Klasse zu ihrem Krankheitsbild zu befragen und ihr mangelnde Körperhygiene zu unterstellen. Genauso die alternde Frau Flach, die in regelmäßigen Abständen, vor allem aber bei Klassenarbeitskorrekturen, ihr Leben auszuhauchen scheint: "Hh...Hh...Hh..Hh..ich kann nicht mehr!"
Alle guten Dinge enden irgendwann
Doch das Happy End lässt auf sich warten. Die Freundin weg, die Lehrprobe steht an und Referendar Serin ist das reinste Nervenbündel. Schiebt man alle nervenaufreibenden Klischees und wahren Begebenheiten zur Seite, die sich wohl nicht nur an besagtem Gymnasium zutragen, ist es ein durchaus ironisches, lesenswertes Porträt sowohl von Serin als auch von seinen Schülern. Eine Empfehlung, nicht nur für angehende und alteingesessene Pädagogen.
Stephan Serin
Als Ostberliner geboren, studierte Stephan Serin auf Lehramt Französisch und Politische Bildung in Potsdam und Frankreich. Neben der Lehrtätigkeit, ist er bei der "Chaussee der Enthusiasten" bei Lesungen zu sehen.
"Föhn mich nicht zu" ist erschienen beim Rowohlt Taschenbuch Verlag. 3. Auflage 2010. 256 Seiten, Euro 9,95.
