Stéphane Hessel: Empört Euch! Ein Aufruf zum Widerstand

Stéphane Hessel: Empört Euch! - (c) Gerd Altmann / pixelio.de
Stéphane Hessel: Empört Euch! - (c) Gerd Altmann / pixelio.de
Die Streitschrift "Empört Euch" sorgt nicht nur in Frankreich für Furore: Der einstige Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel und sein Aufruf an die Jugend.

Ein Buch ist in aller Munde: Bereits über eine Million Mal hat sich Stéphane Hessels Streitschrift "Empört Euch" in Frankreich verkauft, und auch in Deutschland stürmt das unscheinbare Büchlein die Bestsellerlisten. Einem dreiundneunzigjährigen ehemaligen Mitglied der Résistance gelingt es, die Gemüter zahlreicher, vor allem junger Menschen zu bewegen. Wer ist dieser Mann, und worum geht es in seiner Schrift?

Bewegtes Leben – die Biografie von Stéphane Hessel

Um die Kernaussage des Büchleins zu verstehen, muss man die Biografie seines Autors nicht kennen – andererseits lassen sich Vita und Geist nur schwer trennen. Stéphane Hessel kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken: Geboren wird der Sohn des Künstlerpaares Franz Hessel und Helen Grund 1917 in Berlin. 1924 zieht die Familie nach Paris. Als junger Mann beginnt Stéphane ein Studium an der Ecole Normale Supérieure, wird jedoch bei Kriegsbeginn zum Militär eingezogen. Nach der Kollaboration Marschall Pétains schließt er sich der Gegenregierung unter General de Gaulle in London an und arbeitet für den militärischen Geheimdienst BCRA.

Im März 1944 kehrt Hessel heimlich nach Paris zurück und operiert für die Resistance. Durch einen gefolterten Mitstreiter gelangt er in die Fänge der Gestapo, wird selbst gefoltert und in das Konzentrationslager Buchenwald verfrachtet. Nur knapp entgeht er dem Tod: Der als Arztschreiber arbeitende Lagerinsasse Eugen Kogon rettet ihm das Leben, indem er seine Identität mit der eines an Typhus verstorbenen Häftlings vertauscht. Hessel wird in das Lager Rottleberode und nach einem Fluchtversuch in das Lager Dora im Harz überführt. Von dort gelang ihm die Flucht.

Von der Résistance zu den Vereinten Nationen

Viel Erholungszeit gönnte er sich nicht: 1946 trat Stéphane Hessel in den diplomatischen Dienst ein. Er wurde persönlicher Referent des stellvertretenden UNO-Generalsekretärs Henri Laugier und arbeitete mit an der Abfassung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die 1948 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Nach verschiedenen Tätigkeiten wurde er 1977 zu einem Botschafter Frankreichs ernannt.

Zeitlebens ergreift das einstige Mitglied der Résistance Partei für die Schwachen: So setzte er sich während des Algerienkriegs für die Unabhängigkeit des Koloniallandes ein, gründete 1962 eine Organisation für die Rechte von Afrikanern und engagiert sich für illegale Einwanderer. Immer wieder kritisiert er auch die Palästinapolitik Israels – und wird wegen seiner drastischen Formulierungen dabei mitunter selbst zum Gegenstand der Kritik.

Stéphane Hessel – auf Empörung folgt Engagement

Worin liegt die Motivation für seinen Widerstand gegen die Nazis und den lebenslangen Einsatz für die Menschenrechte? In seiner Streitschrift erwähnt Hessel den Einfluss der Philosophien Sartres und Hegels auf sein Denken. Die Verantwortung des Einzelnen, der Glaube an eine dialektisch fortschreitende Welt – tatsächlich schimmern diese Gedanken immer wieder durch. Letztlich sei es die "Entschlossenheit zum Engagement" gewesen, die ihn bewegt hätte.

Der Ausgangspunkt von Engagement jedoch ist die Empörung. Nur wer Missstände erkennt und verurteilt, kann sich engagieren. Und nur wer sich engagiert, nimmt teil an der Geschichte und kann sie beeinflussen – hin zu mehr Gerechtigkeit und positiver Freiheit. In Empörung und Engagement sieht Hessel konstitutive Merkmale des Menschseins. Dagegen verurteilt er die Gleichgültigkeit als einen Verrat gegenüber sich und der Welt.

Empört Euch – gegen Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung

Als Beispiele empörungswürdiger Probleme nennt Stéphane Hessel den Umgang des Westens mit Zuwanderern, den alarmierenden Zustand unseres Planeten und die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm. Er erwähnt den schleichenden Verfall des Sozialstaates und fehlende Bildungsgleichheit. Die enorme Bedeutung einer unabhängigen Presse für eine wahre Demokratie. Und er fordert mehr Empörung in der Palästinafrage.

Die Hauptkritik betrifft jedoch die entfesselte Macht des Geldes, die in einer Diktatur der Finanzmärkte mündet und das Gemeinwohl untergräbt. Die Allgegenwart des materialistischen Denkens und Handelns gefährdet unsere Werte – und zerstört nicht zuletzt die Errungenschaften der Resistance.

Friedlicher Widerstand für neue Werte

Dieses "materialistische Maximierungsdenken" müsse durchbrochen werden. Ethik, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit sollen an seine Stelle treten. Hessel ist dabei durchaus optimistisch: So habe die Menschheit mit dem Ende von Apartheid und Kolonialherrschaft sowie dem Fall des Sowjetreichs und der Berliner Mauer seit 1948 bedeutende Fortschritte gemacht. Zwar hätte es nach dem Millennium Rückschläge wie den Irak-Krieg und den gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen gegeben. Nun aber sei die Zeit reif für neue Möglichkeiten.

Der Weg dorthin führe einzig über den Pfad der Gewaltlosigkeit. Nur durch friedlichen Widerstand kann die Welt verbessert werden – und so steht am Ende der Aufruf: "Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen."

Gründe für den Erfolg von Empört Euch

Worin begründet sich der außergewöhnliche Erfolg von "Empört Euch"? Die schillernde Figur Stéphane Hessels mag eine Rolle spielen, ausschlaggebend ist sie nicht. Vielmehr treffen seine Worte den Nerv der Zeit: Immer mehr Menschen sind enttäuscht von einer Politik, die angesichts der großen Gegenwartsprobleme wie gelähmt ist. Die in nationalen Interessen und einer überholten Wachstumsideologie verharrt. Missstände wie der völlig entfesselte Kapitalismus, drohende Umweltkatastrophen und Kriege um Rohstoffe sowie die wachsenden soziale Schieflage auf dem Erdball erfordern jedoch engagierte und gemeinschaftliche Lösungsansätze.

Dabei ist die Streitschrift weder literarische Glanzleistung noch wissenschaftliche Studie: Ihr Charme liegt primär in der Deutlichkeit der Worte, die dem verbreiteten Wunsch nach Veränderung Ausdruck verleihen.

Stéphane Hessel – Empört Euch!

Der 93-jährige Autor beweist nicht nur einen regen und aufgeschlossenen Geist, sondern auch ein voller jugendlicher Kraft für eine bessere Welt schlagendes Herz. "Empört Euch" ist ein Plädoyer gegen Passivität und Gleichgültigkeit. Ein leidenschaftlicher Appell, sich gegen Ungerechtigkeiten und Fehlentwicklungen zu engagieren. Die Gestaltung unserer Gegenwart nicht den Mächtigen zu überlassen. Und eine bessere Zukunft zu gestalten. Diese Botschaft will Hessel jungen Menschen hinterlassen. Und diese Aussage ist keinesfalls auf Frankreich beschränkt – sondern ganz im Geiste ihres Verkünders universell.

In Frankreich ist bereits der Nachfolger der Streitschrift erschienen: In "Engagiert Euch!" fordert Stéphane Hessel den aktiven Einsatz für Umweltschutz. Auf die Empörung folgt die Tat.

Stéphane Hessel: Empört Euch! Ullstein Verlag, Berlin 2011, 32 Seiten, Euro 3,99.

Bildquelle: www.pixelio.de

(c) Gerd Altmann / pixelio.de

Thomas Sedlmeyr, Thomas Sedlmeyr

Thomas Sedlmeyr - Studium der Deutschen Literaturwissenschaft, Geschichte und Ethnologie in Augsburg. Seit 2008 arbeite ich als freier Autor und ...

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