
- Wer rettet die Erde? - Rita Thielen/Pixelio.de
Nachdem der 94 Jahre alte Stéphane Hessel, ein Franzose deutscher Herkunft, Mitglied des französischen Widerstands gegen die NS-Diktatur und Mitverfasser der UN-Menschenrechts-Charta von 1948, 2010 in seiner Streitschrift „Empört Euch!“ die Menschen dazu aufgerufen hatte, globale Missstände und Ungerechtigkeiten nicht länger hinzunehmen, hat er 2011 unter dem Motto „Engagiert Euch!“ eine weitere Streitschrift vorgelegt, in der er im Gespräch mit dem Journalisten und Umweltaktivisten Gilles Vanderpooten erläutert, wie das Engagement für eine bessere Welt konkret aussehen könnte.
Widerstand heute
Am Beginn des 21. Jahrhunderts ist für Hessel – vor dem Hintergrund des Wertekanons, der dem Programm des Nationalen Widerstandsrates zugrundelag und der seiner Meinung nach nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat – die soziale Ungleichheit im Wirtschaftsleben, die Kluft zwischen sehr reich und sehr arm ein wesentlicher Grund, sich zu empören und dagegen Widerstand zu leisten. Konkret kann der Widerstand gegen diese Art von Ungerechtigkeit Hessel zufolge zunächst darin bestehen, dass man in seinem unmittelbaren Umfeld jemandem hilft, der unverschuldet in Not geraten ist. Weitere Schritte wären für ihn der Zusammenschluss mit anderen, um kollektive Protestaktionen zu organisieren, und zwar nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene. Das Gleiche gilt – so Hessel – für die zweite große Herausforderung, die sich den Menschen stellt, nämlich die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen auf der Erde. Konkrete Formen des Widerstands sind hier der Protest gegen die Umweltzerstörung der großen Ölgesellschaften, gegen den Raubbau an den natürlichen Ressourcen. Die soziale Ungleichheit und die Umweltzerstörung sind somit für Hessel die dringendsten Anlässe für konkretes Engagement, egal ob individuell oder kollektiv.
Nachhaltige Entwicklung
Ein weiteres wichtiges Beispiel für konkretes Engagement ist für Hessel die Entwicklungspolitik. In diesem Bereich könnten seiner Meinung nach junge Menschen aus reichen Ländern gemeinsam mit der Jugend der armen Länder Entwicklungsprojekte vorantreiben, und zwar als Hilfe zur Selbsthilfe. In diesem Zusammenhang betont Hessel die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklungspolitik, in deren Kontext Entwicklung den Raubbau an der Natur vermeidet und die Landwirtschaft vor allem der Eigenversorgung dient. Beide Anforderungen werden für Hessel von einer ökologisch ausgerichteten Landwirtschaft erfüllt, da diese umweltfreundlich und zugleich ernährungsgerecht ist. Hessel plädiert generell für eine Vorstellung von Entwicklung und Wachstum, bei der Wohlstandsgewinn sehr viel mehr als bisher aus kulturellen, spirituellen, ethischen statt bloß materiellen – noch dazu energieintensiven – Gütern oder spekulativen Finanzprodukten besteht, bei der also Schluss gemacht wird mit dem Wachstumsfetischismus des „Immer noch mehr“.
Umweltschutz, Politik und Vereinte Nationen
Allen Bemühungen um Umweltschutz liegt für Hessel die Entwicklung eines Umweltbewusstseins zugrunde, das heißt, die Erkenntnis, dass der Mensch nicht Herr der Natur ist, sondern ein Teil von ihr, dass die Erde die Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung des Menschen setzt. Was das Verhältnis von Umweltschutz und Politik betrifft, so verfügt Hessel über einen reichen Erfahrungsschatz, da er an allen Umweltgipfeln als privilegierter Beobachter teilgenommen hat – von Stockholm 1972 bis zum Weltklimagipfel in Cancún 2010. In diesem Zusammenhang betont Hessel, dass es tatsächlich dreißig Jahre gedauert hat, bis die Themen Umwelt, Ökologie, Klima weltweit in den Köpfen der Politiker angekommen sind.
Die Förderung eines weltweit wirksamen Umweltschutzes wäre für Hessel eine weitere wesentliche Aufgabe der UN, und zwar in Form einer speziell der Umwelt gewidmeten Organisation der Vereinten Nationen (UN Environment Organization – UNEO). Und zwar müsste der UNEO seiner Meinung nach im Verbund mit den anderen UN-Organisationen wie der Welthandelsorganisation (WTO), dem UN-Hochkommissar für Menschenrechte und dem Internationalen Währungsfond (IWF) oberste Priorität zukommen. Was die ökologische Dimension der Europapolitik anbetrifft, so plädiert Hessel für ein Bündnis zwischen der europäischen Linken und der europäischen Ökobewegung. Die Politik wird sich jedoch – so Hessel – die Bemühungen um Umweltschutz nur dann zu eigen machen, und er kommt hier noch einmal zu seiner Kernforderung, wenn sich genügend Bürger in diesem Bereich engagieren. In engem Zusammenhang mit der Hinwendung beziehungsweise Rückkehr zu ökologischen Wirtschaftsformen steht für Hessel die Erhaltung der Vielfalt der Kulturen auf der Erde.
Eine adäquate Antwort auf die Wirtschafts- und Finanzkrise
Zur Bewältigung der gegenwärtigen globalen Wirtschafts- und Finanzkrise wäre für Hessel die Schaffung eines UN-Rates für wirtschaftliche und soziale Sicherheit erforderlich. In diesem Weltwirtschaftsrat müssten – so Hessel – die zwanzig bis dreißig Staaten mit der größten Verantwortung vertreten sein und diese müssten eine Weltstrategie entwickeln, die den großen Aufgaben angemessen ist und alle Akteure im Finanz-, Handels-, Arbeits- und Gesundheitswesen diszipliniert, was auf ein Mehr an Regulierung hinausläuft.
Alternativen schaffen
Die Vision einer gerechteren, nachhaltiger wirtschaftenden, vernünftigeren Welt, die er skizziert, muss zwar – so Hessel – global sein, aber ihre Verwirklichung kann nur vor Ort geschehen, wobei zudem zu beachten ist, dass alles in mehrfacher Wechselwirkung zueinander steht. Die Erreichung eines wirklichen Fortschritts ist deshalb für ihn ein Mehrfrontenkampf, bei dem Widerstand und Aufbau in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen müssen. Eine Strategie des Handelns, die auf das Problembewusstsein folgt, kann mit anderen Worten – so Hessel – nur dann zum Erfolg führen, wenn sie die Probleme mit ihren Wechselwirkungen und Zusammenhängen bedenkt, wenn sie also das Ganze im Blick hat. Große Hoffnung setzt Hessel in diesem Kontext auf Nichtregierungsorganisationen (non-governmental organizations – NGOS), weil die Umsetzung ganzheitlicher Handlungsstrategien Solidarität erfordert, und diese Solidarität zeigt sich seiner Meinung nach konkret in den zahlreichen, immer dichteren Vernetzungen solcher zivilgesellschaftlichen Vereinigungen.
Zukunftsperspektiven
Mit der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 nahm - so Hessel - die Weltgesellschaft als einheitliches, interdependentes und solidarisches Gebilde zum ersten Mal in der Geschichte Gestalt an. Inzwischen hat er, wie er betont, begriffen, dass als politisches Ziel der Schutz der Natur mindestens ebenso wichtig ist wie die Wahrung der Menschenrechte. Für die Zukunft sieht er deshalb die Rechte der menschlichen Person und der Natur als gleichberechtigt nebeneinander. In diesem Zusammenhang unterstreicht Hessel seinen Glauben an den Menschen und äußert die Hoffnung, dass es der Menschheit gelingen wird, ihre Probleme zu lösen, und zwar auf der Basis von Freiheit, Solidarität und Verantwortung. Dass diese Hoffnung nicht unberechtigt ist, zeigen die Demonstrationen gegen soziale Missstände, insbesondere gegen die Auswüchse des Finanzmarktkapitalismus, die seit 2010 immer mehr Länder erfasst und sich 2011 in Gestalt der „Occupy“-Bewegung zu einer globalen Protestbewegung ausgeweitet haben.
Quellennachweis:
- Stéphane Hessel, Engagiert Euch! Berlin Ullstein Verlag 2011
- suite101.de
- suite101.de
Bildnachweis:
- seltsame-welt.de
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