
- Stephen King: Nachtschicht - Lübbe
Nach den überragenden Erfolgen seiner Romane war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Stephen Kings Kurzgeschichten auf den Markt geworfen wurden. Sehr zu Unrecht standen und stehen diese im Schatten seiner Romane. Denn tatsächlich überzeugen viele seiner älteren Kurzgeschichten mit originellen, spannenden Plots.
Unterhalten wir uns über Angst
In einem ungewöhnlich langen Vorwort äußert sich King zum Thema Angst: Weshalb er „so etwas“ schreibt, mit welchem Typus Furcht sich sowohl Kinder, als auch Erwachsene konfrontiert sehen, und was das wichtigste Element einer Horrorgeschichte ist, nämlich Spannung. Und an Spannung mangelt es den zwanzig Texten beileibe nicht.
Von sanftem Grusel bis schockierendem Horror
Was „Nachtschicht“ gegenüber vielen anderen Kurzgeschichtensammlungen auszeichnet, ist die enorme Bandbreite der Texte, die für jeden Geschmack das Passende bieten. Ob klassische Horrorgestalten wie Vampire oder Monstren, ob Maschinen, die sich gegen die Menschen wenden, oder gestaltlose, dunkle Dämonen, die ihren Tribut in Form von Menschenopfern fordern: Keine Geschichte gleicht der anderen, sodass niemals die Gefahr der Monotonie entsteht, wie es bisweilen in Anthologien der Fall ist.
Nur wer harten Splatter sucht, wird in „Nachtschicht“ vergebens danach suchen.
Probeläufe für „Brennen muss Salem“ und „Das letzte Gefecht“
Treue Leser seiner Romane werden in einigen der Geschichten Parallelen zu bestimmten Romanen finden. Die aus „Brennen muss Salem“ bekannte Kleinstadt Jerusalem’s Lot wird gleich in zwei Texten zum Ort grausiger Geschehnisse erhoben.
Das Szenario in „Nächtliche Brandung“ wirkt wie ein Nebenschauplatz des epischen „Das letzte Gefecht“, wenn eine mysteriöse Seuche fast die gesamte Menschheit ausradiert und die wenigen Überlebenden mühsam zwischen den Ruinen der Zivilisation ums Überleben kämpfen.
Deutlicher Lovecraft-Einfluss
Kings literarische Verbeugung vor H. P. Lovecraft findet ihren Ausdruck in dem Pastiche „Briefe aus Jerusalem“ sowie der an den Cthulhu-Mythos gemahnenden Geschichte „Ich bin das Tor“, einer exzellenten Mischung aus Science Fiction und Horror: Ein Astronaut kehrt als einziger Überlebender von der ersten Weltraumreise zur Venus zurück. Und er hat etwas Grauenhaftes mitgebracht …
Kings Sinn für treffende Metaphern, die seitenlange Beschreibungen überflüssig machen, zeigt sich etwa in folgender Beschreibung der Venus: „wie ein Schädel, dem das Fleisch abgenagt wurde“. Die makabre Schlusspointe rundet diese vollends gelungene Horrorgeschichte ab.
Pointiert wie Roald Dahl
A propos: Zu den Stärken der meisten enthaltenen Geschichten zählen die Knalleffekte am Schluss, die es immer in sich haben und die Wirkung des Gelesenen enorm verstärken. Kaum jemand, der etwa „Das Schreckgespenst“ gelesen hat, wird die Schlusspointe vergessen können.
Unwillkürlich drängt sich ein Vergleich mit Roald Dahls besten Texten auf, die meistens gleichfalls eine zündende Pointe aufwiesen.
Kino im Kopf schlägt Hollywood
Mittlerweile wurden nicht nur die meisten seiner Romane, sondern auch seiner Kurzgeschichten verfilmt. Dabei erweist sich eine Binsenweisheit als nur allzu wahr: Die Abenteuer im Kopf wirken doch stärker als Bilder auf der Leinwand. Die inzwischen berüchtigten Verfilmungen von „Lastwagen“, „Kinder des Zorns“ oder „Der Mangler“ haben mit den Kurzgeschichten kaum etwas gemeinsam.
Der Griff zum Buch ist nicht nur in diesen Fällen eindeutig dem Drücken der Knöpfe auf der Fernbedienung vorzuziehen. Stephen Kings Geschichten lassen sich – bis auf wenige Ausnahmen – nicht adäquat verfilmen, da zwischen den Zeilen viele Informationen geliefert werden und es der Amerikaner auf einmalige Weise versteht, abstrusen Szenarien, die auf Leinwand lächerlich wirken, dennoch den Schein des Möglichen zu verleihen.
Wenn etwa ein Wäschemangler blutdürstig durch die Gassen zieht, ist die Bereitschaft des Lesers gefragt, sich zumindest für die Dauer einiger Seiten auf diese seltsame Vorstellung einzulassen. Belohnt wird er dafür mit enormer Spannung, die ihn die Alltagssorgen für kurze Zeit vergessen lässt.
„Nachtschicht“ bietet nicht mehr, und garantiert nicht weniger, als gruselige Unterhaltung auf höchstem Niveau.
Stephen King: Nachtschicht. Lübbe 1988. Taschenbuch, 448 Seiten. Euro 7,95.
