Vor videogebeamten Wellen (Helmut Wimmer) und von subtiler Musik der auf FM4 gespielten Lady Clara Luzia begleitet, deliriert ein 84jähriger allein gelassener Mann (Heinrich Baumgartner) vor sich hin: Mal traurig, mal verwirrt, mal verzweifelt und doch wieder kurz getröstet durch die Erinnerung an den einst so heiß begehrten Tafelspitz mit Apfelkren, erotischen Abenteuern – und: war da nicht Familie? Da gab es doch eine Tochter? Und schon wird er wieder Opfer von altersbedingten Erinnerungslücken. Warum bekommt er keinen Besuch? Oder hatte er gar einen Sohn? Wo sind alle abgeblieben? Dass die geliebte Frau schon vor ihm gestorben ist, blitzt auf – oder geht er voran, um ihnen beiden ein gutes Plätzchen im Himmel – oder wo auch immer – zu reservieren? Die Kindheit ist in der Erinnerung näher als das gerade genossene Mahl. Doch eines ist in klaren Momenten sicher: „Mein Tod wird in jedem Fall unfreiwillig sein. Das ist ungeheuerlich. Ich kann doch nicht gegen meinen Willen dazu gezwungen werden“.
Unmöglicher Tabubruch
In Ute Liepolds Stück „Sterben“ spricht die Autorin ein Thema an, das uns alle unweigerlich einholt, das nicht zu delegieren ist, das uns gefangen nimmt, abseits jeden Status. Der Körper verändert sich, sein Geruch, seine Funktionen – eine Veränderung, die in der Welt der allumfassenden Flexibilität aber so nicht vorgesehen ist. Dieser nutzlose Körper, der elementare Mechanismen des Seins nun nicht mehr kontrollieren kann wird weggesperrt in ein Wartezimmer zum Sterben.
Das Stück bricht mit keinerlei Tabus – wie auch, da alles schon hundertfach verfilmt wurde, medial besprochen und ausgebreitet wird – bekannt ist und dennoch fern gehalten wird. So vermag das Stück schwer zu berühren, allein am Ende, da der alte Mann in dieser Inszenierung des klagenfurter ensemble nasse, gebrauchte Kleidung anzieht, kommt kurz Gänsehaut und Grauen auf.
Gegen die Leichtigkeit des Seins
„Es ist ein theatraler Versuch gegen die sich mit rasender Geschwindigkeit verbreitende Leichtlebigkeit, gegen die wachsende Morbidität, gegen die bewusstseinstötende Tabuisierung des Todes“, so Liepold über die Motivation das Stück zu schreiben. „Auf ihre künstlerisch-kämpferische Weise bearbeitet Ute Liepold persönlich erfahrene und miterlebte Lebenssituationen in Zusammenhang mit dem noch immer übermächtigen Tabuthema Tod. Das erscheint mir in einer Zeit des verschärften Spätkapitalismus, in einer hedonistisch besetzten Freizeit- und Eventgesellschaft mit seiner unaufhaltsam voranschreitenden Zerstörung des sozialen Gefüges ungemein wichtig – nicht nur als Thema für ein engagiertes Theater“, erklärt Gerhard Lehner, künstlerischer Leiter des klagenfurter ensemble.
Die Autorin
Nach „Spiel mit mir – Der Ball und sein Geschlecht“ zur Euro 2008 ist „Sterben - Delirium für einen Schauspieler“ das zweite Stück von Ute Liepold, das sie in Zusammenarbeit mit dem klagenfurter ensemble (ke) herausgebracht hat. Als Autorin und Regisseurin hat sie bereits für ORF und Graffilm gearbeitet, in Zusammenarbeit mit Bernd Liepold-Mosser zahlreiche Theater- und Filmprojekte abgewickelt.
