Stereo-3D-Kino auf dem Vormarsch

Ist das räumliche Kino nur eine neue Modeerscheinung?

Jake Sully (Sam Worthington) und Neytiri (Zoe Sald - © 2009 Twentieth Century Fox
Jake Sully (Sam Worthington) und Neytiri (Zoe Sald - © 2009 Twentieth Century Fox
Mit „Avatar - Aufbruch nach Pandora" läuft nicht nur ein Highlight des Science-Fiction und Öko-Films in unseren Kinos. Es ist auch ein Highlight des Stereo-3D-Kinos.

Als das 3D-Kino in den fünfziger Jahren zum ersten Male im großen Stil propagiert wurde, war es nicht mehr als eine Jahrmarktattraktion, die es in die Kinos geschafft hatte. Damals setzte man auf überzeugende Schockeffekte wie Pfeile, die auf die Zuschauer abgeschossen wurden. Warum sollte das 3D-Kino ausgerechnet heute, wo das Katastrophenkino sehr viel ausgefeilter ist, mehr sein als ein vordergründiges Schauspiel, dessen Attraktivität sich in kurzer Zeit verbrauchen wird?

Kopfschmerzen ade

Dass das 3D-Kino bisher nicht reüssieren konnte, lag allein an einem technischen Problem mit äußerst schmerzhaften Folgen: damit das Gehirn den 3D-Effekt erzeugen kann, erhält jedes Auge mit Hilfe der Brille ein jeweils eigenes Bild „eingespeist“. Dafür müssen die Bilder absolut parallel projiziert werden. Das beherrschte die damalige analoge Technik nicht und so bekam der Zuschauer relativ schnell Kopfschmerzen.

Bevor es richtig los geht, wird der Zuschauer an 3D gewöhnt

Dieses Problem hat die digitale Projektion nun ein für alle Male gelöst. Damit wurde der Weg frei gemacht sich wesentlicheren Dingen zuzuwenden wie Gestaltung und Erzählweisen von 3D-Filmen. Zum ersten Mal in der Filmgeschichte ist es nun möglich Tiefe – also Raum – nicht nur durch perspektivische Tricks zu simulieren und zu behaupten, sondern objektiv darzustellen. Das erzwingt eine neue Erzählweise, aber auch Sehgewöhnung. Eine Gewöhnung, die dadurch erleichtert wird, dass die ersten Szenen eines 3D-Films aus längeren und langsameren Einstellungen bestehen. Sind Auge, Gehirn und Wahrnehmung erst einmal an die künstliche Tiefe angepasst, sind sogar Dreifach-Überblendungen wie in dem Konzertfilm „U2 3D“ möglich, ohne dass die Schädeldecke abgesprengt wird.

Noch wird 3D übervorsichtig eingesetzt

Um die neuen Erzähltechniken auszuprobieren, eignet sich kaum ein Genre besser als der Animationsfilm. Einerseits lässt sich hier während der Produktion mehr experimentieren; andererseits verlangt der Zuschauer bei Animationsfilmen geradezu nach ungewöhnlichen Perspektiven und Bildern. Noch verzichten die meisten Filme aber auf einen extremen Einsatz der neuen Technik, um das breite Publikum nicht zu verschrecken und zu beweisen, dass das neue 3D wesentlich mehr effektheischende Volksbelustigung ist. Darüber bleibt das 3D-Potential einer Jagd zwischen einer Antilope und dem Säbelzahntiger Diego in „Ice Age III“ allerdings auf der Strecke, weil sie nicht in den Zuschauerraum hinein führt, sondern in langweiliger 2D-Dramaturgie hinter dem seitlichen Bildrand verschwindet. Auch „Avatar“ von James Cameron („Titanic“) verzichtet – bis auf eine Szene – darauf den Zuschauer zu „Belästigen“.

Neue Technik heißt auch neue künstlerische Möglichkeiten

Wie 3D das Erzählen künftiger Geschichten beeinflusst, wird sich noch zeigen. Aber schon jetzt gibt es das Aufeinanderprallen zweier Philosophien. Der Belgier Ben Stassen, dessen Firma die meisten IMAX-3D-Filme produziert hat, wirft den US-Major-Studios vor lediglich 2.5D-Kino zu machen und somit die Möglichkeiten der Technik zu verschenken, weil sie wie bei einem Diorama im Naturkundemuseum mit ihren Bildern hinter der Leinwand bleiben. In der Tat ist es schon ein komplett anderes Erlebnis, wenn in Stassens „Around the World in 50 Years“ eine Meeresschildkröte einen Felsen umrundet, der auf Leinwandhöhe schwebt und dabei augenscheinlich über die Köpfe der Zuschauer hinweg schwimmt. Das hat nichts mehr mit plumpen Effekt zu tun, sondern ist originäres Stilmittel.

Auch „Oben“, ein ruhig erzählter Film über einen Rentner, der sich seinen Lebenstraum erfüllt, lotet 3D als erzählerisches Mittel behutsam aus. Auf den ersten Blick lässt sich kein Vorteil von 3D erkennen. Doch bei genaueren Hinsehen erschließt sich rasch der größere Genuss dieser Technik: die Figuren werden plastischer, der Raum, in dem sie sich befinden, erhält Tiefe und die gesamte Szenerie wird dadurch lebendiger und dynamischer. Wenn man sich auf diese Möglichkeiten besinnt und das Offensichtliche – Schockeffekte wie bei dem Real-Horrorfilm „Final Destination: Death Trip“ – nicht als einzige Rechtfertigung für 3D betrachtet, dürften sich auch für anspruchsvolle Filme neue Erzählweisen erschließen und damit das zukünftige Kinoerlebnis in großer Breite reichhaltiger werden. Sowohl „Oben“ als auch der ebenfalls mit einem höheren inhaltlichen Anspruch erzählte „Coraline“ zeigen dazu erste Ansätze. Beide nutzen sie die Tiefe des Raums, um mit seiner Hilfe je nachdem das Gefühl von Beklemmung oder Freiheit zu evozieren indem die unschönen Situationen flacher gehalten sind und die Schönen tiefer. „Avatar“ nutzt dies auch, ist mit seinen vielen Action-Anteilen in der Verwendung von 3D aber schon einen Schritt weiter.

3D ist keine reine Spielerei, sondern ein Quantensprung

Nach Ton und Farbe ist das dreidimensionale Kino der dritte Evolutionsschritt des Kinos, der gleich drei Aspekte in sich vereint: neue Stilmittel, neue Spielereien und wirksamer Schutz vor illegalem Abfilmen. Das Publikum hat 3D mittlerweile angenommen. Hat es die Wahl, bevorzugt es die 3D-Version. Und an Nachschub mangelt es keineswegs. Alle paar Wochen kommt zur Zeit ein neuer 3D-Film in die Kinos. Nur die deutschen Produktionen lassen auf sich warten. „Die Konferenz der Tiere“ wurde vom März in den Oktober verschoben und der dritte Teil von „7 Zwerge“, der als stereoskopischer 3D-Film entsteht, ist noch in der Produktion. Ebenfalls in Produktion ist der Tanzfilm „Pina“ in der Regie des Arthouse-Filmers Wim Wenders – wenn das nicht eine Adelung des 3D-Kino ist!

Thomas Steiger, Sabine Felber

Thomas Steiger - Seit Mitte der 80er Jahre schreibe ich über Film und Fernsehen. Erst Filmbesprechungen, dann über die Hintergründe der ...

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