Franzosen sind gute Liebhaber, Deutsche sind bekannt für ihre gewissenhafte Arbeitsweise, Italiener sind laut; solche oft zitierten Aussagen können als die offensichtlichsten und harmlosesten Beispielsstereotype gelten; von der Sorte gibt es lustigere, aber auch weitaus verletzendere. Sowohl Stereotype als auch Vorurteile, so die Soziologen Aenne Ostermann und Hans Nicklas, sind fest im "Alltagsbewusstsein" des Menschen verankert und prägen somit permanent dessen tägliche Erfahrungen sowie die interaktiven Beziehungen zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen oder Kategorien. Eine strikte Unterscheidung zwischen Stereotypen und Vorurteilen ist oft aufgrund ihrer gegenseitigen Interaktion schwierig.
Ostermann und Nicklas sprechen von Stereotypen als "tradierten Vorstellungskomplexen", die ihre Verfestigung durch "Alltagsüberlieferung" erhalten. Aber weder Stereotype noch Vorurteile sind wertneutral und beiden liegt eine emotionale Komponente zugrunde; sie sind also beide mit Gefühlen belastet, weshalb es so schwierig ist, sie zu revidieren.
Was sind Stereotype?
Der Mensch lebt in einer zu heterogenen Welt, als dass er sich ohne ein Minimum an Orientierungshilfe zurechtfinden könnte. Als handelndes Wesen besteht für ihn als Individuum eine gewisse Notwendigkeit, sich in erster Linie eine Vorstellung von der Welt und den Menschen um sich herum zu machen. Dies erlaubt ihm zu agieren oder mit bestimmten Gruppen, die sich beispielsweise nicht in seiner unmittelbaren Umgebung befinden, zumindest gedanklich umzugehen. Dass diese Vorstellungen oder Annahmen nicht zwangsläufig mit der Realität übereinstimmen, erklärt sich von selbst. Nach Ostermann und Nicklas sind Stereotype vereinfachte, verallgemeinernde Vorstellungen in unseren Köpfen, die zur Ökonomie des Denkens beitragen; sie erfüllen somit eine einfache "Orientierungsfunktion". Ihre Haupteigenschaft liegt in der Verallgemeinerung, die sowohl positive als auch negative karikierende Züge annehmen kann. Stereotype entstehen, wenn einer Gruppe oder Kategorie bestimmte Eigenschaften, etwa Bilder oder Urteile, a priori zugewiesen werden, die nur bedingt den Tatsachen entsprechen.
Der Publizist Walter Lippmann schreibt in seinem berühmten Werk "Die öffentliche Meinung" (1922), dass Stereotypenmodelle „Projektionen unseres eigenen Wertbewußtseins, unserer eigenen Stellung und eigenen Rechte auf die Welt“ sind, weshalb sie „nicht neutral", sondern hochkarätig mit Gefühlen belastet sind. Eine Veränderung der negativen Stereotype würde eine Erschütterung der Grundfesten des Glaubens an die eigene Tradition mit sich bringen.
Daraus ergibt sich aber, dass stereotype Vorstellungen, im Gegensatz zu den Vorurteilen, nach unmittelbaren Erfahrungen, d.h. bereits in einer Phase, in der man nicht mehr auf eine grobe Orientierung angewiesen ist, beispielsweise nach einer räumlichen Annährung, revidiert werden könnten, auch wenn dies schlimmstenfalls bedeuten würde, dass fest geglaubte und sicherheitsbringende Anhaltspunkte wegfallen würden.
Das Vorurteil und seine verborgene Funktion
Wenn jedoch die Nicht-Übereinstimmung eines Urteils mit der Realität kaum beseitigt werden kann, so hat man es mit einem Vorurteil zu tun; in diesem Fall merkt man, dass die Funktion des Vorurteils gerade nicht in der Ökonomie des Denkens erfüllt ist.
Vorurteile im negativen Sinn sind im Voraus gefällte Urteile, die, so Peter Heintz, negative Gefühle wie Aggressivität, Hass oder Verachtung einer bestimmten Gruppe gegenüber zum Ausdruck bringen; auch wenn Heintz den Vorurteilen ebenso eine wichtige soziale Orientierungsfunktion nachsagt, liegen ihre wesentlichen Charakteristika in der „Affektgeladenheit“ und der „Starrheit“ der Nichtübereinstimmung mit der Realität; mit Letzterem ist gemeint, dass keine Bereitschaft besteht, ein wie auch immer geartetes Urteil gegebenenfalls im Nachhinein zu revidieren.
Zuweilen liegt die Begründung einer solchen Weigerung auch darin, dass Vorurteile wie auch Stereotype aufgrund ihrer irrationalen Züge zu einer Trübung, gar Verzerrung der Wahrnehmung führen können; in diesem Fall erfolgt eine Bestätigung des vorurteilsvollen Denkens, wodurch sich das Vorurteil wie von selbst verewigt.
Vorurteile implizieren für gewöhnlich ein Verhältnis zwischen Mitgliedern einer „ingroup“, deren enge Verbindung zueinander, wie etwa der Glaube an eine bestimmte Ideologie, es erlaubt, die eigene Gruppe als „wir“ zu bezeichnen, und denen einer oder mehrerer „outgroups“, die man als „sie“ kategorisiert. Das Verhältnis zwischen den zwei Gruppen stellt ein soziales Beziehungssystem dar, in dem Machtstrukturen sich abzuzeichnen beginnen, wobei die Herausbildung eines Gegenpols für das Funktionieren der Vorurteile als grundlegende Voraussetzung anzusehen ist.
Die Bildung einer bestimmten Gruppe in Abgrenzung zu einer Fremdgruppe kann aus unterschiedlichen Gründen heraus erfolgen; nicht selten können Interessenkonflikte wie Konkurrenzangst für die Herausbildung der Vorurteile verantwortlich sein. Da die psychische Funktion der Vorurteile unter anderem darin besteht, eine gewisse Stabilisierung des sozialen Selbstverständnisses sowie des eigenen Selbstwertgefühls zu gewährleisten, spielt der Prestige-Faktor - in allen seinen Facetten - und dessen Vergleich mit dem der Fremdgruppe eine wesentliche Rolle. So impliziert die „prestigemäßige Heraufsetzung“ einer bestimmten Gruppe gleichzeitig die „prestigemäßige Herabsetzung“ der anderen Gruppe; der Leitgedanke könnte nach Peter Heintz in etwa so ausfallen:
„Je weniger die anderen wert sind, um so mehr sind wir selbst – in unseren eigenen Augen – wert.“
Die Dynamik der Vorurteile ist somit proportional veränderlich zur Prestigesicherheit des Einzelnen gegenüber der eigenen „ingroup“ im Verhältnis zur „outgroup“. Je höher also die Gewissheit der eigenen Prestigesicherheit einem erscheint, desto weniger wird der Einzelne, der an ihr teilhat, das Bedürfnis verspüren, die entsprechende „outgroup“ zu erniedrigen, um sich mächtiger zu fühlen. Daraus ergibt sich, dass je anerkannter und in sich stabiler eine Gruppe sich wähnt, desto weniger erscheint es ihr notwendig, die ihr gegenüber stehende Gruppe herabzusetzen.
Quellen:
- Peter Heintz: Soziale Vorurteile. Ein Problem der Persönlichkeit, der Kultur und der Gesellschaft. Verlag für Politik und Wirtschaft, Köln 1957.
- Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung. Reprint des Publizistik-Klassikers, hg. von Prof. Dr. Heinz-Dietrich Fischer, Universitätsverlag Brockmeyer, Bochum 1990. Erstauflage New York 1922.
- Aenne Ostermann, Hans Nicklas: Vorurteile und Feindbilder. Warum Menschen einander mißverstehen und hassen. Materialien, Argumente, Gegenstrategien. Zugleich eine Einführung in die politische Psychologie. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1984, 3. Auflage.
