
- Stevenson - Stich ins Wespennest Cover - R-M-E
Das Geld ist knapp, die Dividende war plötzlich erschreckend klein, und Barbara Buncle, eine unscheinbare Dame Anfang vierzig, sieht sich auf einmal in schwerwiegender finanzieller Bedrängnis. Was soll sie tun? Wie soll sie Geld verdienen? Soll sie vielleicht Hühner züchten? Aber sie hat doch keine Ahnung davon, und Dorcas, ihre Haushälterin, kann sich für diesen Gedanken gar nicht erwärmen. Also beschließt Miss Buncle, ein Buch zu schreiben. Leider hat sie nur wenig Phantasie, und so muss sie über etwas schreiben, das sie kennt. Zum Beispiel über Silverstream, das Dorf, in dem sie wohnt. Sie kennt hier jeden Einwohner, weiß so manches Geheimnis und hat einige Gerüchte gehört. Außerdem ist sie eine gute Beobachterin. Sie schreibt und schreibt und sendet das Manuskript an einen Verlag. Und - oh Wunder! - es soll gedruckt werden! Barbara Buncle wählt als Pseudonym John Smith, und das ist eine gute Idee, denn das Buch ist Sprengstoff.
Silverstream ist hell empört
Es dauert nicht lange, und das Buch hat Silverstream erreicht. Es gibt sehr wenige Menschen, die es amüsant finden, noch weniger Menschen, die sich nicht darin erkennen, und eine ganze Reihe von Menschen, die John Smiths Kopf fordern. Mr. Abbott, der Verleger, bekommt mehrfach ungebetenen Besuch: Wütende Einwohner Silverstreams fordern, dass er das Buch zurück ziehen soll. Mr. Abbott denkt aber gar nicht daran: Das Werk ist ein Bestseller, und er selbst hat sich lange nicht mehr so gut amüsiert wie in der letzten Zeit. Er hat Miss Buncle alias John Smith kennen gelernt, weiß um ihre Beweggründe und versteht genau, wie das Buch gemeint ist. Umso hinreißender ist es, die Kritiken dazu zu lesen, die beweisen, dass die ganze Welt etwas gründlich missverstehen kann. Doch was auch immer geschrieben wird: Das Buch ist in aller Munde, und das bedeutet, dass es sich verkauft wie geschnitten Brot. Was kann sich ein Verleger Besseres wünschen?
Hexenjagd ohne Ziel
Barbara ist sehr verstört: Was hat sie denn nur angerichtet? Ihr Buch war doch gar nicht böse gemeint! Aber langsam wird ihr klar, dass es nur die wenigsten Menschen es ertragen, wenn man ihnen einen Spiegel vorhält. Barbara zweifelt an sich selbst - doch dann hört sie von einigen Seiten auch Gutes über ihr Buch und fühlt sich ermutigt. Der erste finanzielle Erfolg tut sein Übriges, und schließlich sieht Barbara ein, dass sie das genaue Beobachten, das sie sich für das Materialsammeln für ihren Roman angewöhnt hatte, nicht mehr ablegen kann. In ihrem Kopf beginnt es zu brodeln, die Geschichten, die sie sieht, hört und neu formuliert, wollen dringend hinaus! Und während Versammlungen einberufen und Intrigen geschmiedet werden, um den impertinenten John Smith zur Strecke zu bringen, ist Barbara in Gedanken schon so weit in ihrer alternativen Realität unterwegs, dass sie kaum noch Erdachtes und Wirklichkeit auseinanderhalten kann.
Quietschfidele Satire
Diese Geschichte ist der Roman einer Frau über eine Frau, die einen Roman schreibt. Während Barbara Buncle arglos und mit bestem Willen ans Werk geht, kann der Leser davon ausgehen, dass Dorothy Emily Stevenson im Jahr 1932 genau wusste, was sie tat, als sie an den Schreibtisch und ans Werk schritt. Ihre Geschichte ist eine zum Brüllen komisches Abbild der Bewohner eines kleinen Dorfes, mit all ihren Macken und ihren Schrullen, ihren guten und ihren schlechten Seiten. Was mit so völlig normalen Personen geschehen kann, wenn jemand daher kommt und ins Wespennest sticht, ist auf brillante Weise geschildert. Die Charakterzeichnung Stevensons erinnert ein wenig an die Agatha Christies: Auf ganz ähnliche Art und Weise werden hier Menschen mit wenigen Strichen so treffend skizziert, dass sie aus dem Buch steigen und wahr sein könnten.
Komische Meisterklasse
D.E. Stevenson erschafft Komik, indem sie Hehres und Banales nebeneinander stellt, indem sie unliebsame Zeitgenossen sich selbst bloßstellen lässt und sie dann dem Leser präsentiert, indem sie mit leichter Hand halb amüsante, halb berührende Liebesbande knüpft, indem sie Beschreibungen ersinnt, auf die sonst niemand kommt. Die tiefe Alltagsweisheit und die Menschenkenntnis in Verknüpfung mit einem erstaunlichen sprachlichen Feingefühl verführt zu der Annahme, dass die Autorin eine alte, lebensweise Dame gewesen sein muss, als sie dieses Buch verfasst hat - dabei war sie bei seinem Erscheinen erst 42 Jahre alt. Offenbar also handelt es sich hier um eines der beneidenswerten Talente, die mit leichter Hand Offenbarungen aufs Papier werfen können. Mit leichter Hand? Ja, denn Leichtigkeit springt bei diesem Buch aus jeder Seite. Es ist urkomisch und trotz manch bissiger Stelle durch und durch positiv - der Leser spürt, wie der Autorin ihre Charaktere am Herzen lagen. Was für ein Glück, dass es diese Übersetzung gibt!
Fazit: Wahnsinnig witzig, klug, toll geschrieben - ein phänomenales Buch, das immer wieder gelesen werden sollte. Möge es sich verbreiten und Lachen über das Land bringen!
D.E. Stevenson: Stich ins Wespennest. Manhattan, November 2011. Gebundene Ausgabe, 352 Seiten. Euro 17,99
