
- Vorsicht Kunst! - Klaus Staeck - © VG BILD-KUNST Bonn, 2011
In der Weserburg – Museum für moderne Kunst in Bremen hat am Freitag, 18. November 2011 eine neue Ausstellung eröffnet: "Sticker in der Kunst – Vom Aufkleber in der Mail Art über Streetart bis zum Sticker Award". Gezeigt wird die Ausstellung, die eine Kooperation des Studienzentrums für Künstlerpublikationen mit dem International Sticker Award ist, bis zum 5. Februar 2012. Zur Eröffnung am Freitagabend wurden die Gewinner des Sticker Awards 2011 bekannt gegeben.
Protest, Partizipation, Aneignung des öffentlichen Raums, einfach Kunst
Am Freitagmittag sind die Vorbereitungen für die Ausstellungseröffnung noch in vollem Gange. Auf dem Fußboden liegen etliche Bündel mit Bananen, drumherum sitzen einige junge Leute und pulen die Aufkleber mit dem Markennamen ab – um anschließend andere draufzukleben. Der Preisträger des Sticker Awards 2008, Thomas Judisch, erklärt: "Wieso ich Bananen genommen habe, weiß ich auch nicht – es hätte auch... Brot sein können." Aha. Doch gleich um die Ecke begegnet einem die Banane erneut: in Form von Andy Warhols Gestaltung des Plattencovers von Velvet Underground aus dem Jahr 1967 – ein Bananenaufkleber: "Peel slowly and see". Das würde mit Brot weniger gut funktionieren.
Aufkleber, neudeutsch Sticker, üben seit jeher eine ganz eigene Faszination aus – sie regen zum Spielen an, zum Sammeln und sie können je nach Umgebung in verschiedene Kontexte gesetzt werden und dort beim Betrachter etwas bewirken. Sticker machen neugierig, irritieren, sind lustig oder haben eine politische Botschaft. Wenn man sie lässt. Thomas Judisch ist durch Supermärkte gezogen und hat Lebensmittel mit roten Aufklebern mit der Aufschrift "Gratisprobe" versehen. Wie haben die Leute reagiert? Das ist doch das eigentlich Interessante an der Aktion – doch der Künstler beantwortet die Frage, er habe die Reaktionen nicht abgewartet. Er habe geklebt, fotografiert und sei wieder gegangen. Der Besucher der Ausstellung kann sich diese Fotos ansehen und sich den Rest denken. Oder er geht einfach weiter.
"Eigentlich bin ich verzweifelt" vs. "Manchmal ist es ganz einfach"
Viele der Aufkleber, pardon, Sticker sind mit Botschaften versehen: "Eigentlich bin ich verzweifelt" (Peter Niemann) oder "Manchmal ist es ganz einfach" (Harald Falkenhagen). Sowohl für Künstler traditionellerer Richtungen, deren Werke das Studienzentrum zur Ausstellung beiträgt, als auch für Street Art-Künstler, die im öffentlichen Raum agieren und mit diesem interagieren, bieten Sticker Vorteile: Sie sind einfach herzustellen, sie sind preisgünstig und können in großer Auflage verbreitet werden, anders als ein Ölgemälde im Museum. Eine gute Möglichkeit auch, um politische Botschaften zu verbreiten. "Die Mieten müssen steigen. Wählt christdemokratisch" (Klaus Staeck) oder "Abuse of power comes as no surprise" (Dass Macht missbraucht wird, ist keine Überraschung – Jenny Holzer).
International Sticker Award
Seit 2005 wird der Sticker Award jährlich verliehen, im Jahr 2011 also zum 7. Mal. Jeder kann auf der Internetseite der Initiatoren seine Beiträge hochladen und sich so oder per Post für den Preis bewerben. Eine internationale Jury bestimmt die Preisträger und als Nebeneffekt entsteht ein beachtliches Archiv an Stickern aus aller Welt, "auf Street Level", wie Mitorganisator Andreas Ullrich es ausdrückt. Von Zeit zu Zeit werden die Werke in Buchform veröffentlicht und an die Teilnehmer kostenlos verschickt. Um viel Geld geht es beim Sticker Award nicht – zu gewinnen sind neben Ruhm und Ehre – Sticker: 5.000 für den ersten Preis, 2.000 für den zweiten und 1.000 Stück für den dritten Gewinner.
Der Gewinner im Jahr 2007, Joseph Ernst aus Großbritannien, wurde von einem Schild in der Londoner U-Bahn angeregt: "No begging. Penalty £200" (Betteln verboten. Strafe: 200 Pfund). Und begann, ähnlich unsinnige Botschaften zu entwerfen, etwa "No eye contact" (Kein Blickkontakt) oder "No smiling" (Nicht lächeln), jeweils gefolgt von der 200-Pfund-Strafe des Originals. Den ersten Platz belegten 2011 Romibello, die Silbermedaille ging an Thomas Heyse und der dritte Platz an Johannes Mundinger.
Kunst im öffentlichen Raum – Street Art
Sind Sticker im öffentlichen Raum eigentlich legal? Dies ist eine Frage, die sich im Zusammenhang mit Street Art, etwa auch Graffiti oder Urban Knitting, stellt. Dazu sagt Andreas Ullrich in einem Interview mit jetzt.de/Süddeutsche, dass eine eindeutige Zuordnung zur Sachbeschädigung nicht möglich sei, da sich die Sticker in der Regel rückstandslos wieder entfernen lassen. "Somit kann man nicht von einer kriminellen Tat sprechen, allerdings kann es sich aufgrund lokaler Regelungen um eine gebührenpflichtige Ordnungswidrigkeit handeln." Klaus Staeck warnt: "Vorsicht Kunst!"
Quellen:
- Gespräche mit der Kuratorin Bettina Brach, Award-Gewinner 2008 Thomas Judisch und Mitinitiator des Sticker Awards Andreas Ullrich
- Pressematerialien der Weserburg
- International Sticker Award
