Stiller und der satirische Blick auf die Schweiz

Max Frischs Meisterwerk und Helvetien als Ort der absoluten Ordnung

Max Frisch: Stiller - Suhrkamp
Max Frisch: Stiller - Suhrkamp
Die Verleugnung des "Ich" und die Unmöglichkeit eines ordentlichen Staats, dies zu akzeptieren. Der Autor treibt sein Spiel mit dem Leser und der Schweiz.

Kaum in der Schweiz angekommen, wird Mr. White in Gewahrsam genommen. Er sei der verschwundene Bildhauer Anatol Ludwig Stiller wird ihm gesagt, nahe gelegt und vorgeworfen. “Ich bin nicht Stiller“, entgegnet Mr. White den Behörden, immer wieder hört man die Verzweiflung. “Ich bin nicht Stiller“, vernimmt auch Stillers Frau Julika, erfährt der Staatsanwalt, Stillers Bruder und jeder, der sich Mr. White stellt.

“Aber ich kann es ihnen nicht klarmachen, und wenn ich es hundertmal sage. Unser Gespräch verläuft wie eine Grammophonplatte, wenn die Nadel an einer bestimmten Stelle immer wieder in die gleiche Rille rutscht.“

Selbstleugnung

Max Frisch treibt die Verleugnung des "Ich" auf die Spitze, lässt alle Tatsachen, Aussagen und Gegebenheiten gegen Mr. White sprechen, es gibt einen verschwundenen Menschen auf dieser Welt, auf der anderen Seite den eben Eingereisten.

Stiller will nicht Stiller sein, wird in Untersuchungs- und Beugehaft genommen, die Schweizer Behörden lassen sich die Willkür eines einzelnen Menschen nicht gefallen und handeln, ermitteln und malträtieren. Dies äußerst höflich, korrekt und steif. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Dabei geht es einzig um die Wahl: Bin ich "Ich" oder steht es jedem Menschen frei zu wählen. “Mit der Einsicht ein nichtiger und unwesentlicher Mensch zu sein, hoffe ich halt immer schon, dass ich eben durch diese Einsicht kein nichtiger Mensch mehr bin.“

Das Leben des Anatol Ludwig Stiller

Mr. White erfährt in Gesprächen alles über den verschollenen Stiller, wird gedrängt, nun endlich zu gestehen – was genau gibt es eigentlich zu gestehen? – will nicht, sieht sich außerstande, ein ums andere Mal wird dem Gesprächspartner die selbst gewählte Identität entgegen geworfen, alles bleibt wie es ist, Stiller hat Stiller zu sein, Mr. White hat nicht real zu sein. Die Schweiz hat hier im Sinne der großen Gesamtheit, im Sinne der Welteinheit zu handeln, so bedeutungslos das Überführen eines Menschen hier auch sein mag.

Stiller und die Bürokratie

Ich kann, ja ich muss mich selbst wählen, scheint Max Frisch zu sagen, es gibt die Möglichkeit, sich die Existenz umzudichten, vor sich selbst zu fliehen; es reicht allerdings nicht, wenn man als Einziger an diesen Weg glaubt. So bleibt der Protagonist isoliert, Stiller oder nicht, irgendwann scheint es egal, irgendwann aber zerbricht der Mensch, wird wahnsinnig angesichts des Unvermögens der Anderen, die eigene Wahrheit zu akzeptieren. Wie geht der Staat nun mit dem Individuum um. Es gibt grausamere Handlungsweisen als die der Schweizer Behörden. Es gibt allerdings auch kaum eine sich mehr auf das offensichtliche “Recht“ versteifende Administration. Mit Mitteln des Romans, der Literatur, ja eigentlich der Satire wird die Engstirnigkeit, die Dummheit, die gesamte Bürokratie des Staates aufgedeckt. Dies auch ein immer wiederkehrendes Thema in Max Frischs Gesamtwerk und wer sich auf “Stiller“ einlässt, den lässt er nicht mehr los, wer mitmacht an diesem ernsten Schabernack, dieser Achterbahnfahrt der Verzweiflung, der hat hier Literatur vor sich, die seinesgleichen sucht.

Allerdings muss man Mr. White oder Stiller oder Max Frisch widersprechen, wenn gesagt wird: “Ich habe keine Sprache für meine Wirklichkeit.“ Hier wurde sowohl eine Sprache gefunden als auch eine Wirklichkeit.

Der Autor Max Frisch

Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren und arbeitet von 1942 bis 1954 als Architekt, bevor er sich ganz dem Schreiben widmet. Unzählige Preise und Auszeichnungen für seine Werke, Max Frisch stirbt am 4. April 1991 in Zürich.

Max Frisch: Stiller. Suhrkamp Erstausgabe 1954; 42. Auflage 2009. Broschur, 448 Seiten. Euro 10,00.

A.P.Schlöglmeier, Michael Stoifl

A.P. Schlöglmeier - A.P. (Andreas Pankraz) Schlöglmeier wurde 1970 unter anderem Namen geboren, ist Gastronom, Maler und Schriftsteller. Lebhaft zur ...

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