Sting – gelungener Genrewechsel mit der Laute

Musikalische Reisen eines Ex-Rockers bis in die Renaissance

Laute/Holbein-Gemälde - Public Domain
Laute/Holbein-Gemälde - Public Domain
Einem Rocker wird jeder spätere Stilwechsel übel genommen - Sting hat nach The Police diverse Musikrichtungen durchprobiert, bis er in der Rennaissance gelandet ist.

Das Altern bleibt die besondere Crux der Rocker, dürfen sie doch in den Augen ihrer Fans keine Stilbrüche begehen, dabei schon gar nicht gefühlvoll werden oder ins anspruchsvolle Fach wechseln, sondern sollen möglichst noch mit 70 zu den ewig gleichen alten Songs abrocken wie vor 40 Jahren. Nicht alle aber haben im Alter noch die Power einer Tina Turner, und manch einem gefällt schon mit 40 die Musik seiner Twen-Phase einfach nicht mehr.

Sting, der als Gordon Sumner 1951 geborene frühere Frontman und Bassist von The Police, der immer untrennbar mit den Klassikern "So Lonely" und "Roxanne" verbunden bleiben wird, hat nach dem Ende seiner persönlichen Rockerzeit ab Mitte der 80er Jahre äußerst originelle musikalische Wege beschritten. Von früheren Fans und Presse erntete er dafür häufiger Kritik und Spott als Beifall.

Die 80er: "The Dream of the Blue Turtles" und "Nothing like the Sun"

Das erste Soloalbum nach der Trennung von Police, "The Dream of the Blue Turtles" von 1985, brachte ihm dreimal Platin ein; neben der erfolgreichen Single-Auskopplung von "If You Love Somebody Set Them Free" wurden auch das melancholische Werwolfklagelied "Moon Over Bourbon Street" und "Russians" als leiser pazifistischer Mahngesang zu Klassikern.

Während er sich auf diesem Album überwiegend im Bereich des sanften Pop-Rock mit politkritischen Texten bewegte, brachte er im nächsten Studioalbum verstärkt Jazz-Elemente ins Spiel. Das 1987 veröffentlichte Album "Nothing Like The Sun" enthielt als Zugpferd den jazzlastigen Hit "Englishman In New York", daneben die unendlich traurige Pinochet-Kritik "They Dance Alone", aber auch rockige Tanzkracher wie "We’ll Be Together". Die im Anschluss veröffentlichte spanische Version des Albums wurde fast ebenso erfolgreich.

Die 90er: "Fields of Gold" bis "Desert Rose"

Ende der 80er Jahre engagierte sich Sting stark bei Amnesty International und gründete zusammen mit seiner heutigen Ehefrau und dem brasilianischen Indianerhäuptling Raoni die Regenwaldstiftung Rainforest Foundation. Das Komponieren legte er für mehrere Jahre auf Eis.

Musikalisch kam die nächste Anerkennung mit Grammy und Platin für das 1991 veröffentlichte Album "The Soul Cages". Von einigen späteren guten Songs sind aus den 90er Jahren vor allem "Fields of Gold" und "Shape Of My Heart" hervorzuheben. Beide sind harmonisch anspruchsvolle sehr melodiöse sanfte Stücke, die aber dennoch nichts von Schnulze haben, und selbst von Rockfans gelegentlich mit Respekt quittiert werden.

Im Jahr 1999 wurden "Brand New Day" und das von der arabischen Musik beeinflusste "Desert Rose", eingespielt mit dem Marrokaner Cheb Mami, noch einmal zu großen Pop-Erfolgen.

"Songs From The Labyrinth" – Lauten-Lieder von John Dowland

Nach langer Stille tauchte Sting im Jahr 2006 plötzlich wieder auf- mit einer Renaissance-Laute und dem bosnischen Lautenisten Edin Karamazov. Die von der Deutschen Grammophon 2006 veröffentlichte CD "Songs From The Labyrinth" enthält überwiegend Stücke für Laute und Gesang und einige Instrumentalwerke des englischen Komponisten John Dowland (1563-1626), der als Katholik zu elisabethianischen Zeiten nicht Hofsänger werden konnte, und daher durch Europa tingelte. Die besonders anspruchsvollen Lautenpassagen werden dabei von Karamazov übernommen, Sting liefert den Gesang und hält dazu auf der Laute tapfer mit. Dazwischen rezitiert er aus Dowlands Briefen kleine Einstimmungstexte zu jedem Stück.

Für dieses Projekt hat Sting als ursprünglicher Bassist und Gitarrenexperimentator nicht nur das Lautenspiel erlernt, sondern auch Gesangsunterricht an der Baseler Schola Cantorum genommen. Was dabei herauskam, ist ein in seiner technisch ununterstützten Kargheit faszinierendes und tiefgehendes Hörerlebnis mit einer ganz eigenwilligen Gesangsinterpretation. Stings Stimme klingt etwas zu hoch und kratzig wie eh und je und bildet einen krassen Gegensatz zu allen vorangegangenen Dowland-Interpretationen. Wahrscheinlich wird auch Dowlands eigener Gesangsstil deutlich erhabener gewesen sein, aber Sting gelingt es mit seinem authentischen Ausdruck, diesen fast vergessenen melancholisch bis humorvollen Liedern der Renaissance neues Leben einzuhauchen.

Für die Aufnahme erhielt er wieder einmal einen Grammy, aber die Auszeichnung, bei der Deutschen Grammophon in die Reihen der ernstgenommen Musiker aufgenommen worden zu sein, wird für ihn einen noch höheren Wert haben.

Elke Geyer, Elke Geyer

Elke Geyer - Ich erblickte 1974 in Hildesheim das Licht der Welt und entschied mich nach der Schulzeit zunächst für die Juristenlaufbahn. ...

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