Der im Dezember 2007 verstorbene Karlheinz Stockhausen, Jahrgang 1928, gilt als einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, Mitbegründer der punktuellen Musik und Neuerer auf vielen Gebieten von der elektronischen Musik bis zur Notationslehre.

Karlheinz Stockhausens Faszination für serielle Musik und Aktions-Schallkunst

Nach dem Studium an der Kölner Musikhochschule befasste er sich in den ausgehenden 40er Jahren noch mit gewohnten tonalen Strukturen, bevor er sich in den 50er Jahren, vor allem beeinflusst durch Kompositionskurse bei Olivier Messiaen, für die serielle Musik begeisterte.

Stockhausens Interesse galt nie den niederschreibbaren und wiederholungsfähigen Noten-Kompositionen im klassischen Stil, ihn faszinierten vor allem sämtliche technisch mögliche Effekte, die eine Aufführung zu einem einmaligen Happening, einem unwiederholbaren Schall-Raum-Erlebnis, machen konnten. Eine seiner berühmten Darbietungen war zum Beispiel die Beschallung des kugelrunden deutschen Pavillons der Expo 1970 in Osaka, bei der er seine elektronischen Klangszenarien von allen Seiten auf die Zuhörer einwirken ließ.

Seiner Vision, eine Einheit aus Musik, räumlicher Umgebung und Augenblicksstimmung zu schaffen, wurden die etablierten musikalischen Formen nicht gerecht. Daher komponierte er nie etwa als Sonaten, Sinfonien oder Etüden bezeichnete Werke, sondern kreierte seine eigenen Formen, in denen er von der Besetzung über die technischen Details bis hin zur Beleuchtung und Raumgestaltung alle Parameter festlegte.

Da er mit seinen Kompositionen häufig die Grenzen des technisch Möglichen erreichte und jeder Aufführung, die seinen Regieanordnungen zuwiderlief, widersprach, wurden einige seiner späteren Werke nur selten oder nie aufgeführt.

Das "Helikopter-Streichquartett"- Auftragsarbeit für die Salzburger Festspiele

Das Helikopter-Streichquartett bildet heute die dritte Szene der Oper "Mittwoch“ aus dem Zyklus "Licht“ (Untertitel: Die sieben Tage der Woche), einem Mammutwerk mit aufwendiger Klang- und Beleuchtungstechnik, an dem Stockhausen von 1977 bis 2005 schrieb und das in seinem gesamten Umfang von sieben Opern mit 29-stündiger Dauer noch nie komplett aufgeführt wurde.

Das Stück entstand jedoch ursprünglich als Auftragsarbeit für die Salzburger Festspiele. Bereits Anfang des Jahres 1991 erhielt Stockhausen den Auftrag des künstlerischen Leiters Hans Landesmann, ein Streichquartett zu komponieren.

Stockhausen schob die Aufgabe lange vor sich her, da ihm nichts ferner lag als ein Musikstück in dieser traditionellen Form des 18. Jahrhunderts zu schreiben, die ihm per se nicht erlaubte, eine Einheit von Komposition und Aufführungspraxis zu schaffen. Eines Nachts aber sollen ihm im Traum vier Hubschrauber erschienen sein, die ihn auf die Idee eines Quartetts in einer nie erlebten Besetzung brachten. Nachdem er endlich die Zeit gefunden hatte, sein Werk zu durchdenken und mit Skizzen und genauen Aufführungsanweisungen zu versehen, schickte er es an Landesmann, der dem Entwurf zu Stockhausens Überraschung zustimmte und die Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 1994 plante.

Zu der angedachten Premiere kam es jedoch nicht. Die österreichische Grüne Partei verhinderte nach mehreren Proben schließlich mit vehementen Protesten, dass die Luft über Salzburg verpestet würde, bloß um “diesen Stockhausen“ aufzuführen. Seine Uraufführung erlebte das Werk, das bis heute insgesamt nur dreimal inszeniert wurde, daher 1995 in Amsterdam.

Besetzung: Vier Hubschrauber, klassisches Streichquartett und enormer Technikapparat

Das Stück verlangt als Besetzung außer vier Hubschraubern mit Piloten ein gewohntes Streichquartett aus zwei Violinen, einer Viola und einem Violoncello, zahlreiche Tontechniker, Kameraleute, vier Bildschirme und Lautsprecher, einen Moderator und nicht zuletzt ein Publikum.

Es beginnt schon vor dem Abheben, indem es die Zuschauer am Bildschirm die Ankunft der Musiker und deren Einstieg in die Helikopter verfolgen lässt. Dabei sollen Erklärungen des Moderators dem Publikum das Werkkonzept verdeutlichen. Während des gesamten Fluges sind Kameras in Standeinstellung auf die Musiker und die Scheiben hinter ihnen gerichtet.

Streicher-Tremoli und Motorenlärm sorgen für geisterhafte Atmosphäre

Zum etwa fünfminütigen Aufstieg bilden die Rotorengeräusche die vordergründige Klangkulisse, hinter der die Streicher leise einsetzen, um sich sowohl in Lautstärke als auch Tonhöhe bis zum Erreichen der Flughöhe kontinuierlich zu steigern. Während der gesamten Dauer des auf etwa 18 Minuten konzipierten Fluges spielen die Streicher ausschließlich Tremoli in Ergänzung der rhythmisch monotonen Rotorengeräusche. Nur eine von einem Musiker laut und künstlich artikulierte Zahlenreihe sorgt mittendrin kurz für Abwechslung. Die Melodieführung lässt sich für den unvoreingenommenen Hörer nicht sogleich als solche erkennen, da die hektischen Streicherpassagen, die oft nur minimal in ihrer Tonhöhe variieren, vom Motorenlärm teilweise überdeckt werden. Allerdings liegt der melodischen und rhythmischen Entwicklung ein ausgeklügeltes Konzept zugrunde, das im Ergebnis zu einem unwirklich geisterhaften Gesamtklang führt, den Streicher und Rotoren wie eine akustische Einheit hervorrufen.

Während die bisherigen Aufführungen vom Publikum sehr unterschiedlich empfunden wurden, überzeugt das Stück als Aufnahme nur die wenigsten. Der Mitschnitt der Uraufführung mit dem Arditti-Quartet ist zwar qualitativ gelungen, kann aber die Atmosphäre dieser Gesamtinszenierung kaum einfangen. Das Wesen dieses merkwürdigen und einmaligen Konzepts liegt gerade in seinem Happening-Charakter, der sich weder im Opernhaus noch im CD-Player nachahmen lässt.