Stourhead – klassischer englischer Landschaftsgarten

 Pantheon in Stourhead, Wiltshire - flickr/Wiltshire Yan
Pantheon in Stourhead, Wiltshire - flickr/Wiltshire Yan
Herny Hoare's Paradise wurde Stourhead im englischen Wiltshire einst genannt. Stourhead zählt zu den Höhepunkten der Gartenbaukunst im englischen Stil.

Künstlich erschaffene Natürlichkeit in Perfektion ist das, was den englischen Landschaftsgarten auszeichnet. Die fließenden Übergänge von Garten und Natur, die scheinbar unberührte Idylle, die effektvollen Ausblicke sind in Stourhead perfekt inszeniert.

Henry Hoare’s Paradise

1721 bis 1725 ließ sich der Bankier Henry Hoare (1677-1725) am Ufer des Flusses Stour in Wiltshire von dem Architekten Colen Campbell einen Landsitz errichten. Die Palladio-Villa Emo bei Castelfranco in Venetien stand Pate für Stourhead House. Die Bücher des Andrea Palladio, des berühmtesten Renaissance-Architekten, waren im 18. Jahrhundert in England neu aufgelegt worden, was eine Welle neopalladianischer Baukunst auslöste.

Um 1741 begann Henry Hoares gleichnamiger Sohn mit der Anlage eines Landschaftsgartens, der bis heute zu den Paradebeispielen des englischen Gartenparks zählt.

Henry Hoare II. war ein vermögender Mann, der es sich leisten konnte, sich schon früh aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen und sich ganz seinen literarischen Neigungen und der Gestaltung seines Landschaftsgartens zu widmen.

In seinem ursprünglichen Entwurf sah Hoare einen Garten vor, der den Antikenlandschaften auf den Gemälden von Claude Lorrain und Gaspard Dughet nachempfunden waren. Anregungen und Eindrücke hatte Hoare auf einer dreijährigen Grand Tour gesammelt, die ihn vor allem nach Italien führte.

Zunächst entfernte Hoare nur den Zaun um seinen Garten, sodass die Grenze zwischen Garten und Landschaft aufgehoben wurden. Doch von diesem ersten Schritt bis zum vollendeten Stourhead war es noch ein weiter Weg. Denn so natürlich der englische Landschaftsgarten wirken sollte, so durchdacht war seine Konzeption.

Henry Hoares wichtigstes Gestaltungsprinzip: Abwechslung

Während eine barocke Gartenanlage den Blick immer wieder zurück aufs Herrenhaus führte, sollte der englische Landschaftsgarten eine Fülle an verschiedenen Ausblicken, Durchblicken und Einblicken bieten.

Den kleinen Fluss Stour ließ Hoare durch einen Damm zu einem unregelmäßigen See aufstauen. Umgeben von langgestreckten Hügeln, Bäumen und Sträuchern, gewundenen Wegen und effektvoll gesetzten Staffagebauten wurde der See zum Zentrum des Parks. Stourhead ist somit als Binnengarten angelegt, der die Blicke immer wieder zurück auf den See führt – anders als andere englische Landschaftsgärten, wie zum Beispiel der Garten von Stowe, der vor allem die umliegende Landschaft mit einbezieht.

Bei einem Rundgang um den See bieten sich dem Betrachter immer wieder neue Ansichten, bei denen nichts dem Zufall überlassen wurde. Wie eine Abfolge von Landschaftsgemälden präsentierten sich immer wieder neue idyllische Szenenerien.

Rundgang um den See von Stourhead

Der literaturbegeisterte Henry Hoare inszenierte den Rundgang um den See in Anlehnung an Vergils Aeneis: Und so trägt der Floratempel, das erste Gebäude, das man auf dem Seerundgang passiert, eine Inschrift aus dem VI. Buch der Aeneis: "Bleibt fern, bleibt ja fern, Uneingeweihte". Damit stellt Hoare seinen Anspruch an den Besucher klar: die richtige Antikenbegeisterung sollte er schon mitbringen.

Auf gewundenen Pfaden gelangt man zu einer Grotte (vergleichbar mit Aeneas‘ Unterwelt), über deren Eingang sich ebenfalls eine Inschrift aus dem Ersten Buch Vergils befindet. An der später errichteten Eremitage vorbei führt der Weg zum Pantheon, einer kleineren Nachbildung des römischen Pantheons (Aeneas hat Rom erreicht).

Anschließend hat der Besucher die Wahl zwischen dem steilen Zickzack-Aufstieg zum Apollotempel, der mit einem Ausblick über den See belohnt wird: "Eine der malerischsten Szenerien der Welt" soll Horace Walpole über die Aussicht vom Apollotempel gesagt haben.* Oder man wählt den sanften Abstieg, der zum See hinunterführt.

Dort wo die Wege wieder zusammenlaufen, passiert man das Bristol High Cross, ein gotisches Wegkreuz aus dem Jahr 1373, das Hoare in Bristol erworben hatte, um es in seinem Garten aufzustellen. Der Blick wird von hier hinaus in die Landschaft gelenkt auf das malerische Dorf Stourton.

Besuch in Stourhead heute

Hoares Nachkommen bereicherten den Garten durch Pflanzungen von neuartigen Rhododendren, Azaleen und diverser anderer Sträucher und exotischer Baumsorten. Damit wurden die von Henry Hoare gesetzten Sichtachsen zum Teil beeinträchtigt. Die wesentlichen Strukturen, die Henry Hoare II. von 1744-1780 dem Garten gab, sind jedoch bis heute erhalten.

Stourhead fand schon zu Hoares Lebzeiten große Bewunderung. Für die Entwicklung des englischen Landschaftsgartens war Stourhead wegweisend.

1946 wurde Stourhead mit seinem 1.072 Hektar großen Gelände in den National Trust überführt. Neben den Öffnungszeiten findet sich auf deren Homepage auch eine Fotostrecke zu Stourhead.

Quellen:

*Stourhead, in: Gartenkunst! Die schönsten Gärten der Welt, München 2001, S. 96

Ernst H. Gombrich: Die Geschichte der Kunst, Stuttgart 1986, S. 376f

Bazin, Germain: Du Mont’s Geschichte der Gartenbaukunst, Köln 1990

Ideal Natürlichkeit als Kunstprodukt – Henry Hoare d.J.: Stourhead, in: Winfried Neringer (Hrsg.): Perspektiven der Kunst, München 1990, S. 169-174

Ursula Kohaupt - Hineingeboren in die Generation Golf, aufgewachsen in Bayreuth und Kunstgeschichte studiert in Bamberg, Marburg & London. Danach sechs ...

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