Stadtvogel sucht Landei: Diese Kombination birgt nicht nur für den Menschen Tücken. Auch im Reich der Vögel bildet sich ein immer tieferer Graben zwischen den Mitgliedern der gleichen Art, je nachdem ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben. Und dies hat einen einzigen Grund: Die Lärmbelastung in den Städten.
Was uns Menschen lästig erscheint, ist für Vögel der feine Unterschied zwischen Leben und Tod. Straßenlärm maskiert nicht nur das Anschleichen eines potenziellen Feindes – unter den Sirenen verklingen auch die Warnrufe anderer Vögel. Männchen, die mit ihrem Gesang Weibchen anlocken wollen oder ihr Revier markieren, kämpfen, um sich unter den Sirenen, Flugzeugen und Lastwagen durchzusetzen.
Stadt-Rotkehlchen singen mit den nächtlichen Paradisvögeln
Rotkehlchen versuchen es erst gar nicht mehr: Sie haben ihren Gesang in nächtliche Stunden verlegt, um sich Gehör zu verschaffen. Richard Fuller von der Universität in Sheffield hat herausgefunden, dass Rotkehlchen vor allem dann zu Nachtschwärmern werden, wenn der Straßenlärm unter ihrem Nest besonders laut ist. Bisher hatte man angenommen, dass ihr nächtlicher Gesang auf Straßenbeleuchtung zurückzuführen sei, doch diese spielt anscheinend keine Rolle. Für die Vögel bedeute der nächtliche Gesang eine zusätzliche Belastung, da sie allgemein weniger schliefen, so Fuller. Der Ökologe hatte über mehrere Monate hinweg Rotkehlchen an 76 verschiedenen Orten in Sheffield beobachtet und zusätzlich Licht- und Lärmpegelwerte gemessen.
Stadt-Nachtigallen singen so laut wie eine Kreissäge
Nachtigallen haben sich anscheinend eine weitere Ausweichstrategie einfallen lassen: Wenn sie tagsüber singen, dann im crescendo: sie singen um 14 dB lauter als ihr Landcousins, so dass sie eine Lautstärke von 95 dB erreichen. Das ist der Durchschnittspegel einer Durchschnittsstraße oder mit anderen Worten etwa so laut wie eine Handkreissäge in 1m Entfernung. Der Ornithologe Henrik Brumm hat diese Pegel bei Nachtigallen in Berlin gemessen. Anscheinend haben sich die Tiere erstaunlich gut an die Hauptstadt angepasst, denn sie wissen wohl, dass der Lärmpegel der Städter großen Schwankungen unterliegen kann: Wenn der Lärm auf den Straßen Samstag- und Sonntagmorgens wegen des fehlenden Berufsverkehrs nachlässt, singen auch die Vögel in der Nähe dieser Straßen wieder pianissimo.
Stadt-Kohlmeisen singen in höheren Tonlagen
Kohlmeisen, Amseln und Finken hingegen sind in den Städten zu Sopransängern gereift. Der Straßenlärm ist besonders laut in den niedrigen Frequenzen, d.h. zwischen 1 bis 3 kHz. Um sich gehör zu verschaffen hat diese Vogelschar ihren Gesang im Durchschnitt um 200 Hz angehoben, so Hans Slabbekoorn von der Leiden Universität in Holland, der den Gesang von Kohlmeisen in 10 europäischen Städten von London bis Prag untersuchte. Stadtmeisen singen nicht nur in höheren Tonlagen, sondern auch im staccato: Ihre Gesänge sind kürzer und schneller, wenn sie ihr Revier markieren wollen oder Weibchen anlocken.
Amseln: Bilden sich unterschiedliche Stadt- und Landarten?
Die Frage, die die Biologen bisher nicht beantworten konnten: Werden die Stadtvögel zu einer eigenen Art? Würden Landweibchen den Gesang eines Städters noch attraktiv finden, bzw. ihn wiedererkennen? Slabbekorn glaubt nicht, dass es bei Kohlmeisen schon so weit gekommen ist. Aber vielleicht bei Amseln. Der Ornithologe weist darauf hin, dass die Stadt- und Landamseln nicht nur in verschiedenen Tonfrequenzen singen: Die Landvögel sind außerdem sehr viel schüchterner und haben längere, schlankere Beine und Schnäbel als ihre verstädterten Artgenossen.
Spatzen: Sind sie dem Stadtlärm gewichen?
Nicht alle Vögel scheinen dem Chorus des Stadtlärms standzuhalten: Kuckuck, Goldamsel, Teichrohrsänger und der gemeine Spatz haben von Natur aus einen tiefen Gesang und scheinen unfähig sich auf höhere Tonlagen zu verlegen. Ob das Verschwinden des Spatzen, das in verschiedenen europäischen Hauptstädten zu beobachten ist, mit dem Lärmpegel der Städte zusammenhängt? Auch dieser Frage wollen die Ornithologen noch auf den Grund gehen.
