Strategien der Gewaltvermeidung für Eltern

Schatten - Kathrin Kiss-Elder
Schatten - Kathrin Kiss-Elder
Tipps für Eltern, ihre Erziehung auf der Basis von Stressvermeidung gewaltfreier zu gestalten.

Elterliche Gewalt ist immer noch ein relevantes Thema.

Statistische Daten

Nach offiziellen Schätzungen wachsen in Deutschland über die Hälfte der Kinder mit körperlicher Gewalt auf, dazu kommt Gewalt durch nichtkörperliche Strafen wie Anbrüllen oder Liebesentzug und nichtkörperliche Strafen wie Hausarrest etc. 17 Prozent werden schwer gezüchtigt und weitere 10 Prozent misshandelt(vgl. bmfSFJ). Gewalt ist dabei oft ein Hilfeschrei der Eltern. Es ist ihre Lösung für ihren Stress, ihre Angst, ihren Druck. Wenn auch eine völlig inadäquate Lösung. Beide, Eltern wie Kinder, verdienen in dieser Situation Schutz, Geborgenheit und Aufmerksamkeit.

Was als Gewalt erlebt wird

Gewalt gegen Kinder wird dabei sehr unterschiedlich definiert, ob etwa ein starkes Festhalten des Kindes gegen dessen Willen schon Gewalt ist bzw. zur Abwendung von Gefahren oder als Stressreaktion akzeptabel ist. Oder ob Anbrüllen des Kindes Gewalt ist (ein aggressiver Akt ist es allemal). Konsenz der Experten ist jedoch, dass Gewalt und Angst als Erziehungsmittel kontraindiziert sind. Es ist keine ultima ratio, ihre Anwendung entscheidet sich nicht an ihrer Funktionalität – etwa ob eine Ohrfeige ein Kind davon abbringt, sein Geschwister weiter zu ärgern. Gewalt hat in der Erziehung nichts zu suchen und ist doch – in höchst unterschiedlichem Maße – Erziehungsalltag.

Externe Hilfen

Es stellt sich die Frage, wie Eltern ihre eigene Gewalttätigkeit besser eindämmen können. Dabei gilt, bei allen sich chronifizierenden Konflikten länger als drei Monate bzw. schon der ersten physischen Verletzung des Kindes sich als Eltern psychotherapeutische bzw. ärztliche Hilfe zu holen. Für kleinere aggressive Ausbrüche eigenen sich allerdings folgende Tipps. Dabei ist der Fokus auf das Befinden und die Stabilität der Eltern gelegt.

Kontrolle des kindlichen Verhaltens

Elterliche Gewalt hat zumindest teilweise das Ziel, kindliches Verhalten zu steuern, Stress oder Schaden durch das Kind abzuwehren, etwa durch lautes Toben, Beschmieren von Wänden etc. Es hat teilweise auch zum Ziel, Schaden vom Kind abzuwenden, etwa dass es sich merkt, dass es nicht einfach so über eine Straße laufen darf oder nicht auf der Treppe kämpfen sollte. Eltern brauchen gewaltfreie Kontrollmechanismen, die ihren Stress verringern und ihnen helfen, ihr Kind effizient zu steuern. Lob von erwünschtem Verhalten ist dabei stets das zu bevorzugende Mittel. Klare Ansagen wie: „Geh jetzt auf den Bürgersteig.“ Dazu: Klare Konsequenzen. Etwa: „Wenn du noch einmal ohne zu schauen mit deinem Laufrad über eine Straße fährst, sperre ich es an und du gehst nach Hause.“

Lob, klare Ansagen und authentische Konsequenzen sind Künste, die verdienen, immer wieder geübt zu werden.

Stressreduktion als Faktor der Gewaltprävention

Stressreduktion ist einer der langfristig wirkenden Strategien gegen die eigene Gewalttätigkeit. Eltern achten oft viel zu wenig auf ihre Bedürfnisse. Stress hat viele Quellen, insofern sind spürbare Entlastungen oft recht einfach zu realisieren:

Beispiele für Stressreduktion

Sensorisch: Fernseher bzw. Radio oder Computer / Musikanlage ausschalten. Überhitzung oder Frösteln reduzieren. Kaffee und Süßes reduzieren. Genug trinken für ein besseres Körpergefühl.

Organisatorisch: Unwichtigere Termine absagen, Freizeit wie Beruf weniger dicht planen. Früher aufstehen, damit der Start in den Tag stressfreier gelingt.

Räumlich: In einen anderen Raum gehen. Räume aufräumen. Eigene Ecken bzw. einen eigenen Raum bestimmen. Und ihn verteidigen.

Sportlich: für genug eigene Bewegung sorgen.

Reserven auffüllen

Erziehung ist anstrengend, und die Anstrengung dauert fast 24 Stunden über viele Jahre hinweg an. Eltern müssen dafür sorgen, dass sie sich genug erholen – jeden Tag. Ab und zu eine ruhige Kaffeepause. Ein Leseabend auf dem Sofa. Mit Kopfhörern Musik hören. Einen Abend ausgehen. Desto höher die Belastung, desto wichtiger sind solche Strategien.

Handlungen, die die eigenen Reserven auffüllen, empfehlen sich dabei besonders vor und nach (potentiell) gespannten Situationen: Vor der als konfliktreich erlebten Hausaufgabenkontrolle, direkt nach einem stressigen Einkaufsnachmittag. Und: Sie sind essentiell direkt nachdem Eltern die Kontrolle verloren haben: Nachdem sie ihr Kind angebrüllt haben. Nachdem sie ihr Kind rauer angefasst haben.

Die Fürsorge, die sich Eltern selbst in solchen Situationen angedeihen lassen, wird letztendlich ihrem Kind zugute kommen.

Dr. Kathrin Kiss-Elder 2012, Kathrin Kiss-Elder

Kathrin Kiss-Elder - Jg. 1967, Dr. phill Dipl.-Psych, Dialog-Prozessbegleiterin Arbeitschwerpunkte: kreative Lösungen für Menschen und ...

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