Irgendwann in den Sechzigern ließ es sich hier gut leben. Ein Eldorado für Mitarbeiter der Deutschen - Bahn, hieß die vier Straßenzüge umfassende Reihensiedlung am Stadtrand Essen-Katernbergs scherzhaft unter Anwohnern. Dreigeschössige Backsteinhäuschen, schlicht, mit roten in der Sonne leuchtenden Dachziegeln. Die Vorgärten waren mit satten wiesen gesäumt. Hier und da lugte emsig ein Gartenzwerg aus dem Grün. „Früher hatten wir hier viel Spaß“, sagt Heinz während er sich an den Mülltonnen zu schaffen macht. „Die Nachbarn haben im Sommer zusammen gegrillt, alle haben sich verstanden“. Das Mehrfamilienparadies des Wirtschaftswunders verwandelte sich dann zwischen dem Mauerfall und der Jahrtausendwende zur Billigimmobilie. Heute erinnert nichts mehr an die glorreiche Zeit. Verrußte Hausfassade, schiefliegender Dachstuhl. Auf dem Vorplatz, der sich Rasen nennt, kleben vereinsamte Fetzen Grün. Die Hauswiese. Das ist eine volleyballfeldgroße Fläche, die einem abgegrasten Viehplatz ähnelt. Vereinsamte Grasbüschel zwischen quadratmetergroßen Erdflecken.
Einige Nachbarn legen großen Wert auf Ordnung
„Hier lebt jeder nur noch für sich, keiner kümmert sich mehr um etwas“, versucht Heinz das Miteinander in dem Mehrfamilienhaus an der Kurzenstraße zu beschreiben.
Heinz räumt den Müll weg. Nicht beruflich. Er arbeitet bei der Bahn. Aber wenn er nach Hause kommt, macht er sich noch regelmäßig an den Mülltonnen zu schaffen. Sortiert Biomüll vom Hausmüll, holt Papier aus den Tonnen. Das tut er nicht als Hobby. „Wegen der Schmutzfinke von Nachbarn“, wie er sagt. Dabei lässt er auch gerne mal einen Fluch vom Zaum. Etwas über den Verfall der Sitten und über Moslems. „Ich habe nichts gegen Ausländer“, sagt er „aber die sollen sich gefälligst an unsere Landessitten anpassen oder wieder abschieben“. Während er so arbeitet und schimpft, rinnt eine Schweißperle über seinen kahlen Scheitel. Dann streckt er seine Faust in Richtung des Nachbarfensters, so als wolle er jemandem einen Kinnhacken verpassen.
Die Nachbarn reden nur miteinander wenn es sein muss
Im Treppenhaus läuft ihm der sechzehnjährige Achmed über den Weg. Die Baseballmütze tief ins Gesicht gezogen. Er schaut zu Boden, will sich seitlich an Heinz vorbeischieben, doch der stellt sich extrabreit in den Weg. So etwas wie „darf ich bitte vorbei“ kommt über Achmeds Lippen. „Wenigstens ein 'Guten Tag' könntest du dir herausquälen, du Kröte“, zischt ihm Heinz zu und lässt den Nachbarsjungen dann passieren. Achmed und Heinz haben noch nie miteinander gegrillt.
Es ist Sommerferienzeit, ein Werktag. Junge geschlechtsreife Menschen tummeln sich auf dem Spielplatz an der Kurzenstrasse. Fahles Laternenlicht scheint auf das Schild zum Platzeingang. Stadteigene Spielwiese, geeignet für Kinder zwischen drei und zwölf Jahren steht da. Keiner der Anwesenden fällt in diese Alterskategorie. Sie sind zu acht, unter ihnen drei Mädchen. Zwei Jungen rasieren sich regelmäßig, die übrigen sprechen zumindest schon im tiefen Männerbass. Achmed feiert seinen sechzehnten Geburtstag. „Bin jetzt ein Mann“, verkündet er stolz, „kann bald schon heiraten“. Steffi, die Älteste unter den Mädchen, schnippt ihre halbaufgerauchte L&M nach ihm und sagt dann, „noch keine Haare an den Eiern und will schon heiraten“. Die Clique lacht. Es bedarf nicht viel für einen schlechten Scherz. Und jung sein heißt sich amüsieren können. Der Spaß dauert bis kurz vor Mitternacht, dann ziehen sie weiter. Es ist schließlich Sommerferienzeit und Achmed feiert Geburtstag. „Lasst uns zu mir, ich habe sturmfrei“, ruft Achmed in die Runde.
Nachbarstreit in der Nacht
Die Nacht ist bereits fortgeschritten. Die Uhr steht auf viertel vor eins, als in dem Haus an der Kurzenstraße Musik durchs Treppenhaus dröhnt. Achmed und seine Gesellschaft haben den Weg nach Hause gefunden. Sein Kumpel Sven legt Bushido auf, einen Berliner Rapper, der gerne über Sex, Drogen und Schlägereien textet. Die Bässe bahnen sich ihren weg durch die fünfzig Jahre alten Backsteinwände. Um fünf vor eins scheppert es an der Tür zu Achmeds Wohnung. Draußen dröhnt Heinz mit seiner wutverschlafener Stimme. „Verdammte Scheiße, ein Uhr Nachts und die feiern hier Party. Rechtschaffende Menschen müssen in der Frühe aufstehen, aber euch Muchels interessiert das ja nicht“. Die Tür wird sachte aufgeschoben, an der Schwelle erscheint Achmeds beschwipstes Gesicht. „Tut mir Leid, ich habe heute Geburtstag und wir feiern ein bisschen“. „Dreh die Musik leiser oder ich lasse andere Seiten auffahren“. Die Tür wird zugeschoben, die Musik heruntergedreht. Es kehrt Ruhe ein im Mehrfamilienhaus an der Kurzestraße.
Es ist Sommerferienzeit, Samstagnacht, viertel vor zwei. Achmed liegt im Bett. Er muss Sonntag früh raus, jobt seit Ferienanfang an der Tankstelle. Doch etwas lässt ihn nicht einschlafen. Wieder dröhnen Bässe durch die Hauswände. Diesmal kommen sie nicht aus seiner Musikanlage. Die Musik hört sich nach deutschem Schlager an, vielleicht von Roy Black oder Peter Maffay. Da erklingt etwas über Liebe und Herzschmerz. Nie würde Achmed einfallen solches Gedudel anzuhören. Die Geräusche kommen aus dem Erdgeschoss, von den Michels, Heinz und den seinigen. Der Radiowecker in Achmeds Zimmer zeigt in leuchtendem Rot bereits zwei Uhr dreißig, als Achmed sich entschließt bei den Michels zu klingeln und um Ruhe zu bitten. Achmeds Mutter sitzt im Wohnzimmer bei einer Zigarette, kann bei dem Lärm auch nicht schlafen. „Geh nicht herunter, es gibt doch wieder nur unnötigen Stress“, ruft sie ihm noch hinterher. Doch Achmed ist schon aus der Tür raus. Heinz begegnet ihm im Treppenhaus, er schleppt gerade einen vollen Kasten Bier aus dem Keller, als Achmed seine Haustür erreicht. Starker Bierdunst entweicht seinem Atem. „Die Musik leiser machen? Du türkische Kröte spinnst wohl. Wir haben noch nicht einmal angefangen zu feiern“, sagt er und schlägt die Wohnungstür vor Achmeds Nase zu.
