
- Starkstrommast - Paul-Georg Meister - pixelio.de
Alle sind sich einig: Mehr Netz braucht das Land. Doch über das Wie gehen die Meinungen weit auseinander. Um Missverständnissen vorzubeugen: Nicht um weitere Handynetze geht es hier, sondern um das Stromnetz, das fit gemacht werden soll für die Anforderungen der Energiewende, für die seit der Katastrophe von Fukushima auch die Regierungsfraktionen eintreten.
Zur Lage der Dinge stellt das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWI) fest: Aufgrund der Liberalisierung der Strommärkte, der hohen Volatilität von Stromproduktion und Stromabnahme, sowie wegen der Integration der Stromproduktion aus erneuerbaren Energiequellen „sind erhebliche Investitionen in den Ausbau und die Modernisierung der Stromnetze erforderlich.“ Volatilität steht in diesem Zusammenhang für die Schwankungsbreite aber auch für die geringe Steuerbarkeit der Stromproduktion, wie auch der -abnahme. Dies verschärft sich noch durch die Erhöhung des Anteils der erneuerbaren Energien, vor allem der Windkraft, die im gleichen Moment verbraucht werden muss, in der sie in die Netze eingespeist werden kann.
Wie Wienand von Petersdorff in FAZ.NET erläutert, stehen zum Beispiel in Ostdeutschland derzeit Windkraftkapazitäten von 12 Gigawatt zur Verfügung. Vier davon werden auch im Osten verbraucht. Nur fünf Gigawatt können durch die bestehenden Leitungen in den Westen der Republik transportiert werden. Das heißt, würden alle Anlagen gleichzeitig mit Volllast laufen, wäre schon ein Überangebot von drei Gigawatt zu verzeichnen, das zu einer Überforderung des vorhandenen Stromnetzes führen würde. Durch die hohe staatliche Förderung wird dazu jährlich noch circa ein Gigawatt an installierter Leistung dazu gebaut.
Der Antrag zum Netzausbau der Grünen Fraktion im Bundestag
Vor diesem Hintergrund beantragt die Fraktion von BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN im Bundestag, den Netzausbau zu beschleunigen und in einer öffentlichen Diskussion zu verwirklichen. Kernstück des Antrages ist dabei die Erstellung eines Bundesfachplanes Stromnetze, der die Erfordernisse im Netzausbau umfassend und transparent darstellt. Zu Grunde liegen soll diesem Bundesfachplan die Annahme einer hundertprozentigen Umstellung der Stromversorgung auf erneuerbare Energien. Eine frühzeitige und umfassende Bürgerbeteiligung und die Transparenz des Verfahrens sollen die Akzeptanz des Stromnetzausbaus sicher stellen. Einschränkungen der Bürgerbeteiligung in den Planungsverfahren, wie von der Bundesregierung angedacht, lehnen die Grünen ab.
„Ein Atomausstieg bis 2017, mehr Energieeffizienz und der zügige Ausbau der Erneuerbaren Energien und von Smart Grids“ sollen Grundlagen des Fachplanes sein. Der intelligente Ausbau der Verteilnetze und der Einsatz innovativer Technologien, wie Erdverkabelung oder Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Technologie sollen in das Konzept integriert werden.
Sondergutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen Wege zur 100 % erneuerbaren Stromversorgung
Wie in der Bundestagsdrucksache 17/4890 als Unterrichtung durch die Bundesregierung dargelegt, kommt der Sachverständigenrat für Umweltfragen zu ähnlichen Einschätzungen. Der Sachverständigenrat schlägt die Entwicklung eines Bundesfachplanes „Stromübertragungsnetz 2030“ vor, der „den Ausbaubedarf nach einem transparenten und offenen Beteiligungsverfahren fest (legt), das die Strategische Umweltverträglichkeitsprüfung und das geltende Naturschutzrecht integriert.“ Es wird klargestellt, dass Akzeptanz für den Netzausbau nur durch geeignete Bürgerbeteiligung erreicht werden kann, die auch gewährleistet sein muss, wenn die Verfahren insgesamt gestrafft werden, um den Anforderungen einer sicheren Stromversorgung auf Basis erneuerbarer Energien gerecht zu werden. Insgesamt zeigt sich der Sachverständigenrat überzeugt, dass die Umstellung bis 2050 möglich ist und dazu weder eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke noch der Bau neuer Kohlekraftwerke nötig oder sinnvoll ist.
Perspektiven des erforderlichen Netzausbaus
Viele der heute schon geplanten Stromtrassen stehen im Fokus des Protests von Naturschützern und Bürgerinitiativen. Sachverständigenrat und Grüne versprechen sich von mehr Transparenz über Herkunft des transportierten Stromes, Sinn und Zweck der Stromtrassen und einer umfassenden Bürgerbeteiligung eine größere Akzeptanz in der Bevölkerung. Da der Netzausbau letztlich unter Fachleuten und Politikern als alternativlos angesehen wird, ist zu hoffen, dass es gelingt, die Bürger auf diesem Weg mitzunehmen und durch verbesserte technische Umsetzung auch deren Anliegen zu berücksichtigen.
Auch in der Wirtschaft reift die Einsicht, dass intelligente Konzepte gefunden werden müssen, um die Schwächen der erneuerbaren Energien, die vor allem in der schwankenden Leistung und der mangelnden Speichermöglichkeit liegen, zu kompensieren. Ein interessantes Projekt ist hier sicherlich das vom Energieversorger LichtBlick in Zusammenarbeit mit dem Volkswagenkonzern geplante Schwarmstromkraftwerk. Es basiert zwar momentan noch nicht auf erneuerbaren Energien, zeigt aber wie durch intelligente Vernetzung und Steuerung dezentral Strom für windarme Zeiten erzeugt werden kann.
Es ist zu hoffen, dass viele ähnliche, innovative Konzepte den Weg zu einer umweltverträglichen Stromversorgung ebnen, die sich beim Netzausbau durch ihre dezentrale Konzeption positiv auswirken, auch wenn große Strommengen in Zukunft offshore von Windkraftanlagen produziert werden.
Bildnachweis: Paul-Georg Meister / pixelio.de
BMWI : Stromnetze – Daten und Fakten
FAZ.NET: Der große Stromausfall kommt
Bundestagsdrucksache 17/5762: Modernisierung der Stromnetze - Bürgernah, zügig, für erneuerbare Energien
Bundestagsdrucksache 17/4890: Sondergutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen Wege zur 100 % erneuerbaren Stromversorgung
