Strukturwandel im Ruhrgebiet

Vom bedeutendsten Industriegebiet Europas zur Stätte der Kultur

UNESCO-Weltkulturerbe: Zeche Zollverein in Essen - ©petplei/PIXELIO//http://www.pixelio.de
UNESCO-Weltkulturerbe: Zeche Zollverein in Essen - ©petplei/PIXELIO//http://www.pixelio.de
Das Ruhrgebiet und sein Wandel: Ein einst unscheinbares Siedlungsgebiet wird bedeutendstes Industriegebiet - und zu einer Stätte der Industriekultur und Lebensqualität...

Das Ruhrgebiet liegt mitten im Herzen Nordrhein-Westfalens - ein Industriegebiet, das von Kohle, Eisen und Stahl geprägt wurde. Mit einer Fläche von ca. 4.400 km² erstreckt es sich nördlich der Ruhr, die ihm den Namen gab. In diesem städtischen Ballungsraum leben mehr als 5 Mio. Menschen. Städte greifen ineinander, verschmelzen zu einer einzigen riesigen Metropole - fast fünfmal größer und mit ca. 2 Millionen mehr Einwohnern als die Hauptstadt Berlin.

Hartnäckig hält sich das Klischee von rußgeschwärzten Fensterbänken und grauen Gesichtern, von Abgaswolken, die in Schwaden über den Städten hängen. Beton, Asphalt und Schmutz - und nur selten ein kleines grünes Pflänzchen, das tapfer aus dieser Düsternis hervorlugt. Ein Moloch, in dem biertrinkende Kumpels malochen gehen, unzählige Migranten aus aller Herren Länder die Sprache verbabeln und die Sprache als solche Deutschlehrern die Haare zu Berge stehen lässt.

Dabei hat sich die Region in den letzten 30-40 Jahren grundlegend verändert.

Die Montanindustrie ist nahezu vollständig verschwunden. Gerade einmal 6 Zechen mit unter 30.000 Beschäftigten (1920 gab es noch 196 Schachtanlagen mit 470.000 Beschäftigten), 3 Kokereien (insgesamt über 100, 1968 gab es noch 29) und 6 Hochöfen (1968 gab es noch 80) sind übrig geblieben. Rund 700.000 Arbeitsplätze sind dadurch seit Mitte der 1950er Jahre weggefallen - ein immenses Problem für die Region.

Dennoch: Veränderungen beinhalten auch Chancen. Die Luft über der Ruhr ist wieder rein, die Flüsse sauber - und mittlerweile boomt der Tourismus.

Strukturwandel im 19. Jahrhundert

Um 1800 besaßen die Städte Duisburg, Mülheim und Dortmund jeweils um die 5000 Einwohner. Zu Beginn der industriellen Revolution, um 1840, siedelten im gesamten Ruhrgebiet nur ca. 230.000 Menschen. Sie lebten hauptsächlich von Land- und Forstwirtschaft und vom Handel, an den der Hellweg heute noch erinnert.

Das nördliche Ruhrgebiet war nur sehr spärlich besiedelt, weil hier die Emscher durch die Niederungen mäanderte und diese regelmäßig überschwemmte - ein Gebiet, in dem Typhus, Cholera und Malaria an der Tagesordnung waren.

Diese Sumpflandschaft brachte aber auch die Emscherbrücher Dickköpfe hervor, eine strammbeinige, robuste und damals sehr begehrte Pferderasse, die heute jedoch ausgestorben ist.

Der Boom der unbedeutenden Ruhrgebietsstädte begann erst mit der „Entdeckung des Schwarzen Goldes“. Obwohl Steinkohle bereits seit dem 13. Jh. (urkundlich erwähnt 1296; der Legende nach, 1225 in Mülheim) abgebaut wurde, entwickelten sich erst mit der Industrialisierung die technischen Voraussetzungen zum Tiefbau, zur Weiterverarbeitung und zum Abtransport der Kohle.

Tausende von Menschen strömten herbei, um von dem Schwarzen Gold zu profitieren. Immer mehr und immer gewaltigere Fabrikanlagen entstanden. Aus dem ländlichen Raum entstand innerhalb weniger Jahrzehnte ein riesiger Ballungsraum und Europas größte Industrieregion - das Ruhrgebiet.

Strukturwandel im 20. Jahrhundert

Die Industrie im Ruhrgebiet war entscheidend am deutschen Weltwirtschaftwunder beteiligt. Ab den 1960er Jahren zeichnete sich jedoch ein gegenteiliger Trend ab: Die große Krise an Rhein und Ruhr begann: Preisgünstigere Produktionen in anderen Teilen der Welt führten dazu, dass immer mehr Industrieanlagen stillgelegt wurden.

Zuerst starben die Bergwerke, dann, in den 1980er Jahren, die Eisenhütten und Stahlwerke. Zurück blieben zersiedelte Flächen, verschmutzte Landschaften und eine hohe Arbeitslosigkeit.

Aber die Region erlebte erneut einen Wandel.

Neue Projekte und Lebensqualität

Der dringend benötigte Strukturwandel wurde maßgeblich von der Internationalen Bauausstellung Emscher-Park (1989-1999) vorangetrieben. Der Name ist irritierend, denn dabei handelte es sich nicht um eine Ausstellung im herkömmlichen Sinne, sondern um ein Zukunftsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen mit dem Ziel, mehr Lebens- und Wohnqualität in der „alten Industrieregion“ und somit eine Grundlage für einen wirtschaftlichen Wandel zu schaffen.

Zahlreiche Projekte zu architektonischen, städtebaulichen, sozialen und ökologischen Verbesserungen wurden ins Leben gerufen und umgesetzt.

Innerhalb von 10 Jahren wurde die von der Industrie verbrauchte Landschaft auf einer Fläche von rund 800 km² nach ökologischen und ästhetischen Aspekten neu gestaltet. Industriebrachen wurden zu Parks oder Gründerzentren, ehemalige Industriekathedralen zu Palästen der Kunst umgewandelt. Zwischen Duisburg und Hamm wurden insgesamt 120 Einzelprojekte realisiert.

Mittlerweile hat sich die Region beinahe allen Kohlenstaub vom Antlitz gewischt und präsentiert sich heute als dichteste Kulturlandschaft Europas. Folgerichtig wurde die Stadt Essen stellvertretend für das Ruhrgebiet von der Europäischen Kommission zur "Kulturhauptstadt Europas 2010" gewählt.

Die herausragendsten Monumente des industriellen Erbes sind auf einem 400 km langen Rundkurs, der Route der Industriekultur erfahrbar. Aber das Ruhrgebiet hat weitaus mehr zu bieten als nur Industriekultur: eine schier unglaubliche Vielfalt an Kunst und Natur, Sehenswürdigkeiten und Freizeitaktivitäten, Kneipen und Fußballvereinen - und an Skurrilitäten.

Das Ruhrgebiet ist mittlerweile eines der spannendsten Ziele im Bereich des Städtetourismus.

Cornelia Poth-Paul, Stephan Haas

Cornelia Poth-Paul - Zu meiner Teenagerzeit waren lange Haare, ausgefranste Jeans, Clogs, das Palästinenser-Tuch, der (Bundeswehr-)Parka ...

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