
- Dauerbrenner Stuttgart21. - Peter von Bechen - Pixelio.de / pixelio.de
Während Deutschland, einig Vaterland am 3. Oktober 2010 von der Ostsee bis zu den Alpen, vom äußersten Westen bis zur polnischen Grenze, aber vor allem in Bremen und Berlin den 20. Jahrestag der Deutschen Einheit feierte, gab Rüdiger Grube, Chef der Deutschen Bahn AG, aus seiner Wolkenkratzer-Zentrale am Postdamer Platz mit Blick nach Stuttgart die Parole aus: "Ein Widerstandsrecht gegen einen Bahnhofsbau gibt es nicht." Und: "Bei uns entscheiden Parlamente, niemand sonst." Nichts zu spüren von der vermeintlichen Konzilianz, die ihm allzu gern als positive Charaktereigenschaft zugeschrieben wird. Friss, Vogel, oder stirb'! - das würde es besser treffen.
Stuttgart21: Bürgerengagement - hier hoch gelobt, dort knallhart abgelehnt
Und während Grube, der, wie bekannt wurde, Morddrohungen erhalten hat und unter Polizeischutz steht, während seine Frau mit den zwei Kindern auf Tauchstation gegangen ist, sich unversöhnlich und knallhart über den Aufschrei der Bürger in Stuttgart hinweg setzt, wird in den vielen Sonntagsreden des 3. Oktober 2010 die friedliche Revolution jener Bürger von 1989 als das ausschlaggebende Moment hervorgehoben, das ein Ende der DDR erst möglich gemacht hat. Begriffe wie Bürgerrecht, Bürgerengagement, Bürgermut werden in den Himmel gehoben. Und die brutalen Szenen aus dem Stuttgarter Schlossgarten, wo sich keine 60 Stunden zuvor harmlose Bürger mit mehreren Hundertschaften vermummter Polizisten konfrontiert sahen, die wie aus dem Nichts auf der Matte standen und mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray auf die Menschen losgegangen sind, scheinen schon wieder vergessen zu sein. Wie paradox.
Stuttgart21: Stefan Mappus hat seinen Kurs geändert
Stefan Mappus, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, hat offensichtlich begriffen, dass sein Amt bei der Landtagswahl im März auf dem Spiel steht. Gestern noch uneinsichtig und stur, schwenkt er plötzlich um, ändert seinen Kurs und zeigt sich in einem Gastkommentar im Handelsblatt von einer versöhnlichen Seite. Was nicht bedeutet, dass er nicht nach wie vor felsenfest hinter der Entscheidung pro "Stuttgart21" steht. Warum das so ist, erklärt er in wohlfeilen Worten. Es klingt plausibel. Und doch bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Hätte er von Anfang an so reagiert, wäre er weitaus glaubhafter. Fakt aber ist, dass sich die gesamte Landesregierung inklusive Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) in beschämender und nicht nachvollziehbarer Weise weggeduckt hatte, als es angebracht gewesen wäre, Flagge zu zeigen.
Stuttgart21: Gauck steht als Schlichter nicht zur Verfügung
Indes schlägt Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP) den Fast-Bundespräsidenten und Bundespräsidenten der Herzen Joachim Gauck als Schlichter vor. Als Bürgerrechtler und kluger Kopf, der mutig und authentisch sagt, was er denkt, und die Befindlichkeit der Bürger so ziemlich als einziger auf weiter Flur zu erkennen scheint, traut Westerwelle ihm zu, wieder Geschick in den Streit um Stuttgart21 zu bekommen und die Argumente der Gegner wie der Befürworter in passender Weise gegeneinander abwägen zu können. Der baden-württembergische Regierungspräsident i. R. Dr. Udo Andrioff, der das Amt des zurückgetretenen Projektsprechers Wolfgang Drexler (SPD) übertragen bekam, scheint nicht der geeignete Mann. Die Strahlkraft eines Joachim Gauck, der nicht ohne Grund im positiven Sinne als Menschenfänger gilt, ist schwer zu toppen. Aber: Gauck hat bereits abgelehnt. Auch der Name Heiner Geißler wird gehandelt. Antwort offen.
Stuttgart21: "Es fährt ein Zug nach nirgendwo"
Das Thema "Stuttgart21" hat inzwischen bundesweit Aufmerksamkeit erregt. Sämtliche Medien berichten über die Missstände in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Sogar der altehrwürdigen New York Times war "Stuttgar21" eine Story wert. Lesenswert ist auch der Kommentar des politischen Journalisten Michael Spreng (ehemals BamS). Eine Lösung des Konflikts, der in erster Linie ein Kommunikationsproblem zwischen Politik und Bürgern ist, ist trotz der großen Anteilnahme, die bis ins europäische Ausland reicht, nicht in Sicht. Da kommen einem als neutralem Betrachter der Szene die Textzeilen des Schlagers "Es fährt ein Zug nach nirgendwo" von Christian Anders in den Sinn. Versucht man, das ernste Thema dennoch für einen Moment augenzwinkernd zu betrachten, dann lassen sich in die einzelnen Textzeilen - je nach Fantasie und Sichtweise - die derzeit Agierenden von Bund, Land und Bahn AG vortrefflich im Geiste einbauen.
Es fährt ein Zug nach nirgendwo,
mit mir allein als Passagier,
mit jeder Stunde, die vergeht,
führt er mich weiter weg von dir.
Es fährt ein Zug nach nirgendwo,
den es noch gestern, gar nicht gab.
Ich hab gedacht, du glaubst an mich,
und das ich dich, für immer hab.
Es fährt ein Zug nach nirgendwo,
und niemand stellt von grün auf rot das Licht.
Macht es dir wirklich, gar nichts aus,
das unser Glück mit einem Mal zerbricht.
Es fährt ein Zug nach nirgendwo,
bald bist auch du, genau wie ich allein.
Sag doch ein Wort, sag nur ein Wort,
und es wird alles so wie früher sein.
Stuttgart21 wird die Nation noch eine ganze Weile in Schach halten. Ob es gelingt, sich emotionsfrei und sachbezogen doch noch an einen Tisch zu setzen, ist offen, aber wünschenswert. Es bleibt abzuwarten. Oh, Maria!
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