Stuttgarter Theaterpreis 2010: Iris Tenge – "My Road Movies"

Stuttgarter Theaterpreis: I. Tenge, My Road Movies - mpranalli/PhotoXPress.com
Stuttgarter Theaterpreis: I. Tenge, My Road Movies - mpranalli/PhotoXPress.com
Intensive Auseinandersetzung mit dem Unterwegssein. Arbeit der Mannheimer Choreografin I. Tenge gemeinsam mit dem Klang- und Videokünstler Ferdinand Försch.

Es ist nicht ohne Grund gewählt, das Possesivpronomen "my" im Titel der Produktion von Iris Tenge. Wenn sich die Choreografin gemeinsam mit dem Künstler Ferdinand Försch und ihrem exquisiten Ensemble dem Thema "Unterwegssein" in "My Road Movies" in all seiner inspirierenden Kraft widmet, schwingt immer auch das Persönliche, Subjektive, Emotionale jedes einzelnen Charakters mit.

Iris Tenges "My Road Movies": 13 vielschichtige Szenen über das Unterwegssein

Iris Tenge zeigt in ihrer vielschichtigen Arbeit "My Road Movies", wie Wege sich kreuzen, man ein Stück zusammen geht, sich wieder trennt, bestenfalls Kommunikation und Interaktion entsteht – und im schlechtesten Fall die eigene innere Leere inmitten all der Menschen, die einem zwangsläufig begegnen, dennoch bestehen bleibt. Auch wenn in dieser Produktion nicht gesprochen wird, das Augenmerk auf der Verbindung von zeitgenössischem Tanz und Video-/Klangkunst liegt, ist jede Aussage so klar, als hätte man sie laut und deutlich ausformuliert.

So agiert Éric Trottier, der unter anderem Tänzer und Choreograf im Mannheimer Ballett unter Philippe Talard war, meist allein – selbst wenn er von seinen "Weggefährten" Hyung-Bo Kim, Katharina Wiedenhofer, Gregory Livingston und Simone Deriu umgeben ist, mehr noch: eigentlich in den Moment einbezogen werden soll (was freilich nur selten funktioniert). Die Bindungen, die sich entwickeln, sind aber auch zwischen den anderen Protagonisten meist nur oberflächlicher Natur. Die Spannung, die sich über einen kurzen Zeitraum umso heftiger ausbaut, verfliegt so rasch, wie sie gekommen ist. Momente der Ruhe gibt es indes nur selten, und auch sie sind flüchtig. Etwa, wenn Trottier eine Weltkugel in der Hand hält, fast schon im faust’schen Sinne über den Sinn des großen Ganzen grübelnd, ihm das Erdenrund aber sogleich von Catherine Blanc (die Tänzerin ist nur in dieser einen Szene auf der Bühne) abgenommen wird.

Video- und Klangcollagen von Ferdinand Försch erweitern die Dimensionen

Der Raum, den das bestechende Ensemble mit ausdrucksstarken tänzerischen Mitteln, einer überzeugenden Technik und viel Dynamik erschließt, wird auch durch die Handschrift Ferdinand Förschs gestaltet, mit dem Tenge eine langjährige künstlerische Freundschaft und Zusammenarbeit verbindet. Seine Videocollagen werden immer wieder über Eck geworfen. Oftmals extreme Nahaufnahmen von Menschen, Orten, Bewegungen. Verfremdet, überzeichnet, in mehreren Schichten aufgetragen. Dazu die minimalistische Musik, die Försch ausschließlich auf selbst gebauten Instrumenten komponiert und umsetzt. Die Palette reicht von perkussiven, kleinteiligen Fragmenten bis hin zu flächigen Klängen. Allein gemein: Die Stetige, das den Vorwärtsdrang in seinem sich wiederholenden Muster symbolisiert.

Iris Tenges "My Road Movies" ist für den Stuttgarter Theaterpreis 2010 nominiert

Die abendfüllende Produktion "My Road Movies" von Iris Tenge, die zuletzt sehr erfolgreich am 26. November beim 10. Tanzfestival im Tempel Karlsruhe lief und das Publikum von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselte (immer wieder Zwischenapplaus!), wird kurz vor der Verleihung des Stuttgarter Theaterpreis 2010 – Sparte: Tanz – noch einmal in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs gezeigt: Theaterhaus Stuttgart, 9.12.2010, 19.15 Uhr.

Iris Tenges "My Road Movies" ist neben folgenden sechs Arbeiten im Rennen um die Auszeichnungen beim Stuttgarter Theaterpreis 2010, die am 11.12.2010 in Stuttgart verliehen werden:

Fabian Chyle „Re-Inventing Nijinsky“, Stuttgart; Katja Erdmann-Rajski „C------H. Jandls Zunge“, Stuttgart; HeadFeedHands „Fischen ohne Helm“, Freiburg; Nina Kurzeja „Aeneas Entscheidung“, Stuttgart; Nicki Liszta/backsteinhaus produktion „avatar“, Stuttgart; urbanReflects „unrestricted exploitation“, Freiburg.

Kurze Hintergrundinformation zu Iris Tenge

In der Presse wurde Iris Tenge schon als "Juwel der freien Tanzszene Mannheims" bezeichnet. Ihr Credo, dem sie in einem Interview mit dem Mannheimer Morgen (18.08.2010) zuletzt Ausdruck verlieh, lautet: "Für mich ist jede Präsenz, jedes Wagnis zeitgenössisch."

Entscheidende Stationen auf dem beruflichen Weg der Iris Tenge waren neben einer tänzerischen Ausbildung unter John Cranko ("Es war für mich eine Offenbarung, wie Cranko klassisches Ballett ganz ohne Staub kreierte.") unter anderem die Arbeit mit John Neumeier (Hamburg Ballett), William Forsythe (Frankfurt Ballett) und Pina Bausch (Tanztheater Wuppertal).

Ihre aktuelle Choreografie "Sonata Vertigo" war im Rahmen der 2. Freien Theater Tage SCHWINDELFREI im Theater Felina Areal, Mannheim, erstmals zu sehen (Premiere: 24.11.2010).

Elisa Reznicek - Ich interessiere mich für die unterschiedlichsten Themenbereiche und möchte immer noch etwas mehr wissen. Wenn am Ende dabei ein ...

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