
- Portrait Dorothea von Kurland / Angelika Kauffmann - Museum Burg Posterstein
Trotz der begrenzten gesellschaftlichen Möglichkeiten für Frauen in der Männerwelt des frühen 19. Jahrhunderts, gab es eine Reihe gebildete und intelligente, meist adlige Damen, die sich ihr Recht auf politische Teilnahme auf eine subtile Weise erkämpften. In kulturellen Salons, initiiert von charismatischen Frauen, konnten sie bis zu einem gewissen Grad am Weltgeschehen teilnehmen. Der Geburtstag einer der schillerndsten Frauengestalten des beginnenden 19. Jahrhunderts jährt sich 2011 zum 250sten Mal. Eine Sonderausstellung im thüringischen Museum Burg Posterstein und die zugehörige Publikation beschäftigen sich mit der Herzogin Anna Dorothea von Kurland, ihren Salons und der Salonkultur. Zudem zeigt das lettische staatliche Museum im Schloss Rundale, einstiger Sitz der Herzöge von Kurland, aus Anlass des runden Geburtstags eine Dokumentation.
Anna Dorothea von Kurland wurde 1761 als Tochter von Johann Friedrich von Medem in Mesothen, Kurland, weit entfernt von den politischen und geistigen Zentren Europas, geboren. Bereits mit 18 Jahren heiratete sie keinen geringeren als den Landesherren Peter Biron, Herzog von Kurland. Als das Herzogtum in politische Turbulenzen zwischen russische, österreichische und preußische Machtansprüche geriet, schickte Peter Biron – ein Finanzgenie, aber ohne großes diplomatisches Geschick – seine junge Frau ins Feld. Die gebildete und redegewandte Anna Dorothea trat 1790 in die Welt der Politik ein und verhandelte in Warschau und Berlin geschickt mit den Großen ihrer Zeit. Zunehmend emanzipierte sie sich von ihrem Mann, glänzte allein in den wichtigen Salons und machte amouröse Bekanntschaften.
Politisch aktiv trotz engen gesellschaftlichen Spielraums
Welcher politischer Aktionsraum blieb den Frauen der europäischen Oberschicht, die eine gewisse Ausbildung genossen hatten, intelligent und redegewandt waren, aber ohne Vormund von ihrem eigenen Vermögen keine Immobilien kaufen durften? Dorothea von Kurland ist das beste Beispiel für eine dieser gut situierten Damen, die die begrenzten gesellschaftlichen und juristischen Möglichkeiten geschickt ausnutzten. Sie organisierte ihr Vermögen in enger Absprache mit ihrem offiziellen Vormund, nahm interessiert an der bewegten Politik ihrer Zeit Anteil und bewegte sich sicher auf der gesellschaftlichen Bühne zwischen den großen Staatsmännern ihrer Zeit. Zar Alexander I., Napoleon, Friedrich Wilhelm III., Talleyrand und Metternich kannte sie persönlich. Ihr breites Netzwerk zu den einflussreichen Personen ihrer Zeit pflegte sie nicht nur durch regen Briefkontakt, sondern in gleich mehreren gesellschaftlichen Salons, die sie in Berlin, Löbichau, Karlsbad und Paris unterhielt.
Die berühmte jüdische Saloniere Henriette Hertz, die einen angesehenen Salon in Berlin unterhielt, schrieb in ihren Erinnerungen anerkennende Worte über die Herzogin Anna Dorothea von Kurland: „Die Herzogin von Kurland hätte bei aller schönen Weiblichkeit doch Energie genug gehabt, um ein großes Reich zu beherrschen, und ihr politischer Blick machte zuweilen den Gedanken rege, daß eine solche Bestimmung eine ihr angemessene gewesen wäre. Schon als sie eine Frau in den Zwanzigern war, hatten die Stände Kurlands gewünscht, dass sie die Regentschaft übernehme…“
Einer der wichtigsten Salons der Herzogin befand sich im thüringischen Löbichau, wo sie zwei Schlösser als Sommerresidenz besaß. Löbichau lag praktischerweise in zentraler Lage zwischen Berlin, Karlsbad, Sagan und Paris, den wichtigsten Reisezielen Dorotheas. In den Sommermonaten versammelten sich hier zeitweise 300 Gäste gleichzeitig, von Dichtern wie Theodor Körner, Jean Paul, Christoph August Tiedge und Elisa von der Recke bis hin zum Minister des Landes, Hans Wilhelm von Thümmel. Der bedeutendste Gast war aber Zar Alexander I., der hier seine Zustimmung zur Ehe der jüngsten Tochter Dorothée mit Talleyrands Neffen und voraussichtlichen Erben Edmond gab.
Talleyrand schrieb fast täglich
Mit Charles Maurice de Talleyrand, dem umtriebigen Außenminister unter Napoleon und Frankreichs Vertreter beim Wiener Kongress, verband Anna Dorothea von Kurland ein jahrelanges enges Verhältnis. Während der ersten Phase des Wiener Kongresses weilte Anna Dorothea von Kurland noch in Paris. Ihre Töchter Wilhelmine von Sagan und Dorothée von Dino-Talleyrand hielten sich dagegen – als enge Begleiterinnen von Metternich und Talleyrand – von Beginn des Kongresses an in Wien auf. Während Anna Dorothea über das Geschehen in Paris berichtete, schrieb ihr Talleyrand fast täglich aus Wien. Gern schloss er seine Botschaften mit den Worten ab: „Ich liebe Sie, liebe Freundin, und ich umarme sie aus vollstem Herzen.“ Diese Briefe sind im Katalog des Museums Burg Posterstein nun erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht worden.
Metternich ist verliebt…
Die meisten Menschen haben und brauchen enge Vertraute, so auch große Staatsmänner. Hier fand sich die Lücke für die gebildeten Frauen im frühen 19. Jahrhundert, um politisch aktiv teilzuhaben – wenn auch im Hintergrund als Berater und Zuhörer. Dorothea von Kurlands älteste Tochter Wilhelmine verband zur Zeit des Wiener Kongresses eine Liaison mit dem österreichischen Staatskanzler Metternich, der bei der territorialen Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen eine bedeutende Rolle spielte. Aus Talleyrands Briefen an die Herzogin von Kurland geht hervor, das diese Verbindung nicht nur nicht im Verborgenen blieb, sondern auch das politische Geschehen mit beeinflusste. Am 2. Oktober 1814 schrieb er: „Die Festlichkeiten erschöpfen mich. Wir haben überhaupt noch nicht begonnen, ernsthaft über die Geschäfte zu sprechen. Metternich ist verliebt, er lässt sich malen, er schreibt Liebesbriefe, und die Kanzlerschaft geht, wie sie will. Dorothée hält sich gut; sie leidet unter der Betriebsamkeit ihrer Schwester. Lieber Engel, ich umarme Sie und liebe Sie von ganzem Herzen…“
Eine Ausstellung sammelt Gäste aus ganz Europa auf Burg Posterstein
Zur Eröffnung der aktuellen Sonderausstellung „Die Herzogin von Kurland im Spiegel ihrer Zeitgenossen – Europäische Salonkultur um 1800“ trafen sich Gäste aus Finnland, Lettland, Polen, Frankreich und Deutschland, die alle auf die eine oder andere Art in ihren Forschungen oder durch den familiären Stammbaum mit Dorothea von Kurland in Berührung gekommen sind. Imants Lancmanis, Direktor des Schlossmuseums in Rundale, zeigte sich sicher: „Das ist einmalig! Nie wieder wird es gelingen, eine solche Schau zusammenzustellen.“
Die Sonderausstellung zu Ehren der Herzogin versammelt so viele originale Portraits der Herzogin wie noch nie zuvor an einem Ort. Bedeutende Künstler wie Angelika Kauffmann, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Anton Graff und Joseph Grassi hatten die Herzogin vor mehr als 200 Jahren ins rechte Licht gerückt. Die Ausstellung ist noch bis 30. September auf Burg Posterstein zu sehen.
Quellen:
Museum Burg Posterstein (Hrsg.): Die Herzogin von Kurland im Spiegel ihrer Zeitgenossen - Europäische Salonkultur um 1800, ISBN 978-3861040866
