
- Die Bahn reduziert ihr Radangebot - Helmut Lorscheid
In den vergangenen Jahren gab es für radfahrende Menschen in Berlin ein tolles Angebot – das hieß „Call a bike“ und funktionierte ganz einfach. An den Bahnhöfen und überall in der Innenstadt standen an Straßenkreuzungen Räder in den Bahnfarben weiß-rot, die jedermann entleihen konnte. Nötig war dafür lediglich eine einmalige Anmeldung, bei der eine Abbuchungserlaubnis und eine Mobilrufnummer hinterlegt wurde. Und los ging die Fahrt.
DB hat bewährten Service abgeschafft
Raus aus der U-Bahn, kurzer Anruf und los ging die Fahrt. Egal ob für lange oder ganz kurze Strecken – die Fahrt konnte jederzeit beendet und das Rad an der nächsten Straßenkreuzung abgegeben werden. Rad abschließen, kurzer Anruf mit der Durchsage der beiden Straßennamen, an deren Kreuzung das Rad abgestellt wurde.
Schön war die Zeit...
Eine freundliche Computerstimme teilte die Fahrtkosten mit, oft handelte es sich um Centbeträge. Ein großartiger und zugleich sehr preiswerter Service. Doch damit ist jetzt Schluss. Die Bahn hat das System „umgestellt“ – künftig wird es komplizierter und wie immer, wenn die Bahn etwas ändert – auch deutlich teurer. An bestimmten Punkten in Berlin Mitte, am Prenzlauer Berg und einigen Teilen Kreuzbergs, wurden Radstationen eingerichtet. Dorthin muss sich der Nutzer erst mal begeben, um dort ein Rad auszuleihen, welches er künftig nicht mehr einfach an der seinem Fahrziel nächstgelegenen Straßenkreuzung abstellen kann, sondern zur nächsten Radstation bringen muss. Das macht natürlich ungleich weniger Spaß, wenn man nach Erreichen seines Zieles erst noch die nächste Fahrradstation suchen muss, um das nun nicht mehr benötigte Rad auch abstellen zu können.
Ein Rad für müde Beine
Vorbei die Zeit, wo man selbst müde von einer der vielen Partys in Berlin und einem längeren Fußweg zur Nachtbus-Haltestelle nach wenigen Metern bereits eine freudige weiß-rote Überraschung in Form des nächsten Bahn-Fahrrads vor sich sah. Nix mit langem Fußweg, eine kurze nächtliche Radtour war angesagt. Das machte richtig Spaß, bedeutete ein Stück Lebensqualität, war Service vom feinsten. Damit ist jetzt Schluss. Künftig gilt es Stadtion zu suchen, in der Hoffnung, dass sich auch wirklich ein Rad dort befindet und nach der Fahrt wiederum die Suche nach der Abstellmöglichkeit. Zudem sind zunächst nur knapp 2.000 Räder für ganz Berlin vorgesehen.
Kritik seitens der Berliner Grünen
"Dass die Deutsche Bahn das Call-a-Bike-Angebot in der Berliner Innenstadt so sehr ausgedünnt hat, ist ein Skandal", sagt Manuel Sahib, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Berliner Innenstadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Andere Städte wie Wien oder Paris gingen genau in die andere Richtung und bauen die Leihradsysteme aus. "Hier ist der rot-rote Senat dringend aufgefordert, entsprechend aktiv zu werden und dem boomenden Radverkehr entsprechende Angebote zu machen.
Änderung wird schön geredet
Die Bahn lässt sich ihr neues System, dass sie nun durch ein Boni-System auch mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) verknüpft mit rund zwei Millionen Euro bezuschussen. Um Steuergelder zu bekommen, braucht das Kind einen neuen Namen – folglich wird die Verschlechterung des Service nun „Modellmaßnahme“ genannt und irgendwelche PR-Strategen formulierten mehr oder weniger hohle Phrasen in denen von Integrierung des Fahrrads in den ÖPNV die Rede ist.
Die Pressestelle der Bahn teilte dem Autoren mit: „das neue stationsgebundene System „Call a Bike – das Stadtrad für Berlin“ ist Teil eines Modellvorhabens mit dem Ziel, in Berlin ein neuartiges, technisch innovatives Fahrradverleihsystem zu testen. Dieses wird seit 2009 in Kooperation von DB Rent, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin und dem Bezirk Mitte durchgeführt. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung mit zwei Millionen Euro. Im Jahr 2011 beginnt nun die Pilotphase des Projektes, mit zunächst etwa 80 Stationen in Mitte, Prenzlauer Berg und Kreuzberg...“
Wirrköpfe tragen Mitschuld
Unbeantwortet blieb die Frage nach den Verlusten, die der Bahn durch gezielten Vandalismus und systematische Zerstörung der Bahn-Räder unter anderem durch Menschen, die einfach randalieren und andere, die politisch argumentierende Wirrköpfe sind. Diese Menschen greifen die Bahn als Teil des verhassten kapitalistischen Systems an und vergessen dabei, dass diese Bahn und in Berlin auch die zur DB gehörige S-Bahn vor allem für ökologische denkende Menschen die einzige Alternative für ihre persönliche Mobilität darstellt. Besonders in Kreuzberg wurden zahlreiche Räder zerstört, oder sie wurden in einen der Berliner Kanäle geworfen. Der Kapitalismus wurde dabei nicht wirklich empfindlichlich getroffen. Aber ein Stück Lebensqualität ging dahin.
Quellen
Pressemitteilungen, Internetseite der Bahn, eigene Erfahrung
und Korrespondenz mit der Pressestelle der DB AG
