
- Südafrika - So bekannt und doch so fremd. - Gabriele Weber
In wenigen Wochen ist es endlich soweit: Die Fussball-Weltmeisterschaft 2010 beginnt, und Milliarden von Fans überall auf dem Globus werden die 32 teilnehmenden Mannschaften frenetisch bejubeln. Es ist ein Sportereignis der Superlative, dass der ausrichtenden Nation sowohl gewaltige finanzielle Einnahmen als auch große mediale Aufmerksamkeit verschafft. Die Augen der Welt richten sich für kurze Zeit auf eine einzige Nation.
Das Land Südafrika - Durch den Fussball im Licht der Weltöffentlichkeit
Lionel Messi, Christiano Ronaldo und Co. werden diesmal in Südafrika um die Krone des Weltfussballs miteinander kämpfen. Damit findet zum ersten Mal in der Geschichte eine Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden statt, und das Land am Kap Horn rückt ins Licht der internationalen Medien. Südafrika ist dabei mit Sicherheit noch eines derjenigen afrikanischen Länder, welche der westlichen Welt am bekanntesten sind. Es existieren unzählige TV-Reportagen, die mit einer romantischen Panoramaaufnahme von Kapstadt beginnen und schließlich in einem der vielen bedeutenden Nationalparks enden. Dazwischen hat der geneigte Zuschauer vor allem Eines gelernt: Südafrika ist sehr exotisch und im Vergleich zu Europa irgendwie ganz anders. Doch was für eine Gesellschaft existiert abseits der strahlenden Fussballtempel wirklich? Ist Südafrika tatsächlich nur ein großer Wildpark mit Cafes und schönen Stadien? Wohl kaum.
Große kulturelle Vielfalt in allen gesellschaftlichen Bereichen
Schon bei einem Blick auf die nüchternen Daten und Fakten fällt sofort auf, dass Südafrika nicht mit einigen wenigen Merkmalen beschrieben werden kann. Das 49 Millionen Einwohner zählende Land besitzt insgesamt elf verschiedene Amtsprachen, von denen isi Zulu (23,8 Prozent), isi Xhosa (17,6 Prozent), Afrikaans (13,3 Prozent) die drei bedeutendsten darstellen. Diese kulturelle Vielfalt erscheint noch beeindruckender, wenn man berücksichtigt, dass lediglich Indien eine noch größere Anzahl an offiziellen Sprachen besitzt; am Kap Horn existiert also ein großer ethnischer "Melting Pot".
Denn auch in religöser Hinsicht ist Südafrika alles andere als homogen. Zwar besteht die Bevölkerung zu einem überwiegenden Teil aus Christen, jedoch gibt es eine ungeheure kirchliche Vielfalt. Mit circa 2,5 Millionen Mitgliedern ist die afrikaans-sprachige "Nederduits Gereformeerde Kerk" dabei die größte religiöse Gemeinde im Land. Die Konfession nahm ihren Anfang mit der Ansiedlung der ersten holländischen Kolonialisten im 17. Jahrhundert nach Christus, und sie prägt mit ihren Gotteshäusern bis heute das Antlitz vieler südafrikanischer Städte und Dörfer. Die überwiegende Mehrzahl der südafrikanischen Christen ist jedoch Mitglied in einer der vielen tausend "Independent African Churches". Diese haben ihren Ursprung zwar im Protestantismus, integrieren jedoch auch traditionell-afrikanische Glaubensvorstellungen, wie zum Beispiel den Ahnenkult, in die religiöse Praxis. Die unabhängigen Kirchen sind jedoch in ihrer jeweiligen Ausprägung sehr unterschiedlich und deshalb kaum als einheitliche Gemeinde zu bezeichnen. Vielmehr sind sie wiederum ein beeindruckes Zeugnis südafrikanischer Vielfalt.
Ethnische Konflikte und große Kriminalität erschüttern Südafrika
Doch Südafrika ist noch weit davon entfernt, eine friedliche, multikulturelle Gesellschaft darzustellen. Im Gegenteil: Nach wie vor bestehen Parallel-Gesellschaften, die nur wenig miteinander in Kontakt treten. Es existieren nach Hautfarben separierte Wohnviertel, und einzelne Straßenzüge werden so zu scheinbar unüberwindbaren Grenzen.
Oder zur Falle: Denn Südafrika kämpft nach wie vor mit einem großen Problem: Der Kriminalität. Immer wieder erschüttern grausame Bluttaten das Land und wecken Zweifel an einer erfolgreichen Ausrichtung der Fussball-Weltmeisterschaft. Seit dem Ende der Apartheid im Jahr 1994 wurden mehr als 420.000 Menschen in der "Regenbogennation" ermordet, nur in Kolumbien liegt die Zahl der Ermordeten noch höher. Die Verbrecher nehmen dabei keine Rücksicht auf die Herkunft oder gesellschaftliche Stellung der Mordopfer. Im März des vergangenen Jahres wurde sogar ein katholischer Geistlicher im Süden Johannesburgs entführt und ermordet. Es war bereits der sechste Priestermord innerhalb kurzer Zeit und doch nur ein kleiner Ausschnitt aus der alltäglichen Gewalt.
So wird die weibliche Bevölkerung Südafrikas darüber hinaus ständig von sexuellen Übergriffen bedroht, und der Weg zur Arbeit kann schnell zum Alptraum werden. Denn statistisch gesehen muss jede zweite Südafrikanerin damit rechnen, einmal in ihrem Leben vergewaltigt zu werden. Ein beeindruckendes Zeugnis südafrikanischer Grausamkeit.
Südafrika steht vor Problemen - aber auch erst am Anfang
Was bleibt also über das Land am Kap Horn zu sagen? Zweifelos existieren dort viele gesellschaftliche Gegensätze und Spannungen. Südafrika steht vor großen Herausforderungen, aber auch erst am Anfang. Das Ende der Apartheid bedeutete für Südafrika quasi einen Neubeginn, alte soziale Gräben und Schieflagen werden noch lange existieren. Aber die Gesellschaft hat nicht zuletzt aufgrund von großen Ereignissen wie der Fussball-Weltmeisterschaft die Chance, sich weiterzuentwickeln und Probleme entschieden anzugehen. Und der Welt etwas ganz Neues von sich zu präsentieren.
