Sukuk – Islamische Anleihen auch für Europa interessant

Sukuk - erste Emissionen in Europa - Peggy Richter
Sukuk - erste Emissionen in Europa - Peggy Richter
Sachsen-Anhalt war erster europäischer Sukuk Emittent. Aber flexiblere Steuergesetze machten London zum europäischen Zentrum für islamische Finanzierungen.

Als Sachsen-Anhalt 2004 die ersten europäischen Sukuk ausgab, wurde das kleine Bundesland seinem Slogan „Wir stehen früher auf“ gerecht. Seitdem ist es in Deutschland allerdings ruhig geworden um das Thema Islamische Finanzprodukte. Und während London zum führenden europäischen Zentrum für islamische Finanzierungen aufsteigt, scheint Deutschland einen Trend zu verschlafen.

Sukuk sind schariakonforme Zertifikate

Sukuk ist das arabische Wort für Zertifikate, wird im heutigen Sprachgebrauch aber vor allem als Synonym für Islamische Anleihen verwendet. Allerdings sind Sukuk keine Anleihen im konventionellen Sinne, denn wie bei allen islamischen Finanzprodukten gilt für Sukuk das Zinsverbot. Außerdem sollen Sukuk konkrete Wirtschaftsgüter zugrunde liegen. Es gibt verschiedene Sukuk-Arten, die diesen Anforderungen auf unterschiedliche Weise gerecht werden. Manche Strukturen sind unter Scharia-Gelehrten umstritten, weil sie konventionellen Anleihen zu sehr ähneln. Aber nicht nur der Mangel an Standardisierung aufgrund unterschiedlicher Scharia-Auslegungen ist ein Hindernis für den Sukuk-Markt. Außerhalb der islamischen Welt werden Sukuk wie auch andere islamische Finanzprodukte oft steuerlich benachteiligt. Großbritannien hat in den letzten Jahren eine Reihe von Gesetzen erlassen, die das ändern sollen, und damit Deutschland in den Schatten gestellt.

Land Sachsen-Anhalt emittierte 2004 erste europäische Sukuk

Im Jahr 2004 entschloss sich das Land Sachsen-Anhalt, die Länder des Nahen Ostens als neue Investorengruppe zu erschließen. Das Bundesland gab Sukuk im Wert von 100 Millionen Euro aus. Dafür wurden die Nutzungsrechte landeseigener Immobilien an eine Zweckgesellschaft übertragen. Anschließend schloss Sachsen-Anhalt einen Leasingvertrag mit der Zweckgesellschaft ab. Die Sukuk-Investoren erhielten anstatt Zinsen regelmäßige Leasingraten. Nach fünf Jahren zahlte das Land die 100 Millionen Euro zurück und erhielt dafür die Nutzungsrechte wieder.

Sukuk al Ijara und die Grunderwerbsteuer

Die von Sachsen-Anhalt begebene islamische Anleihe wird auch Sukuk al Ijara genannt. Sukuk al Ijara funktionieren ähnlich dem sogenannten Sale-and-lease-back-Verfahren. Ein Unternehmen verkauft seine Immobilien oder andere Wirtschaftsgüter an eine Zweckgesellschaft, im Branchenjargon Special Purpose Vehicle (SPV) genannt. Diese Zweckgesellschaft bezahlt den Kaufpreis aus der Emission von Sukuk al Ijara. Die Investoren werden damit Teileigentümer der Immobilie. Anschließend vermietet die Zweckgesellschaft die Immobilien zurück an das Unternehmen. Die Mieteinkünfte werden an die Sukuk Investoren anstelle von Zinsen weitergegeben. Bei Fälligkeit werden die Immobilien an das Unternehmen zurückverkauft und aus dem Verkaufserlös die Sukuk getilgt. In Deutschland wäre sowohl beim Verkauf als auch beim Rückkauf der Immobilien Grunderwerbsteuer angefallen. Um diese zusätzlichen Kosten zu umgehen, übertrug das Land Sachsen-Anhalt ein 100-jähriges Nutzungsrecht auf die Zweckgesellschaft, die als Eigentumsersatz gelten sollte. Ob diese Struktur bei allen Scharia-Gelehrten auf Zustimmung gestoßen wäre, ist fraglich.

London etabliert sich als Zentrum für islamische Finanzierung

In Großbritannien gehen die ersten Versuche einer Gleichstellung islamischer Finanzprodukte ins Jahr 2003 zurück. Grund dafür war nicht nur die noble Ansicht, dass Menschen anderer Religionen nicht benachteiligt werden sollten. Londons Vormachtstellung auf den Finanzmärkten wird durch den Aufstieg neuer Finanzzentren wie Dubai bedroht. Durch die Öffnung des Marktes für alternative Finanzprodukte bleibt London wettbewerbsfähig. Seit 2003 sind islamische Immobilienfinanzierungen von der doppelten Stamp Duty, der englischen Version der Grunderwerbsteuer, befreit. Vor einem Jahr wurde diese Regelung auch auf gewerbliche Immobilienfinanzierungen ausgedehnt. Mittlerweile gibt es fünf islamische Banken in der City, die ihren Kunden schariakonforme Produkte anbieten. Anfang 2010 wurde ein neues Gesetz erlassen, das die Emission von Sukuk ohne steuerliche Nachteile ermöglicht.

Sukuk al Musharaka – erste islamische Unternehmensbeteiligung in England

Die Änderung der Steuergesetzgebung hat sich ausgezahlt. Während in Deutschland 2010 gerade die erste islamische Bank eröffnet wurde, hat in Großbritannien bereits das erste Unternehmen Sukuk al Musharaka emittiert. Dabei handelt es sich um eine Eigenkapitalbeteiligung. Sukuk al Musharaka Investoren übernehmen das Unternehmensrisiko und erhalten dafür einen Anteil am Gewinn.

Islamische Finanzprodukte Alternative zum westlichen Finanzsystem?

In Europa leben rund 15 Millionen Muslime, was etwa 3 Prozent der Bevölkerung entspricht. Für sie bietet die Einführung islamischer Finanzprodukte eine Möglichkeit, ihre Finanzgeschäfte religionskonform abzuwickeln. Außerdem könnten europäische Staaten durch Aufnahme von Sukuk in ihr Staatsanleihenprogramm ihre Investorenbasis verbreitern – eine nicht zu verachtende Chance bei den hohen Verschuldungsquoten mancher Länder. Der britische Staat hat bereits mit diesem Gedanken gespielt. Die Pläne einer Sukuk-Emission liegen derzeit aber auf Eis. Durch die Finanzkrise sind islamische Finanzprodukte auch bei Nicht-Muslimen in Mode gekommen. Islamische Finanzprodukte gelten aufgrund der strengen Scharia-Regeln als nachhaltige Investitionen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Sukuk weniger riskant sind als andere Finanzprodukte. Bei Sukuk al Musharaka übernimmt der Investor ein Unternehmensrisiko ähnlich einer Aktie. Und dass Sukuk, die auf Immobilien begeben werden, nicht vor Ausfallrisiken geschützt sind, hat die Dubai-Krise Ende 2009 gezeigt. Das Risiko von Sukuk muss genau wie bei anderen Finanzprodukten im Einzelfall analysiert werden. Sukuk werden westliche Finanzprodukte nicht ersetzen, aber sie vergrößern die Auswahlmöglichkeiten. Und ein bisschen Wettbewerb kann auch dem Finanzmarkt nicht schaden.

Peggy Richter, Peggy Richter

Peggy Richter - Als Finanzanalystin konnte ich 15 Jahre lang Erfahrungen mit sehr vielen Bank- und Finanzprodukten sammeln. Meine Bankausbildung, das ...

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