Surabaya Sue

Wayang-Puppen holländische Soldaten darstellend   - A. Wertz
Wayang-Puppen holländische Soldaten darstellend - A. Wertz
Sie hatte zahlreiche Namen, war erfolglose Autorin, erfolglose Hotelbetreiberin und Zwangsprostituierte, ehe sie als Surabaya Sue zum Heldenmythos wurde.

Vannen, Vannine, Vanessa, Manx, Nyonya Meng, Molly McTavish, Deventry, Tenchery, Oestermann, Sally van der As, Mevroux Rosenberg, Pearson, Walker, K'tut Tantri - mit zahlreichen Namen bog sie sich ihre ohnehin abenteuerliche Geschichte nach eigenem Gusto zurecht. Sie erfand sich zahlreiche Lebensläufe, fälschte Dokumente und wurde schließlich als Radiopropagandistin für Indonesiens Unabhängigkeitskämpfer zur Legende.

Pseudonyme und Spitznamen

Fabulierfreudige Journalisten gaben ihr zahlreiche Spitznamen und fügten so der langen Liste von Pseudonymen noch eine Reihe weiterer hinzu: Merdeka Moll, Joan of Java, Modjokerto Molly, Solo Sally, Yogya Josy und schließlich Surabaya Sue - ein Name, den sich ein Journalist vermutlich in Anlehnung an Bertholt Brechts "Surabaya Johnny" ausgedacht hatte.

Aus der Ex-Journalistin in Hollywood, der exzentrischen Verfasserin unveröffentlichter Geschichten und Filmmanuskripte, der Bohemien von Bali, der Zwangsprostituierten japanischer Besatzungsoffiziere war eine romantische und mysteriöse Guerilla-Heroine geworden.

Stimme der Revolution

Am 17. August 1945 hatte Sukarno in Jakarta die Unabhängigkeit Indonesiens erklärt. Nach der japanischen Kapitulation landeten britische Verbände, um die Entwaffnung sowohl der besiegten Armeen des Tenno als auch der Milizen der neuen Republik zu organisieren und die Interessen der holländischen Kolonialmacht zu sichern. Nach der Kapitulation übernahmen die Unabhängigkeitskämpfer die Sender der Japaner, und bald verfügte jede Guerillafraktion mindestens über einen Sender.

Über Radio „machten wir zwischen Glenn Miller oder Count Basie antikolonialistische Propaganda“, erzählte Des Alwi, einer jener Kämpfer, die damals im November 1945 den Briten in Surabaya erbitterten Widerstand entgegengesetzt hatten. Dafür hatten sie eine Schottin eingestellt. „Sie hatte keine Rundfunkstimme, eine dünne, sehr hohe Stimme. Aber sie konnte Englisch.“

Als sich die Unabhängigkeitskämpfer in Surabaya der britischen Aufforderung, alle Waffen abzugeben, widersetzten, kam es im November zur „Schlacht um Surabaya“. Surabaya Sue heizte den Widerstandswillen der Indonesier mit „extremistischer, radikaler Propaganda“ an, wie die Vertreter der Kolonialmächte wetterten.

Nach der Niederlage der Rebellen operierte sie mit einem mobilen Transmitter und sendete Nachrichten, die in den Kapitalen Südostasiens mit Besorgnis gehört wurden. Am 14. Dezember 1945 erließen die Holländer Haftbefehl gegen die nervige Radiopropagandistin.

Schottin, Amerikanerin, Patriotin oder Verräterin?

„Sue - unter Extremisten besser bekannt unter ihrem angenommenen balinesischen Namen K'tut Tantri - ist eine jener merkwürdigen Personen, die man immer im Gefolge einer Revolution findet... Sie ist ein Wirbelwind mit erstaunlicher Energie in dieser schrecklichen Hitze“, schrieb der Korrespondent des australischen Herald Anfang 1946.

"Diese blauäugige Amerikanerin mit ihrem strohblonden Haar und ihrer perlweißen Haut war sogar patriotischer als der Durchschnittsindonesier. Allen Widrigkeiten trotzend, mit der holländischen Armee auf ihren Fersen sendet sie ihre Reden und Aufrufe über eine mobile Sendeeinheit und berichtet der Welt von Indonesiens Freiheitskampf", lobte sie auch der spätere Minister Adam Malik in seinen autobiographischen Aufzeichnungen.

Herkunft und frühe Jahre

Geboren wurde sie laut Geburtsurkunde am 18. Februar 1899 als Muriel Stuart Walker in Glasgow. Irgendwann in den Zwanziger Jahren reiste sie nach Amerika, wo sie vermutlich zwischen 1928 und 1930 Karl Henning Pearson heiratete. „Ich verlor meinen Mann und die ganze Familie in einem Unfall kurz nach unserer Hochzeit. Ich hatte niemanden auf der Welt“, erzählte sie später einem Agenten der australischen Einwanderungsbehörde. Tatsächlich lebte der gebürtige Schwede Pearson von 1927 bis zu seinem Tod 1957 in San Francisco.

Von Hollywood nach Bali

1932 entfloh sie "Hollywoods Unmoral, Künstlichkeit, Gier und Korruption“ nach Bali. Ihre ersten Jahre auf der Insel der Götter verbrachte Muriel Pearson in einem zentralbalinesischen Königreich. Hier wurde sie K'tut (das balinesische Wort für vier, Balinesen haben als Namensanhang eine Nummer, die angibt, als wievieltes Kind sie geboren wurden) Tantri. Sie behauptete, dort die traditionelle Kultur und die balinesische Sprache studiert, ja sogar das erste Wörterbuch der balinesischen Sprache verfasst zu haben. Sie wurde Mitglied des königlichen Hofs, wobei sie eine sexuelle Affäre mit einem Prinzen gehabt haben will. Doch ihre Schilderungen Balis waren ebenso verlogen wie all die andern jener zivilisationsmüden Aussteiger, die Bali als ein Paradies beschrieben, in dem alle unter der freundlichen Regentschaft diverser Könige in Harmonie lebten. Balis Geschichte ist eine lange Abfolge blutiger Auseinandersetzungen um Macht und Reichtum.

Schließlich um 1936 gründete sie - wie sie in ihrer Autobiographie behauptet - zusammen mit Bob Koke, einem ehemaligen Tennis-Profi und Film-Cutter aus Hollywood, der mit seiner Geliebten Louise Garret (Ex-Frau des Filmemachers Oliver Garret) nach Bali gekommen war, das erste Hotel am Strand von Kota, dem heutigen Touristenzentrum. In Louise Garrets Darstellung "Our Hotel in Bali" allerdings fungierte K'tut Tantri nur als Übersetzerin und Touristenführerin. Dafür bauten ihr die Kokes einen Bungalow gegenüber. Nach Streitereien trennten sich die beiden Parteien, und K'tut Tantri eröffnete in ihrem Bungalow in Konkurrenz zu den Kokes ein Hotel Manx „Rooms-Bungalow on Koeta Beach, Bali“. Zumindest unter den Weißen schien sie zunehmend unpopulärer. Der holländische Filmemacher Hans van Praag verachtete die „kleine, häßliche, manipulative, gerissene Hexe“. Doch andererseits bekämpfte sie die damals von den Holländern betriebene Hexenjagd auf Homosexuelle und setzte sich vehement für den deutschen Künstler und Musiktheoretiker Walter Spies ein, der seiner Homosexualität wegen sogar verhaftet wurde. 1939 galt ihr Hotel als Fluchtstätte für aristokratische Homosexuelle.

Kollaborateurin, Gefangene und comfort woman

Mit dem Vordringen der japanischen Streitkräfte verschwanden die Europäer und Amerikaner aus Bali. Die Kokes fuhren Anfang 1942 ab, Walter Spies wurde auf Sumatra interniert. Er ertrank, als das Schiff, mit dem er nach Ceylon deportiert werden sollte, nach einem Torpedotreffer sank. Nur K'tut Tantri blieb. Im März 1942 erreichten die Japaner schließlich Bali. Damit endete K'tut Tantris utopischer Traum von ihrem paradiesischen Kuta-Strandhotel.

Sie landete in Surabaya, wo sie offenbar für die Japaner tätig war, eine Beschäftigung, die sie als Tarnung für ihre Arbeit im Widerstand beschrieb. In ihrer Autobiographie berichtete sie von einem japanischen Freund. Etliche weiße Frauen in Indonesien verfielen auf diesen Trick, um so dem Schicksal der sogenannten „comfort women“ (Zwangsprostituierte) zu entgehen. Doch nicht einmal ihre Existenz als "freie Freundin eines Japaners" und vermutlich auch als zeitweilige Radiopropagandistin für die Japaner bewahrte sie vor Inhaftierung, Folter und Massenvergewaltigung.

Nach dem Krieg und Erlangung der Unabhängigkeit wurde Surabaya Sue die Vertraute zahlreicher Führer der indonesischen Revolution. Sie reiste nach Australien, wo sie mit der Gewerkschaftsbewegung und australischen Sympathisanten für die Sache der Unabhängigkeitskämpfer arbeitete.

Ihre letzten Jahre brachte sie in einem Altenheim in Sydney zu, wo sie am 27. Juli 1997 starb.

Quellen:

  • Louise G. Koke, “Our hotel in Bali - how two young Americans made a dream come true : a story of the 1930s”, January Books, Wellington NZ, 1987
  • K’tut Tantri, “Revolt in Paradise”, Harper & Brothers, New York, 1960 (kostenlos online zu lesen: http://www.archive.org/stream/revoltinparadise000219mbp#page/n7/mode/2up)
  • Timothy Lindsey, “The Romance of K'tut Tantri and Indonesia”, Kuala Lumpur, Oxford University Press, 1997
  • Armin Wertz, „Sie sind viele, sie sind eins. Eine Einführung in die Geschichte Indonesiens“, Glaré Verlag, Frankfurt, 2009

Armin Wertz - Nach Abschluss des Volkswirtschaftsstudiums Nachrichtenredakteur 1980 - 1990 Korrespondent in Mexiko, Mittelamerika & Karibik 1991 - ...

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