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Susan Cain – Still

Buchcover Susan Cain - Still - Riemann Verlag
Buchcover Susan Cain - Still - Riemann Verlag
Introvertiertheit gilt als Makel in unserer extrovertierten Welt. Susan Cain zeigt, welche Qualitäten die Stillen besitzen und wie sie sie entfalten können.

Wer in der westlichen Welt Erfolg haben will, muss sich selbst darstellen und gut verkaufen können. Er muss laut, schnell, gesellig und unterhaltsam, kurz: extravertiert sein. Aber beinah die Hälfte aller Menschen ist introvertiert. Wie kommt es, dass ihre Qualitäten, zum Beispiel Zurückhaltung, Ruhe und Beharrlichkeit, nicht geschätzt werden, ja sogar als Makel gelten? Susan Cain, selbst eine Introvertierte, hat in ihrem Heimatland USA nach Antworten gesucht. Sie hat mit Persönlichkeitsforschern gesprochen, an Selbsthilfeseminaren teilgenommen, Karriereschmieden besucht und sich in ihrem Bekanntenkreis nach Erfolgsgeschichten von Introvertierten umgesehen.

Still: Von der Charakterkultur zur Persönlichkeitskultur

Die USA ist eine der extravertiertesten Gesellschaften der Welt. Aber sie war es nicht immer. Susan Cain untersucht in ersten Teil von „Still“, wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal aufstieg. Bis ins 19 Jahrhundert zählten Disziplin, Bescheidenheit, Ehrlichkeit als Tugenden, die soziale Anerkennung brachten. Sie auszustellen, galt als unschicklich. Mit der Industrialisierung und Verstädterung wurden Außenwahrnehmung und Selbstdarstellung wichtig. Die Charakterkultur wurde von der Persönlichkeitskultur abgelöst. In Schule, Arbeit und Freizeit herrscht der Zwang zur Gruppe – es gibt Teamwork, Großraumbüros, Geselligkeitszwang. Wer das nicht mag oder kann, hat schlechtere Chancen.

Still: das angeborene Temperament bestimmt die Persönlichkeitsentwicklung

Im zweiten Teil geht Susan Cain auf die Ergebnisse der Forschung ein. Gehirnforscher und Psychologen beweisen, dass das Temperament eines Menschen angeboren ist. Introvertierte reagieren schon als Baby anders auf Reize, sind hochreaktiv, weniger impulsiv und mehr auf ihr Innenleben und Außenbeobachtung konzentriert. Auf dem Temperament baut sich die Persönlichkeit auf. Wer introvertiert ist, lernt und arbeitet anders. Wird das nicht berücksichtigt und gefördert, entsteht das persönliche Gefühl von Versagen. Der Minderwertigkeitskomplex wurde in der neuen, extrovertierten Gesellschaft der 20er „erfunden“, in den 90ern wurde jedem Fünften eine soziale Angststörung diagnostiziert. In den 60ern setzt man auf Beruhigungsmittel, seit den 80ern versprechen Selbsthilfegruppen eine Lösung.

Still: Erfüllt leben in einer extravertierten Welt ist für Introvertierte möglich

Wie können Introvertierte in einer extravertierten Welt persönliche Zufriedenheit und beruflichen Erfolg erlangen? Susan Cain bringt im dritten Teil praktische Ratschläge. Sie erzählt von Menschen, die beruflich erfolgreich sind, weil sie sich eine extravertierte Scheinpersönlichkeit zugelegt haben. Sie schreibt, worauf Introvertierte achten sollen, um erfüllt leben zu können. Sie gibt Tipps, wie Extra- und Introvertierte Partner trotz aller Unterschiede miteinander auskommen können. Und sie sagt, worauf man bei der Erziehung introvertierter Kinder achten sollte, um sie zu fördern statt zu überfordern.

Still: leidenschaftliches Plädoyer und nützlicher Ratgeber

Susan Cains „Still“ ist ein längst fälliges Plädoyer für die „andere“ Hälfte der Menschheit. Ohne Introvertierte sähe unsere Gesellschaft anders aus. Sie sähe vielleicht besser aus, wenn introvertierte Qualitäten mehr geschätzt und gefördert würden. Susan Cain ermutigt die Introvertierten, sich nicht zu verbiegen und appelliert an die Extrovertierten, Toleranz und Verständnis zu zeigen.

Susan Cain. Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt. Riemann Verlag. Mai 2011. Gebunden. 448 S. 19.95 €

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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