
- Familie - Wilhelmine Wulff / www.pixelio.de
Lily ist die 16-jährige Tochter von Marika. Marika ist eines von Joschis fünf Kindern mit fünf verschiedenen Frauen. Joschi, gebürtig Jószef Molnár, ungarischer Staatsbürger, war Zwangsarbeiter in Buchenwald und hinterließ seinen Ex-Frauen und Kindern nach seinem Tod ein wirres Gestrick von Familienhälften, haarsträubenden Geschichten und ganz unterschiedlichen Vaterbildern.
Familienzusammenführung der anderen Art
Die drei überlebenden Kinder, Hannah, Gabor und Marika, die sich zwar untereinander kennen, jedoch seit 30 Jahren keinen Kontakt halten, treffen sich um Joschis 100. Geburtstag zu feiern. Allen voran Lily, die sich in der Schule für ein freiwilliges Referat über Buchenwald gemeldet hat, um mehr über ihre eigene Familiengeschichte zu erfahren. Das Quartett findet sich pünktlich zum Geburtstag ihres Vaters bzw. Großvaters in Weimar zusammen, um die Gedenkstätte Buchenwald aufzusuchen und des verstorbenen Joschis zu gedenken. Zumal sich diese Gelegenheit ja perfekt zur Familienzusammenführung nutzen lässt.
Märchenstunde und Vaterbilder
Aus der Zusammenkunft bahnt sich langsam aber sicher Verständnis und Mitgefühl füreinander an. Einer nach dem anderen erzählt aus seiner Kindheit und Jugend, denn alle drei haben unterschiedliche Mütter und andere Vorstellungen von Erziehung genossen. Während Hannah bereits als kleines Kind sämtliche KZ-Lager auswendig lernen musste, um sich mit ihren jüdischen Wurzeln zu identifizieren, hatte ihr Halbbruder Gabor einen strengen Ersatz-Vater und Marika lernte eigentlich als einzige überhaupt Joschi als richtigen Vater kennen. Im Laufe der Gespräche tauchen die gleichen Fragen immer wieder auf: ob Joschi wirklich jüdischer Herkunft war, wann er inhaftiert wurde und ob sein Ruf in der Familie als "Märchenerzähler" eigentlich seine Berechtigung hat, denn die Wahrheit vieler Geschichten lässt sich nicht mehr überprüfen.
Kreislauf der Geschichte
Ansatzweise wiederholt sich die tragische Familiengeschichte nun mit Joschis einziger Enkelin Lily, die zwar einen Vater hat und diesen auch kennt, der jedoch mit seiner neuen Frau und Lilys Halbbruder sein zweites Glück gefunden hat.
Dramatische Untertöne und herzerwärmende Lachsalven
Die zunächst amüsant erscheinende Geschichte birgt einen tragischen Kern: Letztendlich findet die Familienversammlung zur Geburtstagsfeier auf dem ehemaligen KZ-Gelände statt, zu Ehren von Joschi und zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Beschwingt und tragisch zugleich führt die Protagonistin Lily, aus deren narrativer Perspektive die Geschichte erzählt wird, durch das Dickicht der Familiengeheimnisse. Aus Sicht eines heranwachsenden Teenagers erscheint manches naiv, es bietet jedoch eine ideale neutrale Erzählperspektive, die es zugleich ermöglicht, detailliert über die beteiligten Charaktere zu berichten und den Handlungen einen eigenen Anstoß zu geben. So entsteht ein wunderbares Familienporträt, eingebettet in den deutsch-jüdischen Kontext und die Erben der zweiten Generation.
Die Autorin
Susann Pásztor wurde 1957 geboren und arbeitete zunächst als Illustratorin für Kinderbücher, bevor sie das Schreiben für sich entdeckte. Sie ist als freie Journalistin, Übersetzerin und Autorin tätig.
Susann Pásztor "Ein fabelhafter Lügner". Roman. Kiepenheuer & Witsch, 2. Auflage, Köln 2011, 208 Seiten, 7,99€
