
- Sven Regeners Debütroman - Herr Lehmann - Goldmann Verlag
Seine Freunde nennen ihn Herr Lehmann. Denn Herr Lehmann hat etwas von einem Herrn. Und doch ist er so herrlich simpel. Er pflegt einen nüchternen Blick auf die Welt und vor allem auf sein Leben. In diesem passiert eigentlich nichts Nennenswertes. Dennoch schrieb Sven Regener seinen gleichnamigen Erstlingsroman, „Herr Lehmann“ (2002), über den „Langweiler“, der im Kreuzberg im Jahr der Wende, die dieses Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum feierte, zu Hause ist.
Eigenwillige Charaktere und die Wende
Inhaltlich beschreibt Herr Lehmann den '89er Sommer in West-Berlin bis zur Öffnung der Mauer am 9. November 1989 aus Lehmanns Sicht. Herr Lehmann, mit Vornamen eigentlich Frank, ist gelernter Sepditionskaufmann und stammt eigentlich aus Bremen. Seit neun Jahren arbeitet er nun aber am Tresen in den Kneipen seines Chefs Erwin, einen eigenwilligen Schwaben. Eigenwillig sind aber eigentlich sämtliche Figuren. Egal ob sein uriger bester Freund Karl, ein verkappter Künstler, seine Liebe, die große hübsche Köchin Karin, Lehmanns Stammgast „Kristall-Rainer“ oder seine ihn aus Bremen besuchenden Eltern. Der Roman lebt von seinen Charakteren.
Regener – Ein Dialog-Freak tobt sich aus
Dabei findet sich der Leser immer wieder in den skurrilsten Dialogen eben dieser Romanfiguren. Regener, der von sich selber behauptet ein „Dialog-Freak“ zu sein, versteht es besonders über Dreiecks-Konstellationen ambivalente Dialoge mit pointenreichem Witz zu bepflanzen. Dieser steigert sich in den langen Kreuzberger Kneipennächten von Lehmann und seiner Crew bis zur völligen Absurdität – in der Tat, der Dialog-Freak Regener tobt sich hier aus. Wer da nach einem Sinn fragt, wähnt sich in manchen Kneipengesprächen auf dem falschen Dampfer. Denn Sinn und Lebensinhalt, das sind Worte, die nach Frank Lehmann gut überlegt sein sollten.
Hass auf Lebensinhalt
Das sind aber auch Worte, mit denen er zunehmend konfrontiert wird. Denn Herr Lehmann steht kurz vor seinem 30. Geburtstag (Daher rührt auch der einstige und sich mittlerweile verselbständigte Running-Gag seiner Freunde ihn Herr Lehmann zu nennen). Tatsächlich muss er sich scheinbar immer wieder für seinen Lebensinhalt – das Wort, das Lehmann regelrecht verabscheut – als Kneipenpersonal rechtfertigen. Doch der Autor steht seiner erschaffenden Kultfigur bei und lässt sie wacker gegen alle Vorwürfe und Zweifel an ihrer Rolle im Leben kämpfen. Ausgerechnet mit der bevorstehenden Wiedervereinigung an seinem 30. Geburtstag entschließt sich Herr Lehmann, inzwischen von seiner Freundin Karin gegen Kristall-Rainer ausgetauscht, seinem Leben ebenfalls eine Wende zu geben.
Verschrobene Alltagsgeschichten in Kreuzberg
Regener mutet dem Leser sich windende und verworrene Schachtelsätze zu. Wortwitz und Situationskomik der Szenen fangen dies aber locker auf und verwandeln Herr Lehmann in eine Ansammlung kleiner wunderlich, verschrobener Alltagsgeschichten. In diesen ist der antriebslose Frank Lehmann, trotz mangelndem Ehrgeiz und Lebenssinn, der Anker für seine Freunde und Bekannte im Biotop des 1980er Jahre Kreuzbergs. Chronologisch ist Herr Lehmann der letzte Teil der Lehmann-Trilogie, die durch „Neue Vahr Süd“ (2004) und „Der Kleine Bruder“ (2008) komplettiert werden. Mit seinem Debüt-Roman setzte Regener einen fundamentalen Grundstein für die ordinären Schwierigkeiten des Herrn Lehmann.
Sven Regener: Herr Lehmann. Goldmann 2005, Broschur, 288 Seiten, 10 Euro.
