
- Sven Regener: Neue Vahr Süd - Eichborn
Mit seinem Erstlingswerk "Herr Lehmann" bewies Sven Regener, Frontmann der deutschen Rockgruppe Element of Crime, dass er durchaus in der Lage ist, auch abseits seiner Songtexte literarisch wirksam zu sein. Sein zweiter Roman "Neue Vahr Süd" wurde mit ebenso viel Aufmerksamkeit und Lob bedacht wie "Herr Lehmann".
Der Roman erzählt die Geschichte des bereits besagten Frank Lehmann – allerdings neun Jahre zuvor. Somit stellt "Neue Vahr Süd" zwar den zweiten Roman Regeners dar, ist chronologisch aber als erster Teil der Trilogie "Neue Vahr Süd" (2004), "Der Kleine Bruder" (2008) und "Herr Lehmann" (2002) angesiedelt.
Zwei Welten im Leben des Frank Lehmann
Die Geschichte des 20-jährigen Speditionskaufmanns Frank Lehmann knüpft Regener aus zwei gegensätzlichen Welten scheinbar ad hoc zusammen. Lehmann, manch einer würde ihn wohl Schlaffi nennen, hat es schlicht und einfach verpennt, seinen Wehrdienst zu verweigern. Während er unter der Woche bei der Grundausbildung der Bundeswehr in der Dorf-Kaserne Dörverden / Barme weilt, lebt er am Wochenende in einer chaotischen WG von Freunden, die für die linke Weltrevolution kämpfen, im bunt-alternativen Steintorviertel in Bremen. Das erste mal auf eigenem Fuß, stellen sich dem antriebsschwachen Lehmann sämtliche Absurditäten des Bundeswehrlebens auf der einen Seite und die Suche nach seinem Platz im Leben auf der anderen.
Von einem Schlamassel in den nächsten
Frank Lehmann, der im Plattenneubauviertel Neue Vahr Süd in Bremen aufgewachsen ist, verkörpert die etwas andere Hauptfigur. Kein Überflieger und doch kein Dummkopf. Kein Ladykiller und doch für das weibliche Geschlecht interessant genug, ihn in Schwulitäten mit eifersüchtigen Freunden zu bringen. So stolpert Lehmann durch den Plot und von einem Schlammassel in den nächsten. Er trifft Sybille, die aber von seinem vermeintlich besten Freund umworben wird. Der landet nicht bei der klugen Germanistik-Studentin. Stattdessen aber Lehmann. So befindet sich Lehmann immer mitten in einem Knäuel von skurrilen Personenkonstellationen und misslichen Umstandssituationen, die das Leben für einen Twen im Jahre 1980 parat hält.
Ein Jedermann als Hauptfigur
Lehmann ist ein Jedermann. Was Frankie (wie er von seinen Freunden genannt wird) erlebt, scheint oftmals nicht sonderlich spektakulär – und gerade das ist das Interessante an ihm. Er hat eine Geschichte, die viele Leute nachvollziehen können und die sie anspricht. Vielleicht ist dies auch einer der Gründe, warum Leser sich mit Regeners Anti-Helden und seinen Alltagsschlamasseln identifizieren können. Jeder von uns steckte bereits in ähnlichen Dilemmata. Der Eigenbrödler Lehmann hat eigentlich nichts Tolles geleistet und doch weiß er zu faszinieren. Regener skizziert akribisch sämtliche Feinheiten und Schichten des Charakters Lehmann, die sein ungeordnetes Leben vor dem Hintergrund Bremens immer wieder nach oben spült.
Alltagsabsurditäten in "Neue Vahr Süd"
Der Roman ist voll von solch detailliert gezeichneten Charakteren, ausgefeilten Handlungssträngen und absurd-komischen Dialogen, die über die zwei verschiedenen Welten (Bundeswehr und Steintorviertel) in Lehmanns Leben aufeinander treffen. Regener gab selber dabei zu, die Schwierigkeit, zwei scheinbar unabhängige Plots innerhalb eines Romans zusammenzuführen, unterschätzt zu haben. Daher verwundert es nicht, dass der Autor die Vorgeschichte zum Kleinen Bruder und Herr Lehmann auf stolzen 632 Seiten beschreibt.
Trotz dieses – auf dem ersten Blick aber nur – hemmenden Leseumfangs bleibt die Story kurzweilig und schwächelt nur gelegentlich mit kleinen Hängern. Viel öfter ertappt man sich beim Lesen, dass man kopfnickend eigenwillige Alltagssituationen nur zu gut wieder erkennt. Denn: „So schön hat noch keiner über die Absurditäten in diesem Leben geschrieben.“ (Elke Heidenreich)
Für alle Bremer und Kundigen der Hansestadt ist der Roman zudem oftmals auch ein herrlich lokal-patriotischer literarischer Spaziergang, wenn man Lehmanns Pfaden folgt.
Sven Regener: Neue Vahr Süd. Goldmann 2006. Broschur, 632 Seiten. Euro 9,95.
