In einem Land, wo sich weder gleichgeschlechtliche Liebe noch nichteheliche Lebensgemeinschaft durchgesetzt haben, ist Partnertausch noch ein Tabu-Thema. Die Rede ist von Italien. Dem Land, in dem sich der Vatikan befindet und der hierzulande vielleicht auch den größten Einfluss auf die Gesellschaft hat. Und dennoch gibt es auch hier kleine Privathäuser, so genannte Privat-Clubs, wo sich Pärchen zum Partnertausch treffen.

Die Tolerantesten sind die Prüdesten

Für Silvia und Bernardo gehört Partnertausch zum Alltag. Seit mehr als sechs Jahren schon besuchen sie Privat-Clubs, Diskos und Schwimmbäder, die auf Swingen spezialisiert sind. Silvia ist 35 Jahre alt, ihr Ehemann Bernardo ist 38 Jahre alt. Beide arbeiten als Angestellte in einer großen Firma und wohnen in Rom. Ein ganz normales Pärchen eben, mit dem Unterschied, dass sie swingen. Geoutet haben sich die beiden nur im engsten Freundeskreis und das hat zu unterschiedlichen Reaktionen geführt. "Die Leute, die ich für tolerant gehalten habe, haben erst einmal sehr interessiert getan, um mir dann am Ende zu sagen, dass etwas in unserer Partnerschaft nicht stimme. Ansonsten würden wir nicht Partner tauschen müssen", erklärt Silvia. Dabei sei alles in Ordnung zwischen ihnen, fügt die 35-jährige hinzu. Manchmal allerdings habe sie es satt, sich ständig verstellen zu müssen, da Swingen in Italien noch ein Tabu-Thema ist. "Viele denken bei Swingen an hemmungslose Orgien, dabei ist das Annähern an das andere Paar sehr wichtig", erklärt Bernardo. "Wenn man sich dann mit einem Pärchen endlich gut versteht, kann man zum nächsten Schritt übergehen." Außer Privat-Clubs besuchen Silvia und Bernardo auch Nudisten-Clubs und -Strände. Da sei die Atrmosphäre noch sehr ungezwungen, so Bernardo.

Partnertausch im Urlaub

Silvia und Bernardo sind dieses Jahr in einen Nudisten-Club in die Toskana gefahren. Dort haben sie viele Gleichgesinnte getroffen. Viele von ihnen schwärmten von Frankreich und Deutschland. In der Tat gehört gemeinsamer Swinger-Urlaub mittlerweile zu den Trends unter den Swingern in Italien. Laut einem Beitrag der italienischen Tageszeitung "La Repubblica" werden auf dem größten und bekanntesten Anzeigenportal "www.annunci69.it" zur Zeit viele Partnerurlaube angeboten. Da schlägt eine 42-jährige Dame aus Rom Gleichgesinnten vor, sich gemeinsam mit ihrem Mann in Tunesien zu treffen. Oder Miki und Lucy aus Kalabrien: Sie suchen noch ein Pärchen, das ihre Ferienwohnung auf Formentera mit ihnen teilt. "Es ist eine nette Art, den Urlaub nicht in den üblichen Nudisten-Clubs zu verbringen", erklärt Bernardo. "Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen, vor allem wenn man sich nicht vorher kennen gelernt hat." Wichtig dabei sei, dass beiden Partnern das andere Pärchen gefällt. Denn ein "Nein" ist auch unter Swingern bekannt und auch akzeptiert. "Alles kann, nichts muss!", so eine der Hauptregeln eines Swingerclubs in Graz. Und er ist nicht die Ausnahme: "Ein "Nein" sollte unbedingt akzeptiert werden" heisst es in einem anderen Club. Freie Liebe also, ohne Zwang. Doch ganz so einfach ist es manchmal nicht.

Über die Eifersucht

Für Giancarlo und Susy, ein Pärchen aus dem norditalienischen Bergamo, war das nie ein Problem. "Es gibt sie nicht, wir trauen einander. Wir können uns aufeinander verlassen. Der Partnertausch ist nur Sex, unsere Beziehung ist weder monoton, noch sind wir den anderen überdrüssig." Silvia und Bernardo schliessen sich der Meinung an. Der Mythos vom Swinger, der seine Liebe und Sexleben erfrischen muss, ist also Humbug? "Auf jeden Fall", pflichtet Silvia bei. Ganz im Gegenteil: Falls die Partnerschaft nicht stabil sei, ginge sie auseinander. Es ist kein Spiel, bei dem man die Eifersucht des Partners entfachen muss, damit wieder die alte Leidenschaft füreinander entflammt. Laut den beiden "La Rpubblica"-Autoren, die undercover im Swinger-Ambiente nachgeforscht haben, leben viele Pärchen in einer funktionierenden Partnerschaft. Der typische Swinger ist kultiviert und gut situiert. Das Durchschnittsalter bei den Damen ist 35 Jahre, bei den Herren 43 Jahre. Das Sprachrohr waren die Zeitungsannouncen, jetzt ist es das Internet. Die Clubs sind auch deshalb sehr beliebt, da sie sehr esklusiv sind. Weder in Italien noch in Deutschland sind Prostituierte zugelassen, nur Pärchen, die eventuell einen weiteren Mann oder eine weitere Frau mitbringen dürfen. "Sollte dennoch ein/e Unverbesserlicher/Unverbesserliche die Brieftasche ins Spiel bringen, hat er/sie bei uns nichts verloren, denn dafür gibt es Bordelle" - so eine der Regeln in vielen Clubs.