
- Sylvia Stuckmann: Pestmarie - Fischer Verlage
Die Pest wütet im Land. Zwei Brüder stolpern durch die Dämmerung und gehen in die Höfe der Umgebung, um der Stadt Rückmeldung zu geben, welche davon neue Pächter brauchen. So wie in diesem letzten Haus, auf dessen Dach auch schon eine Pestfahne weht. Der zögerliche zehnjährige Jakob entdeckt dort in dem düsteren Haus eine vermeintliche Katze, während sein älterer Bruder Hans die Leichname der restlichen Familie mit einem Tuch abdeckt. Doch beim näheren Nachschauen stellt sich heraus, dass es ein Kind ist, eine Überlebende der Pest. Und noch schlimmer, das kleine Pestmädchen hat rote Haare, grüne Augen und Sommersprossen – Zeichen des Teufels. Jakob, der sich immer eine kleine Schwester gewünscht hat, ist von dem kleinen Wesen gleich angetan. Er verliert nie den Kontakt zu ihr, nimmt sogar eine Stellung beim Zimmermann Lukas ein, der das Mündel aufnimmt. Eine große Liebe beginnt.
Eine liebenswerte und eigenwillige Marie zieht den Leser in den Bann
Marie Armbruster wohnt als Mündel bei ihrem Onkel und ihrer Tante und auf den ersten Blick scheint alles sehr idyllisch und harmonisch. Sie hat genug zu essen, wird freundlich behandelt und hat ihren Platz in der Familie gefunden. Was Marie als störend empfindet, sind die Gespräche über ihrer widerspenstigen Haare und ihre Zukunft. Die vierzehnjährige Marie interessiert sich noch gar nicht für die Ehe, auch wenn es schon einen Anwärter, eben den Zimmermann Lukas, gibt. Doch die Zeiten sind schlecht. Die Pest geht um und mit ihr die Angst. So hat die „Pestmarie“, ein Kind das von der Pest verschont wurde, keinen guten Ruf in den Gassen von Rottweil. Als ein Junge an der Pest erkrankt, mit dem Marie beim letzten Einkauf zu tun hatte, erhärtet sich das Gerücht, dass sie „mit dem Teufel im Bunde“ ist. Sie musst aus Rottweil fort und fühlt sich doch noch nicht so weit, mit Jakob zusammen fortzugehen. Als die Marketenderin Gertrud Wyss ihr das Angebot macht, sie bei sich in Lohn zu nehmen, beschließt sie, dieser Frau zu folgen. Bei diese starken Frau mitten im Heer von Soldaten meint Marie ausreichend geschützt zu sein.
Marie geht mit der Marketenderin fort und fährt im Tross mit
Das erste Mal ist Marie hier auf sich allein gestellt und nicht nur den Launen Gertruds ausgesetzt, sie hat harte körperliche Arbeit zu leisten. Dazu befürchtet sie, dass Gertrud sie doch eines Tages gegen bare Münze verkuppeln will. Und Marie fühlt sich ständig beobachtet. Nur gut, dass sie den Pikenier Max kennenlernt, der ihr neuer Vertrauter wird. Getrud sieht dies allerdings gar nicht gerne und macht den Beiden enorme Schwierigkeiten und beschuldigt Max sogar eines nicht begangenen Verbrechens. So bleibt den beiden nur die Flucht aus dem Tross.
Marie und Max erleben viele Gefahren und Abenteuer und werden Pestknechte
Und hier zeigt sich, wie schwer es in dieser Zeit war (die Geschichte beginnt 1512 in Rottweil), sich zu zweit und ohne Beruf durchzuschlagen. Gefahren, Hunger und Krankheiten warten auf die Fahnenflüchtigen und sie dürfen ohne Berechtigung nach Anbruch der Dunkelheit keine Stadt betreten, um deren Schutz zu genießen. Durch Zufall kommen sie auch wieder in ein Pesthaus und Max beschließt – gegen die Bedenken von Marie – Pestknecht zu werden. „Die Toten müssen begraben werden, und in ihren Schränken und Truhen liegen warme Kleider und silberne Teller und was weiß ich nicht noch für Schätze, die denjenigen belohnen, der sie dem Amman bringt.“ Marie willigt schließlich trotz der Angst um Max, der die Pest bekommen könnte, ein.
Marie ist wieder auf sich alleine gestellt und findet doch ihr Glück
Und tatsächlich, eines Tages ist Marie wieder allein und voller Selbstzweifel, weil sie, die Pestmarie, nur allen Unglück und Krankheit bringt. Doch ihr Weg ist nicht zu Ende – sie lernt den Physikus und Arzt Magnus kennen und lernt viel von ihm. Und am Ende findet sie auch ihr ganz großes Glück – nachdem sie ihre eigenen Ängste und die Zweifel überwunden hat.
Ein flüssig geschriebener Historienroman, der auch von Erwachsenen gerne gelesen wird
Sylvie Stuckmann gelingt es mit dem Roman „Pestmarie“ die damalige Zeit lebendig werden zu lassen. Die starke und liebenswerte Marie schafft es, den Leser zu fesseln und sie gerne durch ihre zahlreichen Abenteuer zu begleiten. Das Buch wird vom Verlag für 12 – 15-jährige empfohlen, fesselt aber auch Erwachsene, wenn auch vorwiegend weibliche Leser. Denn es ist eine Liebesgeschichte, gewürzt mit vielen Abenteuern und der mittelalterlichen Atmosphäre. Aber es ist auch die Geschichte vom Erwachsenwerden eines jungen Mädchens. Die Personen des Romans sind für das Alter entsprechend harmlos angelegt und auch reale Gewalt lässt Sylvia Stuckmann nur sehr dosiert in das Buch einfließen. So manches Mal hätte man sich etwas mehr Wut und eine weniger brave Marie gewünscht – zum Beispiel als sie erfährt, wer ihr eine sehr beklemmende Bedrohung zugefügt hat. Aber der spannende Romanfluss und die immer neuen Wendungen, die interessanten Figuren wie Magnus oder auch Max, der für die heutige Zeit fast schon beeindruckend im Hier und Jetzt lebt, machen den Roman in jedem Fall sehr lesenswert.
Sylvia Stuckmann: Pestmarie, Fischer Verlag, 2011. 288 Seiten, Klappenbroschur. Euro 8,99.
