
- Laokoongruppe seitlich von rechts fotografiert - Vatikanische Museen - Foto: A.Treumann 25.10.2011
Der Priester Laokoon lebte vermutlich vor mehr als 3000 Jahren in der Stadt Troja. Namentlich wurde er erstmals von einem Schüler Homers erwähnt. Antike Legenden verwebten sich mit Trojas Zerstörung und der Gründung Roms zum Laokoon-Mythos. Durch seine intensive Ausdrucksstärke beeinflusste das 1506 wiederentdeckte Kunstwerk Kunst und Kultur ab dem 16. Jahrhundert weitreichend. Der Fund in Rom veranlasste auch die Gründung der Vatikanischen Museen. Viele Dichter und Denker ließen sich von diesem faszinierenden Werk der Antike inspirieren, das auf so beeindruckende Art den kalten Stein belebt. Die Laokoongruppe hält den emotionalen Moment des Kampfes und Schmerzempfindens vollendet ästhetisch geformt für die Ewigkeit gefangen. Sie zeigt meisterhafte Kunstfertigkeit sowie intensive Dramatik der im Augenblick gefangenen Bewegung.
Antike Legende über Laokoon und seine Söhne
Nach Erörterungen des antiken Autors Servius war Laokoon Priester des Apollon Thymbraios. Die Trojaner hätten ihren Priester des Gottes Neptun gesteinigt, da er ein Opfer versäumte und damit nicht die Ankunft der Griechen verhinderte. So fiel die Wahl per Los auf Laokoon, stellvertretend Neptun zu opfern. Laokoon soll jedoch das Keuschheitsgebot im Tempel übertreten und mit seiner Frau Antiope Kinder gezeugt haben. Folgend hätten die Trojaner ihn und seine Söhne mit dem Tod bestraft. Spätere Dichtung führte zur Legendenbildung über Laokoon, verknüpft mit der griechischen Eroberung Trojas und dem Trojanischen Pferd. So wird er zum weitsichtige Priester, der die Trojaner vor dem Pferd warnt. Da der Untergang Trojas jedoch göttlicher Beschluss war, wurde er von der Göttin Athena für seine Warnungen gestraft. Sie sendete ihm zwei Schlangen aus dem Meer, mit denen er und seine Söhne kämpften. Ein Moment dieses Kampfes wird von der antiken Skulpturengruppe dargestellt.
Laokoon und die Gründung Roms
Das Laokoon-Thema verwebte sich zu einem Gründungsmythos. Demnach hätten die Götter die Gründung einer Stadt beschlossen, die Weltgeschichte schreiben sollte. Das Motiv des Schlangenkampfes Laokoons und seiner Söhne wurde zum mythologischen Sinngefüge. Die Schlangen versinnbildlichten angreifende Griechen. Die beiden Söhne Laokoons verschmolzen symbolisch mit den zwei trojanischen Königsgeschlechtern, von denen nur ein Sohn die Zerstörung Trojas überlebte. So wie nun auch in der weiterentwickelten Legende ein Sohn des Laokoon überlebte. Der trojanische Königssohn Aeneas erfüllte den göttlichen Auftrag zu fliehen und an anderer Stelle eine Stadt zu gründen, die einst Rom sein würde. So erinnerte der Mythos die Römer an ihre Ursprünge. Laokoons Tod galt als Gründungsopfer Roms. Da er symbolisch Aeneas ermöglichte, Ahnherr des römischen Volkes zu werden.
Der Sensationsfund der Laokoongruppe
Schon bevor man die Skulpturengruppe fand, war sie als Meisterwerk der Antike durch Beschreibungen des antiken Autors Plinius bekannt. Der Fund des Weinbauern Felice de Fredis, der sie bei Grabungsarbeiten unweit des Kolosseums gut erhalten in einer unterirdischen Kammer fand, war eine Sensation. Die Wiederentdeckung erweckte Hoffnungen auf neue glanzvolle Zeiten Roms. So beginnt auch für die Vatikanischen Museen am Fundtag, dem 14. Januar 1506, die eigene Zeitrechnung. Im 16. Jahrhundert war Kunst gestaltender Faktor der Autorität. Der kunstsinnige Papst Julius II. handelte sofort und erwarb die Skulptur. Die Laokoon-Skulpturengruppe gilt als Gründungswerk von mittlerweile mehr als 50.000 bedeutsamen und einzigartig schönen Kunstwerken in den Vatikanischen Sammlungen. Bis zum heutigen Tag gilt die Marmorskulptur als Symbol der Antike. Wie kaum ein anderes Werk inspirierte es künstlerische Schaffensprozesse der Neuzeit durch die Dynamik der Bewegungen. Es beeinflusste Kunst und Kultur nachhaltig.
Die Rezeption der Laokoongruppe
Johann Joachim Winkelmann wertete 1756 das Werk als vollkommenes Meisterstück. Er betonte die edle Einfalt und stille Größe, welche im Ausdruck hervorgerufen werde. Der Schmerz, so beschrieb es der deutsche Kunstgelehrte und Archäologe, wäre in der Skulpturengruppe eindringlich erkennbar, so dass man ihn förmlich mitempfinden könne. Lessing hingegen beschrieb 1766 das Werk als sinnliche Darstellung schuldhaften Leidens. Er verwies auf die deutlich erkennbare Idealisierung körperlicher Schönheit in der Antike. Schiller interpretierte das Kunstwerk 1793 als erhabenes göttliches Strafgericht. Goethe gab 1798 seinen Eindruck vom Werk als eine Art fixierter Blitz wieder, der wie eine versteinerte Welle im Augenblick gefangen und in Marmor gebannt wäre. Betrachtern entstehe der Eindruck, dieser schmerzhafte Kampf gegen die fesselnden Schlangen könne sich jeden Moment fortsetzen. So sei es den antiken Künstlern gelungen, einen sinnlichen Moment in Stein festzuhalten.
Die Laokoongruppe im Museo Pio-Clementino
Die Marmorskulptur wurde vor etwa 2000 Jahren von den drei Bildhauern Hagesandros, Athanodoros und Polydoros aus Rhodos gefertigt. Man geht davon aus, dass es sich um die Kopie einer Bronzeskulptur handelt, die im Hippodrom von Konstantinopel stand. Das hellenistische Original wurde vermutlich in Pergamon um 140 v.Chr. erstellt. Man restaurierte das 184 cm hohe Werk nach seiner Wiederentdeckung ergänzend und veränderte so die ursprüngliche Dramaturgie nicht unwesentlich. Erst 400 Jahre später fand man den fehlenden angewinkelten Arm. Ergänzungen wurden entfernt und das originale Armteil Laokoon angesetzt. Dadurch wirkt die antike Skulpturengruppe in sich ruhender und noch eindringlicher im schmerzhaften Eindruck. Sie kann in einem halbrunden Raum der Vatikanischen Sammlungen im Museo Pio-Clementino besichtigt werden.
Literaturquellen:
Johann Joachim Winkelmann, Gedanken über die Nachahmung griechischer Werke in der Malerei und Bildhauerkunst (1756), Reclam 1995;
Johann Wolfgang Goethe, Über Laokoon (1798), Band 2, Philosophie, Berlin 1998, Digitale Bibliothek, S. 44655;
Gotthold Ephraim Lessing: Laokoon: oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie. Mit beyläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte; von Gotthold Ephraim Lessing. Erster Theil. Berlin, bey Christian Friedrich Voß. 1766;
Das verwirrendste Museum der Welt, 20.Januar 2007, Neue Züricher Zeitung online ;
Erinnerung und Raum, Friedhöfe und Museen in der Literatur, Anne-Katrin Hillebrand, 2001, Würzburg, Verlag Königshausen & Neumann, 260 Seiten, ISBN 3-8260-1947-4,
Bildquelle: Foto 1: Laokoon-Gruppe frontal fotografiert von cornerstone by pixelio.de,
Foto 2: Laokoon-Gruppe seitlich von rechts fotografiert am 25.10.2011 von A. Treumann
