Es passt einfach alles zusammen: der Raum, seine Akustik, das Instrument, die auf ihm gespielte Literatur – und natürlich der Interpret! Helmut Binder, gebürtiger Bregenzer und seines Zeichens Organist und Musiklehrer, bringt mit vorliegender CD „Symphonische Orgelmusik“ (Edition Lade EL CD 018) Werke von Sigfrid Karg-Elert zum Erklingen. Wer dessen Orgel-Oeuvre kennt, weiß dass dies nur äußerst selten möglich ist, weil Karg-Elert im Gegensatz etwa zu Max Reger sehr detaillierte Registrierungen vorschreibt, die koloristisch-orchestralem Denken entspringen. Die wenigsten unserer Orgeln eignen sich dazu! Eingespielt wurde die CD an der historischen Behmann-Orgel (1931) der Bregenzer Herz-Jesu-Kirche, wo Binder auch selbst als Kirchenmusiker tätig ist. Diese ist ein Instrument des Jugendstils, welches die spätromantisch-orchestralen Traditionen wahrt, zugleich aber Einflüsse der Orgelbewegung in Form etwa von höher liegenden Aliquoten beinhaltet.
Ausgewogenheit auf allen Ebenen
Der Reigen beginnt mit der Ersten Sinfonischen Kanzone op. 85 Nr. 1 – und ihrem schlichten Moll-Klarinettensolo, das sich jedoch alsbald in Tempo und Dynamik steigert zu einem ersten großen Höhepunkt mit dem B-A-C-H-Motiv. Eine Klarinettenreprise leitet sodann über zur Toccata, bevor im choralartigen Finale das - jetzt verdurte - Kanzonenthema kombiniert wird mit motorischen Toccata-Floskeln. Helmut Binder, Schüler von Peter Planyavsky und Preisträger bei internationalen Wettbewerben, registriert stets abwechslungsreich und der Architektonik des Werkes angemessen. Seine leidenschaftlichen, nie überzogenen Tempi sowie die ihm eigene subtile Artikulationsgabe bedeuten einen logisch-einfühlsamen Mitvollzug des agogischen roten Fadens.
Keckes Spiel, farbig registriert
Sigfrid Karg-Elert war stets allem Neuen aufgeschlossen. So hegte er nicht nur eine Leidenschaft für das Kunstharmonium, sondern auch für die Kino-Orgel mit ihren bis dato unerhörten Klangeffekten. So entstanden die Drei Stücke op. 142. "Ich hatte einen Tag auf einer märchenhaften Kino-Orgel gespielt… in diesem Taumel habe ich diese… Stücke geschrieben, die fabelhaft effektvoll klingen. Santa Cecilia vergebe mir meine Sünden...", so der Komponist selbst. Das erste Stück, „Stimmen der Nacht“ weist eine starke Affinität zum Impressionismus auf. In niemals verklebtem Legato erhält die flirrende, perlende Koloristik einen Zug ins Kecke und lädt ein zum Träumen – verbunden mit farbenfrohen Registrierungen. Die folgende „Valse Mignonne“ weist Karg-Elert als „Meister des Grotesken“ aus, der „als ironischer Kritiker der Zwanzigerjahre Blaue-Engel-Atmosphäre heraufbeschwört“. Der 47jährige Interpret bereitet auch hier dem schmunzelnd lauschenden Hörer einen wahren Ohrenschmaus. Nur der das Hauptthema tragende Mittelteil ist doch etwas zu manieristisch gehalten, dafür könnte der Schluss intensiver ausgespielt sein. Wohl eine Hommage an Johannes Brahms ist das letzte Werk dieser Trias mit dem Titel „Romantisch“. Es hat seine Wurzeln in Karg-Elerts Opus 101, den „Komponistenportraits“, in welchen er fast allen Kollegen aus alter und neuer Zeit ein klingendes Denkmal gesetzt hat. Anklänge an die Nummer 21 „Ritornello - alla Brahms“ sind jedenfalls unüberhörbar - und Binders Interpretation in jeder Hinsicht voll überzeugend.
Barockes in orchestralem Gewand
„Die Variationsform vorliegender Spezies will dem virtuosen, brillanten, pittoresken Spiel dienen. Deshalb mache der Spieler keine halbe Arbeit: er betrachte das hübsche Werklein als ein unterhaltsames farben- und spielfreudiges Virtuosenstücklein...“ Mit diesen Worten äußerte sich Sigfrid Karg-Elert über seine Bearbeitung der Variationen aus Händels Klaviersuite V (Zusatztitel: „Der harmonische Grobschmied“), und er hätte am Spieler Helmut Binder gewiss seine helle Freude. Nicht genug nämlich, dass er die reiche Registerpalette „seiner“ Orgel kurzweiligst ausschöpft, nein, auch artikulatorisch und agogisch erhält jede Variation einen neuen Charakter, technische Perfektion inklusive. Nur artikuliert er bisweilen etwas zu gerupft, was dem Vergnügen allerdings keinen Abbruch tut. Dies gilt ebenso für die folgenden Choralbearbeitungen, die bis auf eine den „Zwanzig Prä- und Postludien“ op. 78 entnommen sind. Dabei handelt es sich um beeindruckende Miniaturen mit meist verzierter Liedmelodie. Barocke Formen wie etwa Sarabande, Kanzone oder Fughette sind gekleidet in ein wunderbares romantisches Gewand. Die als Einzelausgabe erschienene Choral-Improvisation über „In dulci jubilo“ op. 75 Nr. 2 ist gar eine kleine Choralfantasie, in der das Thema zunächst eingebettet in glockenartig leere Quinten sowie darauf im Kanon zwischen Sopran und Tenor über einem Bordun-Orgelpunkt des Pedals erklingt. Eine ruhige Passage mit floskelartig verschleiertem Thema leitet schließlich in imposanter Steigerung zu einer brillant artikulierten und registrierten Schlusstoccata über.
Krönung des Ganzen: die Symphonische Großform
Abschließend Fantasie, Kanzone, Passacaglia und Fuge in c-Moll op. 85 Nr. 2. Es erinnert in Form und meisterlichen Verarbeitung an die Orgelmusik von Max Reger. Ein energischer Hauptgedanke mit beeindruckender Dichte an Modulationen und vorwärts stürmenden virtuosen Passagen wechselt sich ab mit sphärisch registrierten, verklärten Abschnitten. Dem schließt sich die Kanzone an als ein einprägsames Thema, das als Solostimme nacheinander im Sopran, Tenor und Bass erscheint, bevor es in akkordlicher Fortissimo-Dichte zitiert wird. Gerade im Pedal musiziert der Interpret außerordentlich weich und kantabel. Die Passacaglia beginnt im Pianissimo und erfährt unter fortwährender Verkleinerung der Notenwerte ein stetiges Crescendo. Bereits an deren Ende erklingt als Kombination das leichtfüßige Fugenthema. Nicht zuletzt dank Binders Registrier- und Artikulationskünsten gelangt die kurze Fuge zu einem pompösen Abschluss, im Zuge dessen nochmals das Passacaglienthema (im Verbund mit dem Fugenthema) aufscheint.
Einladendes Äußeres, wertvolle Zusatzinformationen
Abgerundet wird diese überaus gelungene Einspielung in bester Digital-Audio-Qualität durch das reichhaltige, dreisprachige Booklet (deutsch, englisch, französisch), welches ein ansprechendes Bild des Behmann‘schen Instrumentes ziert. Übrigens finden sich zahlreiche wertvolle Aufnahmen neben hilfreichen Informationen zum Instrument (einschließlich Disposition), Werken und Interpret. Auch von dieser Warte aus betrachtet verdient die Firma Lade hierfür höchstes Lob. Es ist also wahrlich eine lohnenswerte Investition, diese CD zu genießen, zumal es sich um Werke handelt, die nur sehr wenig zu hören sind. So sei dieser Einspielung gerade in Sigfrid Karg-Elerts 75. Todesjahr weitmögliche Verbreitung gewünscht!
