In der Sprachwissenschaft gibt es zwei Bereiche der Betrachtungsweise der Sprache, die auf unterschiedliche Art und Weise erforscht werden. Diese beiden Bereiche ergänzen sich zwar, aber ihr Ziel ist verschieden. Was ist der Unterschied zwischen der diachronischen und der synchronischen Betrachtungsweise der Sprache?
Synchronie und Diachronie sind in der Sprachwissenschaft nicht gleich wichtig für die aktive Nutzung der Sprache. Die synchronische Betrachtungsweise der Sprachen ist für den Laien interessanter, weil sie für die Sprecher, also die Menschen, die die Sprache nutzen, die Realität ist. Die synchronische Sprachwissenschaft beschreibt und untersucht den „Ist“-Zustand der Sprache. Trotzdem spielt die diachronische Betrachtungsweise der Sprache ebenfalls eine nicht unwichtige Rolle, da es gut ist, die Entstehung des gegenwärtigen Zustandes der Sprache zu kennen, um die richtigen Schlüsse daraus ziehen zu können. Dieser Teil ist Aufgabe der diachronischen Sprachwissenschaft.
Definition der synchronischen Betrachtung der Sprache
Bei der synchronischen Sprachwissenschaft gibt es nur einen Gesichtspunkt, welcher in die Betrachtung der Sprache mit einbezogen wird, und das ist der Sprecher. Es gilt also, Belege von Sprechern zu sammeln um Zeugnisse der Sprache zu haben und darum festzustellen, ob der Befund die Realität für die Gemeinschaft einer Sprechergruppe ist. Die synchronische Sprachwissenschaft umfasst ein unbegrenztes Gebiet in einer einzelnen Sprache, die nicht nur die Gleichzeitigkeit der Tatsachen, sondern auch die einzelnen Dialekte und Unterdialekte dieser Sprache mit einbezieht.
Diese Betrachtungsweise der Sprache beschäftigt sich also mit den logischen und psychologischen Verhältnissen, die zwischen den Sprechern, die eine Sprachgruppe bilden, bestehen und allgemein von dieser Gruppe akzeptiert werden.
Definition der diachronischen Sprachwissenschaft
Die diachronische Betrachtung der Sprache hat zwei Gesichtspunkte zu unterscheiden. Die Untersuchungen und Vergleiche gehören hier nicht einer einzelnen Sprache an, sondern es werden über verschiedene Sprachen hinweg verschiedene Vergleiche erstellt. Alles Diachronische ist nur aufgrund des Sprechens diachronisch und zwar aus dem Grunde, weil sich beim Sprechen die Sprache verändern kann. Zum Beispiel sagt man im Deutschen heute: ich war, wir waren, während man bis zum 16. Jahrhundert noch sagte: ich was, wir waren. Diese Ersetzung kommt von der aktiven Annäherung der Sprecher von waren zu war, die irgendwann von der ganzen Gemeinschaft angenommen und anerkannt wurde. Neue Sprechweisen treten erst dann ins Beobachtungsgebiet der Sprachwissenschaft, wenn sie von der Gemeinschaft aufgenommen worden sind.
Die diachronische Sprachwissenschaft untersucht die Beziehungen, die zwischen aufeinander folgenden Gliedern bestehen, die von der Sprechergemeinschaft so nicht wahrgenommen werden können, weil sie nicht gleichzeitig passieren und auch kein System miteinander bilden.
Quelle: Ferdinand de Saussure: Grundfragen der Allgemeinen Sprachwissenschaft. Verlag Gruyter - de Gruyter Studienbücher (2001).
