Systemisches Denken - Lösungen für Familien und andere Systeme

Lebendiges System - Dörthe Huth
Lebendiges System - Dörthe Huth
Die Systemische Therapie hat den Blick vom einzelnen Symptomträger auf das ganze System gelenkt. Über systemisches Denken, Symptomträger und Lösungsprozesse

Systemische Therapie und Familientherapie hat in den letzten Jahren den Blick vom Individuum auf das System gelenkt. Menschen und ihre Auffälligkeiten werden verstärkt im Kontext ihrer Lebensumstände, ihrer familiären Bindungen und ihrem Arbeitskontext wahrgenommen. Psychische Auffälligkeiten, Krankheiten und Konflikte werden vor diesem Hintergrund interpretiert und Lösungen für den Gesamtkontext erarbeitet. Der Begriff Familientherapie wird heute zunehmend durch den umfassenderen Begriff „Systemische Therapie“ oder „Systemische Familientherapie“ ersetzt. Darunter fällt nicht nur der Bereich der Psychotherapie sondern auch Gruppentherapie und Paarberatung. Aber auch in die Organisationsentwicklung und Coaching hat das systemische Denken schon längst erfolgreich Einzug gehalten.

Wegbereiter der Familientherapie und ihre zentralen Gedanken

Die Grundlagen des systemischen Denkens wurden in den fünfziger Jahren in den USA und in den sechziger Jahren in Europa entwickelt. Besonders in Deutschland und Italien bemühte man sich um die Entwicklung der Systemischen Therapie. Wegbereiter waren u.a. die US-Amerikaner Paul Watzlawick, Virginia Satir und Salvador Minuchin, in Deutschland Horst-Eberhard Richter und Helm Stierlin. Ein zentraler Gedanke der Begründer und Begründerinnen der systemischen Bewegung war, dass auffälliges, krankes oder "verrücktes" Verhalten nicht immer nur ein Ausdruck innerseelischer Konflikte ist, sondern auch eine Reaktion auf die Lebensbedingungen. Die Symptome, die jemand nach außen hin zeigt, sind Hinweise auf Störungen in der Entwicklung innerhalb eines Systems.

Virginia Satir versuchte hinter die Dynamik von Familiensystemen zu kommen, die dahinterliegende Problematik zu verstehen und die daraus folgenden Symptome in Beziehung zu setzen. Sie sah die Symptomatik einer Familie wie eine Warnlampe im Auto, die besagt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Funktioniert ein Teil nicht mehr, erfolgt dadurch eine Beeinträchtigung des ganzen Systems. Je nach Störung kann dies unterschiedliche Ausmaße annehmen, von leicht bis schwerwiegend. Konflikte sind demnach Ausdruck von Kommunikations- und Beziehungsstörungen innerhalb eines Systems.

Das Kind als Symptomträger der Eltern

Eltern übertragen ihre eigenen unbewältigten Konflikte und Schwierigkeiten nicht selten auf ihre Kinder. Dies geschieht nicht mit Absicht sondern sind beispielsweise ein Ausdruck, der eigenen unbewältigten Verarbeitung von Trennungserlebnissen, Konflikten mit der eigenen Herkunftsfamilie oder Ähnliches. Selbst wenn die Eltern ihre Probleme verheimlichen wollen, spüren Kinder doch intuitiv, dass etwas nicht in Ordnung ist. So tragen sie oft unbewusst die die Traurigkeit, die Wut oder die Enttäuschung der Eltern mit. Dazu kann es jedoch auch kommen, wenn Kinder die Situation ihrer Eltern falsch einschätzen. Kinder können auf solche Situationen unterschiedlich reagieren und verschiedene Symptome ausbilden. Angefangen vom schweigsamen Rückzug über aggressives Verhalten in der Schule oder Leistungsversagen bis hin zu Selbstverletzungen, Essstörungen oder anderen psychischen Auffälligkeiten. Die Systemische Therapie sieht das Kind als „Symptomträger“ des Familiensystems.

Gerade weil Kinder oft gefühlsmäßig spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist, ist es enorm wichtig, die Probleme offen zu besprechen und für jedes einzelne Familienmitglied einen Weg zu finden, mit der Situation gut umzugehen. Die systemische Therapie richtet ihr Augenmerk demnach besonders auf die Veränderung des Familiensystems, nicht nur auf die Veränderung des Symptomträgers.

Systemische Techniken in Beratung und Therapie

Systemische Therapeuten und Berater haben eine besondere Art der Gesprächsführung erlernt. Beispielsweise nutzen sie „zirkuläre Fragen“, um den Klienten in die Lage zu versetzen, eine andere Perspektive als die eigene einzunehmen. So wird es dem Klienten ermöglicht, die Einschätzungen über sich selbst und über andere Menschen zu hinterfragen, neue Interpretationsmöglichkeiten zu finden und die eigenen Handlungsmuster eventuell zu verändern. Auch das „Refraiming“, also ein Ereignis in einen neuen Rahmen, einen neuen Zusammenhang zu stellen und anders zu interpretieren als bisher, ist eine systemische Technik. Ähnlich dem Psychodrama und der Gestalttherapie wird die Skulpturarbeit genutzt, um Beziehung besser spürbar und erfahrbar zu machen. Allerdings hat die systemische Therapie begonnen, Skulpturen im familiären Zusammenhang zu stellen. Im Laufe der Zeit wurde das Familienstellen entwickelt.

Wie in anderen humanistischen Verfahren sehen Systemische Therapeuten und Berater sich selbst auch nicht als die Experten an, die dem Klienten eine Lösung vorgeben, sondern eher als Lösungsbegleiter. Durch den Dialog mit dem Klienten, einem Paar oder einer Familie leiten sie an die Stellen, an denen Unterstützung benötigt. Sie arbeiten die Ressourcen der Klienten heraus und bauen auf deren Bewältigungsfähigkeiten auf, als eine Art „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Systemisches Denken im Coaching und der Organisationsentwicklung.

Ausgehend vom therapeutischen Bereich wurden systemische Konzepte auch auf die Arbeitswelt übertragen. Sowohl im Coaching als auch in der Organisationsentwicklung hielt das systemische Denken Einzug. „Systemisch“ zu denken, heißt dabei, in Problem, einen Konflikt, eine Person oder ein ganzes System auf systemische Art und Weise zu betrachten. Die Lebensqualität von Menschen wird in Zusammenhang mit ihren Sozial- und Arbeitsbeziehungen betrachtet. Ein hoher Krankenstand beispielsweise weist auf einen Defekt im Organisationssystem hin, ebenso eine mangelnde Motivation der Mitarbeiter oder vermehrte Burnouterkrankungen. Dem Einzelnen ebenso wie dem System eröffnet das Systemische Coaching und die Organisationsentwicklung ebenso neue Handlungsspielräume, wie dem Einzelnen und der Familie. In der Interaktion mit dem Systemischen Therapeuten oder mit dem Systemischen Berater geht es darum, Motivation für Veränderung zu erzeugen, direkt und indirekt Beteiligte in Entscheidungsfindungen einubeziehen und gemeinsam Handlungsalternativen zu finden, die allen Beteiligten des Systems gerecht wird. Veränderung fällt nicht leicht und so können sich Veränderungsbestrebungen über längere Zeit hinziehen und natürlich auch mit Kompromissen einhergehen

Anpassung und Entwicklung in Systemen

Ein Unternehmen, eine Organisation und auch ein Staat funktioniert nach bestimmten Regeln. Arbeitnehmer und Staatsbürger müssen sich ebenso den Gegebenheiten und Anforderungen ihres Systems anpassen wie Familienmitglieder. In den rigideren Systemen müssen sich Menschen unterordnen, meist auf Kosten ihrer persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Die Anpassung wird über die Entwicklung des Einzelnen gestellt und Veränderungen werden nur schwer zugelassen. Ein systemischer Coach oder Organisationsberater kann dabei helfen, das System durchlässiger zu gestalten, Ängste vor Veränderungen abzubauen und so dem Einzelnen innerhalb des Systems mehr Möglichkeiten einzuräumen. Allerdings begrenzt jedes System sich selbst und auch ein Coach kann nur so weit hilfreich sein, wie das System es zulässt. Letztendlich besagt das Systemische Denken jedoch auch, dass wir alle die Wahl haben, uns ungeliebten Systemen zu beugen oder selbst die Handlungsintiative zu ergreifen. Jede kleinste Veränderung des Einzelnen innerhalb des Systems verändert auf Dauer das ganze System.

Literaturempfehlung:

Arist von Schlippe und Jochen Schweizer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Vandennoeck und Ruprecht, 2003.

Dörthe Huth, privat

Dörthe Huth - Als Autorin ranken sich meine Themen rund um Körper, Geist und Seele. In den folgenden Bereichen kenne ich mich besonders gut ...

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