Taekwondo und der Weg zu sich selbst – Eine Lebensbeschreibung

Christian Seidel – Gewinnen ohne zu kämpfen - Verlag Ludwig
Christian Seidel – Gewinnen ohne zu kämpfen - Verlag Ludwig
„Gewinnen, ohne zu kämpfen" von Christian Seidel ist ein sehr persönliches Buch: Wie er zu tiefen Einsichten gelangte mit Hilfe von Taekwondo.

Nein, das ist kein Buch übers Teakwondo. Es ist auch kein Buch darüber, wie man mit dem koreanischen Kampfsport zu mehr Gelassenheit gelangt: Es ist ein Buch darüber, dass der Autor Christian Seidel mit Hilfe von Taekwondo zu mehr Gelassenheit gelangt ist und zufriedener wurde. Dazu lässt uns Seidel, Jahrgang 1959, an seiner illustren Vita teilnehmen. Die liest sich in weiten Teilen spannend, sie lässt aber auch die Schwäche erkennen: Seidel ist kein Philosoph. Seine Einsichten sind keine Erkenntnisse. Was er spürt und ins Leben integriert, ist oft schon beschrieben worden, nun also von einem Autor in der Mitte des Lebens, dem von einem auf den anderen Moment klar wird: „Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss alles anders werden in deinem Leben!“

Christian Seidel – ein Leben auf der Überholspur

Seidel ist oder besser war ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, ein Medien-Desperado, wie ihn die Medienlandschaft nennt in ihrem Zwang, alles etikettieren zu müssen statt beschreiben zu wollen.

Auch Seidel ist Anfang des neuen Jahrtausends an einen Wendepunkt geraten. Herausgeschleudert worden aus einem Leben auf der Überholspur, das immer fader geworden ist, weil ein Höhepunkt den nächsten ablösen musste, um überhaupt noch erkennen zu können, dass er lebte. Auf der Fahrt an den Gardasee bricht sein Wagen bei Tempo 200 aus, der Freund stirbt, Seidel selbst zündet sich noch im Straßengraben eine Zigarre an. Eine surreale Szene, kaltschnäuzig fast wie vielleicht so manch anderes auch im Leben des Mittvierzigers. Seidel tritt ein in eine Erlebnisform, wie sie Menschen nur in extremen Situationen begegnen oder im Zustand tiefster Meditation: Das Karussell, es dreht sich in Zeitlupe. Zum ersten mal, so will es Seidel später erscheinen, sieht er einen Schmetterling – sieht ihn so, wie er wirklich ist. Von der Zeit danach handelt sein Buch „Gewinnen, ohne zu kämpfen“.

Im Zeitraffer: Seidel, das Schlitzohr, fasst in jeder Branche Fuß, in der es atemlos zugeht – äußerst erfolgreich, wie man konstatieren darf: Er wird Filmproduzent (sein Film über Diana gilt allenthalben als gelungen), „entdeckt“ Claudia Schiffer und strickt im Interview eine, wie man vermuten darf, Legende, dass der Erfolg der Schiffer nur ihm zu verdanken sei: Die Schiffer sei beim Casting noch zu klein gewesen, was er aber durch einen falschen Eintrag in die Unterlagen korrigiert habe. Arabella Kiesbauer hört auf ihn und André Heller. Seidel mischt mit im Immobiliengeschäft in Weißrussland, und er will einen Handel eröffnen mit kubanischen Zigarren. Rein äußerlich betrachtet, ein Leben, das nirgends Halt macht, nirgends Halt findet – und mit der Konsequenz eines Naturgeschehens in der Katastrophe mündet, eben dem Autounfall.

Gewinnen ohne zu kämpfen – Vorbild im Taekwondo

Der Rest ist schnell erzählt, auch wenn sich Seidel in seinem Buch „Gewinnen, ohne zu kämpfen“ viele Seiten Zeit einräumt: Alles soll, alles muss anders werden. Und im Teakwondo, dem jahrtausendealten Kampfsport, findet Seidel endlich die Stabilität, die ihm in seinem bisherigen Leben gefehlt hat.

Taekwondo ist eine von vielen Möglichkeiten, sich in der Gefahr verteidigen zu können. Zuallererst aber ist Taekwondo eine Schulung des Charakters. Ein die Aufmerksamkeit-Lenken auf sich selbst – etwas Hochaktuelles: die Achtsamkeit sich selbst gegenüber als Quell der Achtsamkeit dem Leben und anderen gegenüber. Seidel ist sporterfahren genug, um noch in seinem Alter mit dem Taekwondo zu beginnen. Seine erste Lektion: Das Innehalten bei der Verneigung. Von nun an richtet Seidel den Blick nach innen und beschreibt, was er dort findet und denkt.

Zwischendurch sprengselt er seine Erinnerung an einen prägenden Zweikampf im Sport (der im Taekwondo „Freikampf“ heißt als Gegensatz zum Training). Hier scheint dem Schriftsteller Seidel der Drehbuchautor Seidel die Feder geführt zu haben: In einer Art Parallelmontage kommt er immer wieder in „Gewinnen, ohne zu kämpfen“ auf seinen Kampf mit der Koreanerin Chy-Eun zurück. Das ist so geschickt wie offensichtlich: Man will natürlich wissen, wie der Kampf ausgeht – genauer: Welche Lehren Seidel daraus ziehen wird. Und zwischen die schweißtreibenden, von Selbstüberschätzung gekennzeichneten Attacken schiebt Seidel seine privaten Einsichten zur Lage der Menschen und der Menschheit. Und man fragt sich unwillkürlich, ob der Autor die behaupteten Lektionen wirklich gelernt hat, denn zu vermessen klingt oft, was er schreibt.

Gewinnen, ohne zu kämpfen – ein etwas zu flott formulierter Ausweg

Seidel verknüpft den Anspruch: „gewinnen, ohne zu kämpfen“ mit seiner Zuständigkeit fürs große Ganze. Relevant für jede Lebenslage sollen sie sein, seine Betrachtungen und sein Rat „lernt Taekwondo“ (der immer wieder unausgesprochen anklingt). Und der Leser folgt ihm gerne auf der Spur: Das Buch liest sich flott, aber es bleibt ein Nachgeschmack. Seidel ist privilegiert, zumindest in materieller Hinsicht. Das muss kein Nachteil sein, schon gar nicht ist das an dieser Stelle ein Vorwurf. Doch taucht während der Lektüre recht bald die Vermutung auf, dass hier einer die Farbe beschreibt, der blind ist für die Sorgen eines Hartz-IV-Empfängers. Für den Lebenskampf eines von den Umständen Benachteiligten, für, um ein Beispiel zu geben, den Kampf einer Mutter, deren Kind vom Noonan-Syndrom geplagt ist. Diese Menschen müssen kämpfen – und sie verlieren sowieso.

Ein Buch zu schreiben ist ein ganz ungeheures Unterfangen. Wenn dabei einer aus seinem persönlichen Fundus schöpfen kann, also berichtet, was ihm wann und unter welchen Umständen begegnet oder durch den Kopf gegangen ist, reduziert sich die Leistung aufs rein Tagebuchartige. Da hat jemand eine Krise, die Krise gipfelt im Unfalltod seines Freundes, und es setzt ein die Katharsis – alles schon einmal dagewesen mit einem bemerkenswerten Unterschied: Die Katharsis lässt sich für ihn leichter umsetzen als für andere; alleine die Erwähnung der Reisen zu den Stätten des Taekwondo-Trainings und zu den Orten seiner Meditationstage sprechen Bände: wer kann das schon?

Was bleibt nun übrig? Ein Buch, das Anstoß zu geben vermag. Ein Buch, das auf etwas Wichtiges deutet: auf die Aufmerksamkeit als Gegenstück zur Verzettelung. Und ein Buch, das sagt, wie und wo man diese Aufmerksamkeit finden kann: im jahrelangen Kampf gegen sich selbst beim Training des Taekwondo!

Quellen und bibliographische Hinweise

Seidel, Christian. Gewinnen ohne zu kämpfen, Taekwondo oder id eEntdeckung der inneren Werte. Ludwig Buchverlag. 304 Seiten, gebunden. 2011. ISBN: 978-3-453-28026-7

Interview mit dem Autor auf Bayern 3 online

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