
- Leihfahrräder in Barcelona - Y. Laurelut
Steigt man am Placa de Catalunya aus dem Flughafenbus aus und lässt sich auf den Passeig de Gràcia treiben, der so prächtig wie die Champs Elysée und gleichzeitig so spanisch trubelig ist, bringt einen bereits der Blick auf die Gehwegplatten zum Staunen. Sechseckig und mit floralem Muster verziert verleihen sie ein Gefühl des Lustwandelns von einem Schaufenster zum nächsten, zwischen Bars und Restaurants, zwischen Juwelier-, Bekleidungs- und Schuhgeschäften mehr oder weniger globaler Ketten und unterschiedlicher Preisklassen. Von H&M über immer wieder Desigual bis hin zu Hermes ist alles dabei.
Die Fassaden verschiedener vergangener Architekturstile faszinieren dabei jedoch viel mehr als die Konsumwelt, bereits hier lässt sich ahnen, dass Barcelona schon immer ein Ort der Vielfalt war, an dem Katalanisch und Spanisch gesprochen wird, der sich im Laufe seiner Geschichte unter immer anderen Herrschern befand und mit seiner günstigen Lage am Mittelmeer stets Anlaufpunkt für Zuwanderer und Händler bot.
Ein Gebäude sticht auf der dem Passeig de Grácia besonders heraus, die Nummer 43, das Casa Batlló, ein bourgeoises Familienwohnhaus, das der unvergessene Barceloner Architekt Antoni Gaudi nach allen Regeln der Kunst gestaltete. Warteschlangen vor dem Gebäude oder der Eintritt mögen vielleicht abschreckend wirken, doch der Besuch des Casa Battló mit dem äußerst gelungenen Audioguide ist mehr als nur seinen Preis wert. Ästhetik und lebenstaugliche Innovation werden im hier auf eine Weise miteinander vereinbahrt, dass man aus dem Staunen nicht mehr hinauskommt.
Nach all diesen Impressionen ist eine kurze Erholungsphase für die Sinne einzulegen. Geeignet dafür sind eine Portion Churros mit einer wunderbar dickflüssigen heißen Schokolade, die in jedem Café angeboten wird und den Energiebedarf für mehrere Stunden deckt.
Wer neugierig auf noch mehr Gaudi-Architektur geworden ist, sollte mit seinem Besuch der Sagrada Familia dennoch bis zum nächsten Tag warten, zu einzigartig, zu anregungsreich sind die beiden Bauwerke, als das man sie an einem Tag abhaken könnte. Vielmehr bietet es sich an, sich zu Fuß oder mit der Metro in eines der älteren Stadtviertel zu begeben, sich einfach treiben zu lassen, bis es Zeit wird, sich einen Ort für die Tapas zu suchen.
Wer es wirklich basal, man könnte fast sagen volkstümlich mag, wenn dieser Begriff nicht so abgenutzt wäre, macht sich auf ins alte Hafenviertel Port Vell. Bereits wenige Meter hinter der obligatorischen touristischen Fressmeile findet man Kneipen ohne Tischdecken und Fotos auf der Speisekarte, dafür mit solider Kost. Meeresfrüchte, Kartoffelbälle "bombas" mit Knoblauchsoße, Sardinen vom heißen Stein, gegrillte Peperoni und Vanillecreme mit Karamelkruste - alles ohne Schnickschnack und zu gutem Preis.
Netter präsentiert wird das Essen im Gotischen Viertel Barri Gòtic. Dieses Quartier sollte auf jeden Fall zu verschiedenen Tageszeiten besucht werden, mit den Lichtverhältnissen ändern die Atmosphäre, das Tempo, die Stimmung in den engen Gassen zwischen Kirchen, Sexshops, individuellen Lädchen und Bars. Unerlässlich im Zusammenhang mit dem Barri Gòtic ist auch der Bummel über La Rambla, einer breiten Fußgängerzone voller Läden, Buden und, sobald das Wetter es zulässt, Straßenkünstlern.
Barcelona ist eine Stadt, die man sich erlaufen kann und soll, denn unterwegs entdeckt man viele Details, die für den Gesamteindruck wertvoll sind. Und bei Müdigkeit ist es nie weit bis zur nächsten Metrostation. Es gibt Hotels aller Standards zu korrekten Preisen, das Frühstück nimmt man der wirdRomantik halber wie die Einheimischen in einer der kleinen Eckkneipen oder Kioske ein.
Und am nächsten Tag dann endlich die Sagrada Familia, Antoni Gaudis bombastisches römisch-katholisches Basilika-Projekt. Der Bau befindet sich nördlich der Altstadt im Stadtviertel Eixample und ist ganz anders als alles, was man bisher zumindest in Europa an Sakralbauten gesehen hat in puncto Lichtverhältnisse und Statik. Der Dekor ist großartig, beim Betrachten bleibt man nicht an der Oberfläche hängen, sondern wird geradezu hineingezogen. Gaudis ganz persönliche Spiritualität und sein Grundsatz, die Natur zur obersten Lehrmeisterin zu nehmen, werden besonders deutlich, wenn man den Blick nach oben wendet und meint sich in einem unendlichen Wald zu befinden. Diese Basilika lebt, was wohl auch daran liegen mag, dass der 1882 begonnene Bau, bereits erster Renovierungsarbeiten bedarf und andererseits nicht vor 2026 fertig gestellt werden wird.
Um das Gesehene zu verarbeiten, empfiehlt sich ein Spaziergang in einem der schönen Parks, sei es der Park Güell, in dem sich noch mehr Gaudi-Architektur befindet oder in dem etwas zentraler gelegenen Parc de la Ciutadella mit einem wunderbar altmodischen Aboretum und Papageien, die auch im Dezember noch in den Bäumen zwitschern. Oder man begibt sich an den Strand, wo Fabelwesen und Burgen, vergängliche Kunstwerke aus Sand errichtet werden.
Eine kleine Nostalgiereise mit Panoramablick über die ganze Stadt und bei klarem Wetter bis zum Montserat, bietet die Tour mit der historischen Seilbahn auf den Tibidabo, jenem geheimnisvollen Ort aus Carlos Ruiz Safons "Schatten des Windes". Auf dem 512 m hohen Hausberg Barcelonas befindet sich die katalanische Version des Sacre Coeur und von Juli bis September ein Vergnügungspark mit historischen Attraktionen.
In der Hauptstadt Katalaniens findet sich eine der größten der Hausbesetzter-Szenen Europas, da die Immobilienpreise für viele junge Menschen kaum erschwinglich sind. Ein Blickvon oben zeigt nicht nur Gaudis Mosaiken sondern auch Dächer mit riesigen Tags revolutionären Inhalts. Den Charme Barcelonas macht nicht nur seine architektonische Vielfalt aus, sondern gleichfalls der bunte Geist der unterschiedlichen Lebensstile.
Ein empfehlenswerter Begleiter, der in jede Jackentasche passt und sich auf relevante Informationen beschränkt, ist der Lonely Planet Barcelona Encounter, 2. Auflage 1.3.2009, ISBN-10: 1741791618, 9,99 Euro.
