Tagebuch – online und handgeschrieben

Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Besonderheiten

Ein klassisches Tagebuch - Inge Wyrsch, Pixelio
Ein klassisches Tagebuch - Inge Wyrsch, Pixelio
Neben Online-Tagebüchern (Blogs) gibt es auch noch das gute, alte Tagebuch, das per Hand geschrieben und mit Leben gefüllt wird.

Gerade junge Mädchen zwischen 10 und 16 Jahren schreiben sehr gerne in ein – am besten abschließbares – Tagebuch, dem sie all ihre Geheimnisse anvertrauen, die sie noch nicht einmal mit ihrer besten Freundin und noch viel weniger mit ihren Eltern besprechen würden. Der Handel bietet eine Vielzahl von Tagebüchern an, oft auch in poppigen Farben und Designs. In manchen Varianten sind die Tage und Daten bereits vorgefertigt, manche Tagebücher enthalten lediglich leere Seiten, vielfach auch mit Lesezeichen.

Blogs werden auch als Online-Tagebücher bezeichnet, in denen der Owner die Dinge einträgt, die ihn besonders bewegen, oft auch themenbezogen. Manche Menschen stellen ihre Gedanken und Erlebnisse einer unter Umständen weltweiten Leserschaft zur Verfügung.

Gefahren von Online-Tagebüchern

In einem handgeschriebenen, abschließbaren Tagebuch, das an einem geheimen Ort aufbewahrt wird, ist es selbstverständlich kein Problem, auch heikle Themen niederzuschreiben wie etwa das erste sexuelle Erlebnis, negative Meinungen über Personen des eigenen Lebens (Lehrer, Ausbilder, Mitschüler, Kollegen ...) – privat bleibt in diesem Fall auch privat.

In Blogs ist dies jedoch alles öffentlich und weltweit abrufbar. Abgesehen davon, dass sich der Verfasser des Blogs unliebsame Leser und "Fans" einhandeln kann (zum Beispiel Stalker), können sehr intime Blog-Einträge wie Berichte über den letzten One Night Stand oder die Hasstiraden über den (unter Umständen auch noch namentlich genannten) ungeliebten Chef im Netz ganz schnell zu alltäglichen Problemen, etwa bei der Jobsuche, führen.

Tagebücher werden meist geschrieben, wenn es dem Verfasser schlecht geht

Dem Mediziner und Kabarettisten Dr. Eckhart von Hirschhausen ist in seinem Buch "Glück kommt selten allein" aufgefallen, dass die meisten Menschen besonders ausführlich Tagebuch führen, wenn gerade etwas in ihrem Leben quer läuft – Ehekrise, Streit mit dem Chef, drohende Arbeitslosigkeit und so weiter. Er fragt sich, was ein Anthropologe denken soll, wenn er in 100 Jahren das Tagebuch eines Menschen von heute findet – vermutlich würde der Eindruck entstehen, dass es in dessen Leben fast nur schlechte Tage gab. Tagebucheinträge, in denen jemand rundum glücklich ist, sind eher selten oder wenn, wird das eigene Glück über die neue Liebe oder den neuen Arbeitsplatz nur sehr kurz erwähnt.

Spannende Themen: der neue Schwarm

Besonders spannend, gerade bei jungen Mädchen, ist es, seitenlange Abhandlungen über das neue Objekt der Begierde zu schreiben; egal, ob es ein Junge aus ihrer Klasse oder Nachbarschaft, der Lehrer oder ein junger Mann ist, den sie zufällig im Schwimmbad kennen gelernt haben. Diese Schreibwut über den neuen Schwarm vergeht jedoch genau in dem Moment, in dem aus der Schwärmerei eine Liebesbeziehung wird. Vermutlich ist das Mädchen dann so sehr mit ihrer neuen Beziehung beschäftigt, dass sie gar keine Zeit mehr hat, ausführlich über IHN und ihr Leben mit ihm zu schreiben.

Betrachtet man im Umkehrschluss die Theorie von Dr. von Hirschhausen so könnte man nicht vorhandene Tagebucheinträge über einen längeren Zeitraum als Indiz dafür werten, dass der Verfasser gerade sehr glücklich und somit anderweitig beschäftigt ist. Es entsteht tatsächlich der Eindruck, dass in Tagebüchern vielfach nur die negativen Erlebnisse betrachtet und betont werden oder eben brennende Fragen wie "Interessiert ER sich auch für mich?".

Was steht in einem Tagebuch Stilistik und Inhalte

Dies ist individuell sehr unterschiedlich. Manche verfassen es eher als sehr geschäftsmäßig anmutendes Journal in Stichworten ("10–11 Uhr: Teammeeting. Michael stank wieder zehn Meilen gegen den Wind und Chefe äußerte gelegentlich ein dumpfes MUH!"; 11–12 Uhr: Ich brauchte nach dem Teammeeting erst mal nen Kaffee und ne Zigarette, bevor ich an der Präsentation für Firma XY weitergearbeitet habe ...). Andere wiederum überschreiben ihren Eintrag lediglich mit dem Datum und notieren ihre Gedanken und Gefühle und eben das, was ihnen an diesem Tag besonders wichtig gewesen ist – im Guten wie im Schlechten.

Gerade junge Menschen verzieren ihre Tagebücher gerne noch mit Zeichnungen, Fotos oder anderen Erinnerungsstücken wie Konzertkarten, Festival-Armbändchen und Ähnlichem.

Sofern es sich nicht gerade um ein Online-Tagebuch handelt und man in der Konsequenz mit allzu intimen Details im World Wide Web sehr vorsichtig sein sollte, kann man im Prinzip im Tagebuch so schreiben, wie einem der Schnabel gewachsen ist, da es ja nicht für einen offiziellen Empfänger bestimmt ist.

Was bringt ein Tagebuch für den Schreiber?

Gerade nach einer gewissen zeitlichen Distanz können Tagebucheinträge, die man vor zehn oder zwanzig Jahren gemacht hat, einen gewissen Unterhaltungswert besitzen, wenn man sich daran erinnert, was man zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Alter gedacht, getan und gefühlt hat. Oft löst das Schmunzeln aus – sofern im Tagebuch nicht gerade absolut traumatische Inhalte thematisiert wurden (schwere Unfälle, sexueller Missbrauch und Ähnliches).

Unter Umständen kann ein Tagebuch auch einen gewissen therapeutischen Zweck erfüllen, weil sich der Verfasser all das von der Seele schreibt, was ihn belastet. Dadurch entsteht häufig eine gesunde Distanz zum ursprünglichen Erleben und Handeln, auch bei traumatischen Erlebnissen.

Alexandra Döll, Autorin, Marina Hong, Düsseldorf

Alexandra Döll - Persönliche Daten: geboren 1974 in Essen, wohnhaft ebendaFamilienstand: ledig, keine KinderAbitur 1993, anschließend ...

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