Im Zuge ihrer Diplomarbeit am Institut für Bildungswissenschaften an der Uni Wien hat sich die Studentin Karoline Pfeiler dem Bereich der Erwachsenen Aus- und Weiterbildung besonders intensiv gewidmet. Diesem Bereich gehört auch die Berufsgruppe der Tageseltern an. Für ihre Recherchen hat sie zehn Tagesmütter aus Wien und der Steiermark besucht, Tagesvater war bedauerlicherweise keiner zu finden. Elf Grundfragen richtete die angehende Wissenschaftlerin an jede, egal ob sie dem Beruf schon 20 Jahre lang nachgehen oder ihre Ausbildung gar erst wenige Monate zurückliegt. Die Antworten aus diesen sehr persönlichen Interviews, die Frau Pfeiler als zweifache Mutter sehr einfühlsam, individuell und geduldig gestaltet hat, können die Situation so zusammenfassen:
Die Ausbildung zur Tagesmutter
Ganz gleich, ob die Ausbildung bei den diversen Volkshochschulen, bei der Kinderdrehscheibe oder beim Wiener Hilfswerk absolviert wurde, alle – bis auf zwei geprüfte Kindergärtnerinnen – kommen zu dem Schluss, dass versucht wird, in den Kursen zu viel Theorie zu vermitteln, anstatt praxisnahe Informationen weiterzugeben. Das geht sogar so weit, dass nicht eine einzige Vortragende selbst Tagesmutter war und so aus praxisnaher Sicht sprechen hätte können.
Erwähnenswert bei diesen Antworten auch, dass sich jede einzelne Teilnehmerin begleitende Praxis bei einer bereits tätigen Tagesmutter wünscht. Anderer Meinung sind hier wiederum die beiden Kindergärtnerinnen, die in ihrer Ausbildung selbstverständlich jede Menge Praxis erwerben müssen.
Das Beste an der Ausbildung
Hervorgehoben hat jede, wie wichtig es war, einen Erste-Hilfe-Kurs mit Schwerpunkt Kleinkind zu besuchen. Ein anderer Themenblock der Ausbildung, nämlich die „Entwicklungspsychologie“, wurde von vielen – auch von jenen, die selbst bereits erwachsene Kinder haben – als hochinteressant insofern beschrieben, als hinter jeder kindlichen Störung auch eine entwicklungspsychologische Komponente steckt. Ist man geschult darauf, diesen Aspekt beim Kind zu erkennen, hilft einem das ungemein, das Kind in seinen Reaktionen viel besser zu verstehen, entsprechend besser betreuen und wahrnehmen zu können. Insofern wird dieser Bereich von den meisten neben der Ersten Hilfe als einer der allerwichtigsten in der Ausbildung beschrieben. Was an dieser Stelle offen blieb, ist leider die Nachfrage bei den Tagesmüttern, ob es nicht sinnvoll wäre, allen Müttern, Vätern, Eltern eine entsprechende entwicklungspsychologische Schulung zuteil werden zu lassen, um so viel seelisches Leid der Kleinkinder erst gar nicht entstehen lassen zu müssen. Dies war allerdings nicht Gegenstand von Frau Pfeilers Recherchen.
Zur Länge der Ausbildung …
… gaben sieben der zehn Befragten folgendes an: Viel zu komprimiert der Stoff, viel zu wenig Zeit für Zwischenfragen, viel zu oberflächlich. Mehr Vertiefung und vor allem mehr Praxis, ein verpflichtendes Praktikum sogar war Wunsch und Grundtenor dieser Antworten. „Ist alles zu schaffen, wenn man bereits eigene Kinder groß gezogen hat“, waren sich die Damen einig. Jedoch auch darüber, dass für Tagesmütter, die selbst keine Kinder haben, die Ausbildung viel zu viele Fragen offen lässt. Auch hier wäre – allerdings nicht für Frau Pfeilers Studie – die Nachfrage interessant, was denn mit den „normalen“ Müttern oder Eltern ist? Die wenigsten Schwangerschaften inkludiert ein Praktikum bei einer Mutter mit drei oder fünf Kindern. Die Ausbildung insgesamt bekam in der Beurteilung der Teilnehmerinnen dennoch ein glattes Gut.
Zeugnis für Tagesmütter?
Ziemlich einstimmig ist man auch dagegen, eine Prüfung einzuführen, denn die Mütter sind der Meinung, dass das kein Beruf sei, in dem man Wissen abfragen könnte. Viel mehr käme es auf die Berufung, das Herz und das Gefühl an, die Liebe, die man den „Kleinen“, den „Haserln“, den „Wuserln“ – und wie sie noch alle liebevoll in den Interviews bezeichnet wurden – mit auf den Weg geben könne. Für das Bild in der Öffentlichkeit hingegen, so ist man sich einig, würde das Ansehen der Tagesmütter mit einer Prüfung steigen. Denn jetzt – so äußert sich die Mehrzahl der Befragten – trage man das Bild einer „Hausfrau mit Kindern“ mit sich herum. Auch mit: „Das ist ein Beruf?“ oder abfälliger: „Den ganzen Tag spielen und bisschen was kochen kann ja nicht so schwer sein“ wurden die Damen konfrontiert. Ein Armutszeugnis für die Gesellschaft.
Die Kontrollen
Sehr kritisch äußern sich alle zehn Befragten zum Thema „Kontrollen“, die zwei Mal im Jahr stattfinden und in etwa 14 Tage im Vorhinein angekündigt und gemeinsam vereinbart werden! Zuständig dafür ist in Wien die Magistratsabteilung 11, das ist das Amt für Jugend und Familie. „Von einer Kontrolle kann hier nicht die Rede sein“, oder „dazu möchte ich mich gar nicht äußern, weil das ein Witz in meinen Augen ist“ lauten zwei Meinungen aus den teilweise haarsträubenden Erzählungen rund um das Thema Kontrollen. An dieser Stelle muss man leider ebenfalls ein negatives Zeugnis ausstellen.
